Nr. 31/2017 vom 03.08.2017

Das versteckte Elend von Como

Im August 2016 biwakierten Hunderte Geflüchtete am Bahnhof von Como. Es kommen immer noch viele. Es sieht sie bloss niemand mehr. Eine Reportage aus der Lombardei.

Von Mohamed Musadak, Como

Pfarrei im ArbeiterInnenviertel Rebbio: Jeweils zehn Personen teilen sich die Zimmer während dreier Nächte, dann kommt die nächste Gruppe zum Zug. FOTO: PABLO GIANINAZZI, TI-PRESS

Die Szenerie am heruntergekommenen Bahnhof von Como löst Unbehagen aus. Hier TouristInnengruppen, die vor dem Ausgang auf ihren Reisecar warten, da Trauben von Carabinieri, die in lässiger Pose in der Eingangshalle Wache schieben, und dazwischen immer wieder afrikanische MigrantInnen, die wie Schattenwürfe den Fassaden entlanghuschen. Ob sie auf dem Weg zurück nach Mailand sind oder den verwegenen Versuch eines Grenzübertritts nach Chiasso wagen: Verschüchtert wirken sie alle. Ein Jahr nachdem Como plötzlich als Brennpunkt auf der Landkarte der sogenannten Migrationskrise aufgetaucht war, fügen sich diese Szenen längst ins Alltagsbild der Grenzstadt.

Unwürdige Lebensumstände

Mitte Juli 2016, Como erregt die Aufmerksamkeit der europäischen Medien. Hunderte Menschen auf der Flucht haben den Park unterhalb des Bahnhofs mit Zelten besiedelt. Die unwürdigen Lebensbedingungen, die dort herrschen, machen das improvisierte und mit 500 BewohnerInnen überfüllte Camp rasch zu einem Symbol, das die italienische Überforderung im Umgang mit Geflüchteten sichtbar macht.

Heute ist vom Camp nichts mehr zu sehen. Einzig ein hier stationierter Kastenwagen der Guardia di Finanza, der italienischen Grenzpolizei, erinnert an die Ereignisse des vergangenen Sommers. Das Camp war noch im Herbst 2016 geräumt worden. Als Ersatz dient seither ein Durchgangszentrum, das vom lokalen Roten Kreuz betrieben wird und 400 Personen Platz bietet. Die Unterkunft sei nahezu voll belegt, so hört man. Das lässt sich allerdings nicht überprüfen, denn die Öffentlichkeit erhält keinen Zugang zum Zentrum, Anfragen an die Verantwortlichen bleiben unbeantwortet.

Offensichtlich ist allemal, dass die Unterkunft bei weitem nicht ausreicht. Gemäss den vor Ort aktiven, zivilgesellschaftlichen Organisationen sind seit Anfang des Jahres 1500 und allein in der ersten Julihälfte 600 MigrantInnen in Como angekommen. Die Bemühungen der Behörden, die Anwesenheit der MigrantInnen so diskret wie möglich zu verwalten, werden von diesen Zahlen konterkariert. Neben jenem des Roten Kreuzes gibt es noch zwei «Sonderaufnahmezentren» der Gemeinde mit vierzig respektive sechzig Plätzen. Alle weiteren Unterbringungen werden von privaten, teils vom Staat finanziell unterstützten Initiativen bewältigt. So etwa von Don Giusto della Valle. Der italienische Priester und Träger des Schweizer Menschenrechtspreises hat seine Pfarrei im ArbeiterInnenviertel Rebbio im Norden der Stadt in ein Aufnahmezentrum für Geflüchtete umgewandelt.

In der drückenden italienischen Julihitze dieses Samstagnachmittags verschluckt der rege Betrieb um die Pfarreikirche deren Glockenschlag. Offenbar steht eine Feierlichkeit an. Lautsprecher beschallen die Gemeinschaftsräume der Pfarrei mit afrikanischen Klängen – mit nigerianischem Afropop und kongolesischer Rumba. Der Ort gleicht einem Bienenstock. Ein Kommen und Gehen, jeder folgt seiner Beschäftigung, ein heiteres Tohuwabohu. Kinder spielen Fangen, Frauen in farbigen Gewändern kochen im Hof auf einem Holzkohlengrill. Im Gratisladen im Untergeschoss flickt ein nigerianischer Schneider gespendete Kleider. Ehrenamtlich engagierte GenferInnen haben die Lagerbestände an diesem Morgen mit einer Ladung Textilien bestückt. Im ebenerdigen Speisesaal hält Giorgia Bonderi ihr Logbuch à jour, in dem sie die letzten Ankünfte und Abreisen einträgt. Bonderi ist die einzige bezahlte Mitarbeiterin Don Giustos.

