Nr. 34/2017 vom 24.08.2017

Der kühne Traum eines linken Zionismus

Vor 120 Jahren begründete Theodor Herzl in Basel den Zionismus. Linke ZionistInnen wie Martin Buber versuchten zeitlebens, die Bewegung vom nationalistischen Zeitgeist des Fin de Siècle zu befreien.

Von Roman Enzler

Für ein «dauerndes freundschaftliches Einvernehmen mit den Arabern»: Martin Buber in Jerusalem, circa 1940. Foto: J. Schweig, Alamy

Das 19. Jahrhundert geht zur Neige. Grossbritannien im imperialistischen Höhenrausch, das Deutsche Reich und Italien auf kolonialer Aufholjagd – Europa liegt im nationalistischen Delirium. In Frankreich ereignet sich die antisemitisch motivierte Dreyfus-Affäre, im Zarenreich häufen sich Pogrome. Noch ist Theodor Herzl als Student der Rechtswissenschaften Mitglied der deutsch-nationalistischen Burschenschaft Albia. Das Zeitgeschehen und die Zurückweisung, die er dort erfährt, bewegen ihn zur Ansicht, dass sich JüdInnen in Europa vergebens um Assimilation bemühten.

Seine Prognose, dass der Antisemitismus in Europa nicht mehr aufzuhalten sei, wird sich auf schrecklichste Weise bewahrheiten. In der Schaffung einer jüdischen Heimat in Palästina glaubte er bald, den einzigen Ausweg zu erkennen. So lud er im August vor 120 Jahren zum ersten Zionistischen Kongress nach Basel ein und lancierte fast im Alleingang eine Bewegung, die fortan auf die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina hinarbeitete.

Ein arabisch-jüdisches Utopia

Um den diskriminierten JüdInnen einen Ausweg aus der feindlichen Umgebung zu ebnen, scheute er nicht davor zurück, sich des Chauvinismus und des Nationalismus seiner Zeit zu bedienen: Emissären der Kolonialmächte bot er an, die «Judenfrage» in Palästina zu lösen; den geplanten «Judenstaat» im Nahen Osten pries er als «Vorposten der zivilisierten Welt in der Barbarei» an. Die Existenz der 500 000 AraberInnen in Palästina pflegte er gegenüber seinen AnhängerInnen mit der Losung «Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land» zu unterschlagen. Einzig in seinem Tagebuch erwähnt er eine bereits in Palästina ansässige Bevölkerung. In einem Eintrag vom 12. Juni 1895 heisst es dort: «Die arme Bevölkerung trachten wir unbemerkt über die Grenze zu schaffen, indem wir ihnen in den Durchzugsländern Arbeit verschaffen, aber in unserem eigenen Lande jederlei Arbeit verweigern.»

Der Philosoph und Mystiker Martin Buber gehörte zu Herzls ersten Weggefährten und bald zu den vehementesten KritikerInnen der nationalistischen Tendenz, die der «Vater des Zionismus» der gemeinsamen Bewegung in die Wiege gelegt hatte. Zum Anlass des 120-jährigen Bestehens des Zionismus lohnt es sich, mit Martin Buber einen der umsichtigsten VertreterInnen des Zionismus in Erinnerung zu rufen, sind seine Ansätze doch unvermindert aktuell.

Buber teilte das Ziel einer jüdischen Heimstätte mit Herzl, nicht aber dessen Methoden. Er wollte das Judentum nicht nur vor Europa retten, sondern auch von dessen nationalistischem Zeitgeist erlösen. Wie Herzl war er der Ansicht, dass die JüdInnen ihre Selbstbestimmung zurückerlangen müssten. Gleichzeitig appellierte er unermüdlich an seine zionistischen MitstreiterInnen, «sich mit Abscheu von der Methode des Herrschaftsnationalismus abzuwenden». Zionismus verstand er nicht als Ermächtigung vom Spielball der Weltgeschichte zum Spieler, sondern als Emanzipation vom kapitalistischen, nationalistischen, antisemitischen und imperialistischen Spiel seiner Zeit.

«Es ging ihm nicht primär um einen Staat», schrieb sein Biograf Gerhard Wehr, «sondern um die Erneuerung des Menschen». Unter dem Einfluss eines Freunds, des Anarchisten und Mitbegründers der Bayerischen Räterepublik Gustav Landauer, setzte er sich für einen föderalistischen Sozialismus ein. Über die gemeinsame freie Arbeit, so seine Überzeugung, könne ein echtes Gemeinschaftsleben mit den AraberInnen Palästinas erreicht werden: «Nur dezentralisierte, aus autonomen Werkgemeinden aufgebaute Gemeinwesen können sich zum wahren Völkerbund zusammenschliessen; nur ein solcher wird dem Orient eine Hand reichen können, die brüderlich ergriffen wird; denn nur ein solcher Völkerbund wird nicht mehr vergewaltigen wollen.» Im selben Zuge wie der Zionismus den europäischen JüdInnen einen Ausweg aus der Unterdrückung aufzeigen sollte, so Bubers Hoffnung, könnte er die arbeitende Bevölkerung Palästinas von ihren Feudalherren befreien.

