Nr. 34/2017 vom 24.08.2017

Die Erinnerung der Fliege

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Manchmal bringt einen die Forschung ganz schön ins Grübeln. Da hat ein internationales Konsortium wissenschaftlicher Institutionen in jahrelanger Kleinarbeit das Hirn der Drosophilafliege vermessen und daraus den kompletten Schaltplan ihres Gedächtnisses rekonstruiert.

Die Kleinarbeit ist dabei ziemlich wörtlich zu verstehen: Um die rund 10 000 Nervenzellen eines Fliegenlarvenhirns überhaupt erfassen zu können, musste dieses erst in feinste Scheiben geschnitten werden. Eine Doktorandin der Uni Konstanz war daraufhin allein damit beschäftigt, die rund 400 Nervenzellen des sogenannten Pilzkörpers mithilfe eines Elektronenmikroskops zu identifizieren und insgesamt an die 100 000 Synapsen manuell zu erfassen. Über diese Synapsen im Pilzkörper, dem Gedächtniszentrum des Gehirns, laufen sämtliche sensorischen Informationen – sie lenken die Lern- und Speicherprozesse im Fliegenhirn.

Die vollständige Kartografierung dieses neurologischen Schaltplans gilt als bahnbrechend und wird mit der Entschlüsselung des Genoms verglichen, die zahlreiche Fortschritte in der Medizin eingeleitet hat. Bloss: Mit dem Gedächtnis einer Fliege ist es nicht weit her. Ihr Erinnerungsvermögen beschränkt sich nämlich auf den Bruchteil einer Sekunde. Deshalb fliegt sie auch immer und immer wieder gegen dieselbe Glasscheibe.

Immerhin: Gewisse Fliegen sind lernfähiger als andere, wie ein Forschungsteam der Uni Lausanne bereits vor neun Jahren aufzeigen konnte. Es gelang ihm, durch gezielte Selektion intelligentere Fliegen zu züchten. Doch diese Fliegen bezahlten dafür einen hohen Preis: Ihre Lebenserwartung verkürzte sich um rund ein Drittel. Denn ihr Gehirn verbrauchte durch die gesteigerte Leistung so viel mehr Energie, dass sie vorzeitig alterten.

Wenn also das bald vollständig kartografierte Modellhirn der Drosophila als Basis für medizinisch relevante Untersuchungen dienen soll: Warum es dann nicht einmal mit Hirndoping versuchen? Nicht auszudenken, wenn eine gemeine Stubenfliege dank eines entsprechenden pharmazeutischen Cocktails plötzlich innehielte vor der Scheibe, in die sie eine Sekunde zuvor geprallt ist – erschüttert von einem Déjà-vu. Einem Déjà-vu, das gleichzeitig ihr letztes sein könnte, weil sie im Moment der Erkenntnis kollabiert. Niedergestreckt von einem überlastungsbedingten Kurzschluss im Schaltkreis. Heureka!

Wer die Erkenntnisse an das milliardenschwere und zurzeit etwas orientierungslos wirkende «Human Brain Project» weiterleiten möchte: Es tagt vom 17. bis zum 20. Oktober 2017 in Glasgow.

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