Gemäss der jungen Frau beherbergt die Pfarrei derzeit 20 Frauen, 25 Männer und 12 Familien in unterschiedlichen Gebäuden. Sogar seine Privatwohnung stellt der Pfarrer dem kleinen Kosmos zur Verfügung: Jeweils zehn Personen teilen sich die Zimmer während dreier Nächte, dann kommt die nächste Gruppe zum Zug. Der Grund: Die Pfarrei musste im Frühjahr ihre Kapazitäten wegen eines Beschlusses des Kirchengemeinderats reduzieren. Im Mai mussten die Schlafplätze aus dem Oratorio entfernt werden, einem zur Kirche gehörenden Nebengebäude, das nun wieder seiner Bestimmung als Jugendtreff des Quartiers dient.

Der erschöpfte Don Giusto

Die Nachbarschaft zwischen den BewohnerInnen Rebbios und der neuen Wohngemeinschaft in der Kirche verläuft nicht immer reibungslos. Einige Gemeindemitglieder fühlen sich verdrängt und kommen nicht mehr zur Messe. Don Giusto sieht sein Engagement dadurch jedoch nicht infrage gestellt: «Für mich ist dies das einzig Richtige – meine Aufgabe», erklärt er erschöpft.

Das Profil der bei Don Giusto ankommenden MigrantInnen hat sich seit dem letzten Jahr stark verändert. Bildeten früher EritreerInnen das Gros seiner MitbewohnerInnen, sind heute WestafrikanerInnen in der Mehrheit. Weil ihre Herkunftsländer als «sicher» gelten, haben sie keinerlei Aussicht darauf, weiter nördlich einen Asylstatus zu erhalten. Für sie ist die Schweiz tatsächlich zu einer unüberwindbaren Festung geworden. Gemäss den Organisationen vor Ort hatten vor einem Jahr noch 200 Personen pro Woche die Grenze zur Schweiz überquert, heute seien es nur mehr 200 pro Monat.

Viele der Zurückgebliebenen beginnen deshalb notgedrungen, eine Zukunft in Italien in Betracht zu ziehen. So etwa Bahomé, ein junger Burkinabe, der nur vom Arbeiten träumt. Mit seinen wenigen italienischen Worten bittet der Neuankömmling um «lavoro, lavoro» (Arbeit). Stattdessen wird er sich mit dem Besuch der Italienischstunden begnügen müssen, die die vielen ehrenamtlichen HelferInnen Don Giustos anbieten.

Katholische Verhütungsprohibition

Noch misslicher ist die Lage der jungen Frauen in der Kirche, die meist aus Nigeria oder Ghana stammen. Um die Reise nach Europa zu bezahlen, hätten sich viele schwer verschuldet. «Die Rückzahlungsforderungen belaufen sich bei manchen Frauen auf bis zu 35 000 Euro», schätzt Don Giusto. «Mit diesen Summen als Druckmittel werden die Frauen dann in die Sklaverei der Prostitution gezwungen», fährt der Priester schamhaft fort. Seine eher wegschauende Duldung dieser Praxis schliesst Aufklärungsarbeit oder das Verteilen von Verhütungsmitteln aus. Stattdessen hat die Kirchgemeinde eine Ethnopsychologin engagiert, die den Frauen regelmässig ihre Dienste anbietet.

