Nr. 26/2017 vom 29.06.2017

Chabis

Stefan Gärtner über Helmut Kohls Schweiz

Von Stefan Gärtner

Helmut Kohl, der viel zu früh verstorbene Führer der deutschen Nation, der die Einheit des deutschen Lebensraums nach langer Durststrecke wieder hergestellt hat, er tat sich mit der Schweiz sein Lebtag schwer. «Die Schweizer werden wir allerdings nur als Gastwirte verwenden können», lautete einer seiner stehenden Aussprüche, «Die Schweizer sind nichts als ein missratener Zweig unseres Volkes» ein anderer, und in besonders erregten Momenten konnte es aus dem grössten Kanzler aller Zeiten gar herausbrechen, die Schweiz sei «eine Eiterbeule an Europa».

Es ist sicher nicht falsch, von einem helvetischen Trauma zu sprechen, und der Grund dafür war ein denkbar banaler: Kohl, der extrem grosse Europäer, wähnte sich schlicht zu gewaltig für das enge Land, hatte panische Angst, z. B. im Kanton Appenzell-Innerrhoden oder im Weltbild der SVP stecken zu bleiben. «Was ein Talent ist, kann sich in einem Land wie der Schweiz nicht entfalten», erklärte er in vertrauter Runde. «Die Basis ist zu klein. Deshalb bin ich so froh, dass die germanischen Völker jetzt die Möglichkeiten wiedergewinnen, die mit der Weite des Raumes gegeben sind.» Und die in der kleinen, ja auch bloss teilgermanischen Schweiz so schmerzlich fehlten und immer noch fehlen.

Dabei hatte alles eigentlich gut begonnen in der Beziehung Kohl–Schweiz: Bereits als sehr junger Kohl (lesen wir in den «Monologen im Kanzlerbungalow») sei er, Kohl, in der Schweiz gewesen, habe in Zürich gegessen und sei «vollständig perplex» gewesen «über die Fülle der Gerichte. Was hat so ein kleiner Staat für eine Ideologie des Lebens?» Fressen und gefressen werden? Und das behagte, wie sich leicht denken lässt, Kohl halt bloss zur Hälfte; sodass das Misstrauen wuchs, zumal er später und obendrein einem Anschlag auf sein Leben nur knapp entkam, «weil der Attentäter, ein Schweizer», der ihm «drei Monate lang auf dem Berghof nachgestellt» habe, ihn bei seinen «Spaziergängen zeitlich regelmässig verfehlte». Weil der Schweizer nämlich eine Schweizer Präzisionsuhr trug, Kohl sich aber wie üblich nach dem Sonnenstand, eigentlich sogar bloss nach seinem Hungergefühl orientierte, nach welchem halt ständig Essenszeit war; weshalb die Spaziergänge praktisch immer ausfielen …

Aber im Ernst: Was sollte Kohl denn auch mit der Confoederatio Helvetica (CH), wenn er doch schon fast im Gegenteil eine Confoederatio Helmutica (EU) anstrebte und letztlich ja auch hinbekam? Lediglich die engsten Vertrauten wussten, wie sehr ihn die Bilder quälten, die ihn in seinen schlimmsten Albträumen heimsuchten: er, nicht mit Mitterrand in Verdun, sondern mit Emil in Sempach händchenhaltend; er, mit (einem noch nicht mal recht erwachsenen) Oskar Freysinger auf dem SS-Friedhof in Bitburg; er, auf Staatsbesuch in Dietikon, wo er doch immer gleich Diätikon verstand!

Die Schweiz, sie blieb ihm fremd, trotz der gottlob so reichlichen Vorkommen an Sprüngli-Schokolade und der wunderhübschen Tankwaggons der «Bertschi AG Dürrenäsch». Mit wem in diesem blöden Land hätte er sich denn nach dem Krieg aussöhnen sollen? Und wer hätte hier, in diesem blühenden Gemeinwesen, denn seine, Kohls, Sätze von den blühenden Landschaften hören mögen? Zumal Kohl in der Schweiz nicht einmal Kohl hiess, sondern, ungünstig genug – Chabis …?

So lebte er und starb / im grössten der Kantone. / Die kleinen kümmre dies / darum auch nicht die Bohne.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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