Nr. 12/2018 vom 22.03.2018

Gluss aus Düllenäsch

Stefan Gärtner über chinesische Beteiligungen

Von Stefan Gärtner

Es geht ja alles immer schneller, und selbst ein Visionär kommt da manchmal schon zu spät. Eben erst habe ich Christoph Blocher den «Helvetischen Traum» träumen lassen, der sich an Xi Jinpings «Chinesischem Traum» orientiert, schon dräuen in der Schweiz tatsächlich chinesische Verhältnisse, aber ganz andere, als Blocher sich vielleicht ausmalt. Dass die Anzahl chinesischer Beteiligungen und Übernahmen stetig zunehme, berichtete jetzt die SRF-«Tagesschau», und dem Florian Inhauser möchte ich raten, sich nicht im dunklen Dreiteiler in die Nachrichten zu stellen, wenn er nicht aussehen will wie ein höherer Bankangestellter, der Nachrichten vorträgt; auch wenn es sicher Leute gibt, die finden, so sei es doch schliesslich auch.

Jedenfalls fürchtet sich die Schweiz vor der gelben Gefahr, weil «der Chinese» (Friedrich Glauser) alles aufzukaufen beginnt, was nicht niet- und nagelfest ist. So gehört, was die wenigsten wissen, die «Neue Zürcher Zeitung» schon seit langem einer chinesischen Investmentfirma, die die Leitartikel des Traditionsblattes aus Kostengründen in einer Sonderwirtschaftszone an der Grenze zur Mongolei fertigen lässt. Da platzt nicht nur dem Solothurner Ständeratsmitglied Pirmin Bischof (CVP) via SRF der Kragen, wenn auch auf diskret schweizerische Art: «Wir haben eine freie Marktwirtschaft. Aber auch in einer solchen muss es möglich sein, dass, wenn Staaten versuchen, schweizerische Firmen zu übernehmen, dass der schweizerische Staat dann überlegen darf, ob das für unseren Staat gut oder schlecht ist.» Bischof (vgl. auch Eckhard Henscheid, «Die Mätresse des Bischofs», Frankfurt 1978) hat da insbesondere sicherheitsrelevante Beteiligungen im Blick, die Energieversorgung betreffend, Informationstechnologie oder (das denken wir uns hinzu) die Rüstung, wie nämlich in Deutschland ausländische Beteiligungen von mehr als 25 Prozent der Genehmigungspflicht unterliegen. Ganz im Gegensatz zu Massnahmen, die die Institutionalisierung von Armut betreffen; die müssen zwar auch genehmigt werden, aber bloss pro forma, weil sich das von selbst versteht, dass die für unseren Staat gut sind. Wobei «unserer» natürlich heisst: der der höheren Bankangestellten.

Und das freut «uns» dann, dass der zügellose Kapitalismus gar nicht so zügellos ist wie gerade von linksextremen Medien gern behauptet: Der Staat passt nämlich auf, dass das nationale Kapital, das ihn trägt, auch ein nationales bleibt. Wenn der «Chineserer» (Henscheid) käme und sich, sagen wir, die Schweizer Energiewirtschaft unter den Nagel risse, stünde die Schweiz gleich zweimal dumm da: erstens, weil die Gewinne aus der Stromerzeugung dann nach China gingen, und zweitens, weil Genosse Xi der Schweiz einfach den Strom abdrehen könnte, was er freilich nicht muss, wenn sie ihm erst einmal komplett gehört. Auf NZZ-Leitartikel müsste, siehe oben, ohnehin niemand verzichten, dafür bloss auf den eventuell sogar noch langweiligeren und noch stocksteiferen Florian Inhauser (schweiz. für «Stubenhocker»). Hat eben alles auch seine Vorteile.

Aber Pirmin Bischof hat natürlich recht, sich zu sorgen; denn wer zahlt, schafft an, und Rivella gelb und Hündner Fleisch braucht die Welt so wenig wie «Yello Strom». Und meine helvetische Lieblingsfirma, die Bertschi AG Dürrenäsch, unter chinesischer Kontrolle? «Beltschi AG Düllenäsch», da ist es dann, ich fürchte, würkli vorbei.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.