Für die paar Hundert MigrantInnen, die noch kein Dach über dem Kopf gefunden haben, wird die laue Julinacht zu einem kleinen Lauf gegen die Zeit. Angesichts des vorhergesagten Regens suchen viele Zuflucht im Parkhaus Val Mulini im Süden Rebbios. Um 23 Uhr haben sich hier rund vierzig Personen mit ihren spärlichen Habseligkeiten eingefunden. Die paar Bettlaken, die jemand vorbeigebracht hat, sind heiss begehrt, die Stimmung ist angespannt. Einige betrinken sich, andere beten auf Plastikplanen. Unmut und Frust sind greifbar. Ehrenamtliche StreetworkerInnen aus Rebbio kommen vorbei. Sie bringen warmen Tee und Hygieneprodukte. Bald haben die BewohnerInnen des Parkings kleine Grüppchen gebildet und diskutieren in die Nacht hinein. Da ihnen die StreetworkerInnen kaum Zukunftsperspektiven in Italien in Aussicht stellen, ist die Rückkehr nach Afrika das Gesprächsthema. Einige ärgern sich über «die Europäer, die nie etwas Konkretes anbieten». Andere, so wie Kwasi – seinen richtigen Namen behält er für sich –, kämpfen entschlossen gegen die getrübte Stimmung an: «Was auch kommen mag: Ich werde diese Grenze überqueren, so wahr mir Gott helfe. Ich habe schliesslich Familie in der Schweiz.» Bevor er sich wieder seiner Beschäftigung zuwendet, verspricht Kwasi, er werde ein SMS schicken, sobald er am Ziel sei. Bis heute ist keine Kurznachricht von ihm eingegangen.

Dieser Artikel erschien zuerst in «Le Courrier». Aus dem Französischen von Roman Enzler.

EU-Flüchtlingspolitik

Tödliche Abschottung bestätigt

Von Anna Jikhareva
Es hätte ein wegweisendes Urteil werden können, stattdessen bekannte sich der EU-Gerichtshof zur europäischen Abschottungspolitik. Vergangene Woche bestätigte das Gremium die sogenannte Dublin-Verordnung, also die Auffassung, nach dem die Staaten an den Aussengrenzen für Asylverfahren und Flüchtlingsschutz zuständig sind. Und es konstatierte, dass dieser Grundsatz auch in Ausnahmezeiten wie dem Sommer 2015 gelten soll. Zwar wies man darauf hin, dass die Länder im Zentrum des Kontinents «im Geist der Solidarität» freiwillig helfen können – doch dass freiwillige Solidarität auf dieser Ebene nicht funktioniert, ist keine Neuigkeit.

Während also die Justiz am Status quo festhielt, wurden politisch diverse Beschlüsse gefasst. Weil die EU Italien, an dessen Stränden in diesem Jahr 113 600 Personen ankamen, weiter im Stich lässt, will Rom sein Militär vor der libyschen Küste einsetzen. Das Parlament hat einem entsprechenden Vorschlag der Regierung zugestimmt. Zugleich hat das Land einen Verhaltenskodex für private SeenotretterInnen, die vierzig Prozent der Rettungseinsätze bestreiten, vorgelegt. Die meisten Organisationen lehnen die Vereinbarung, die unter anderem bewaffnete PolizistInnen auf den Schiffen vorsieht, ab. Und aus Frankreich erklang der Ruf nach Aufnahmezentren in Libyen. Eine alte wie unrealistische Idee.

Seit einer Weile schon reisen ExponentInnen der EU regelmässig nach Afrika, um mit den jeweiligen Regierungen Deals auszuhandeln: Entwicklungshilfe gegen Grenzkontrolle. Auch der Hamburger G20-Gipfel stand unter diesem Motto. Vergangene Woche trafen sich in Tunis zwölf MinisterInnen europäischer sowie afrikanischer Staaten, darunter auch Justizministerin Simonetta Sommaruga. «Ziel ist die Rettung von Menschenleben dank weniger Wüsten- und Meerüberquerungen», vermerkte ihr Departement im Anschluss. Später beschloss die EU eine Verlängerung ihrer Militäroperation im Mittelmeer – obwohl die Kritik daran zunimmt. Amnesty International etwa kam kürzlich zum Schluss, die Strategie der Mission sei gescheitert, die Todesrate habe sich verdreifacht. Bisher sind im Jahr 2017 mindestens 2378 Menschen auf dem Weg nach Europa ertrunken. Auch die politischen Zeichen stehen weiter auf Abschottung. jik

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