Warnung in der Euphorie

Ebenso wie der achtzehn Jahre ältere Herzl wurde Buber in Wien geboren. Er verbrachte die Kindheit in Lemberg, als Student kehrte er in die Hauptstadt der österreichisch-ungarischen Monarchie zurück. Ab 1898 verband die beiden eine Freundschaft, ihre Begeisterung für den Zionismus sowie eine publizistische Zusammenarbeit unter dem Dach des zionistischen Sprachrohrs «Die Welt». Bereits nach dem dritten Zionistischen Weltkongress jedoch, der 1900 noch unter der Leitung Herzls in Basel tagte, fühlte sich Buber, der erstmals als Redner auftrat, von Herzls nationalistischer Realpolitik und seiner Anbiederung an die Kolonialmächte befremdet. Er gründete mit Gleichgesinnten die «kulturell-demokratische Fraktion» als innerzionistische Opposition.

Nach dem Ersten Weltkrieg eröffnete sich dem utopischen Projekt Herzls plötzlich eine realistische Perspektive. Das britische Weltreich hatte sich an der Pariser Friedenskonferenz von 1919 das Mandat über Palästina gesichert und sich mit dem Ziel einer beschleunigten jüdischen Besiedlung des Gebietes einverstanden erklärt. Während viele seiner zionistischen KollegInnen darob in Euphorie ausbrachen, warnte Buber davor, sich für die kolonialen Machenschaften des Empire instrumentalisieren zu lassen. Mit dem «humanitätsbewimpelten Imperialismus» wollte er nichts zu schaffen haben.

Der Zionismus sollte sich seiner Meinung nach «aller äusseren Politik enthalten – bis auf Schritte und Massnahmen, die erforderlich sind, um ein dauerndes freundschaftliches Einvernehmen mit den Arabern, ja eine umfassende brüderliche Solidarität herbeizuführen». Andernfalls würden die ZionistInnen «dem Orient als verhasste Agenten und Detektive» erscheinen, so befürchtete Buber. Als grössten Irrtum der zionistischen Politik kritisierte Buber bald, dass diese stets die Majoritätsbildung in Palästina anstrebte. «Als ob ein Gemeinwesen, das unsere Problematik nur umkehrte, das uns nämlich dort an anderen tun liesse, was gleichzeitig hier (in Europa) an uns getan würde, uns von der Problematik erlösen würde!»

Kolonialpolitik als Grundfehler

Mit jedem Zionistischen Kongress, an dem Buber mitwirkte, hatte sich die zionistische Bewegung weiter von seiner Utopie einer friedlichen Koexistenz mit den AraberInnen entfernt. Eine neue Eskalationsstufe erreichte der Konflikt 1929 mit dem Massaker von Hebron, dem 69 JüdInnen zum Opfer fielen. Die Ereignisse gaben dem rechten Flügel des Zionismus und der paramilitärischen Miliz Hagana Auftrieb. Die von Buber 1925 mit begründete Vereinigung Brit Schalom, die das arabisch-jüdische Verständnis fördern wollte, begann sich dagegen aufzulösen.

Sein enger Freund, Biograf und Gesinnungsgenosse Hans Kohn teilte Buber in einem Brief vom Herbst 1929 seine Abkehr von Brit Schalom und dem Zionismus mit: «Wir sind seit zwölf Jahren in Palästina, ohne auch nur einmal einen ernstlichen Versuch gemacht zu haben, uns um die Zustimmung des Volkes zu kümmern, mit dem Volke zu verhandeln, das im Lande wohnt. Wir haben uns ausschliesslich auf die Militärgewalt Grossbritanniens verlassen. Wir haben uns ausschliesslich Ziele aufgestellt, von denen wir uns sagen mussten, dass sie Anlass und zwar berechtigter Anlass zu einem nationalen Aufstand gegen uns sind.»

Nachdem 1947 in Folge des Uno-Teilungsplans der Palästinakrieg losgebrochen war, glaubte Buber weiterhin an die Möglichkeit einer einvernehmlichen Lösung, wenn auch nicht mehr in Form einer sozialistischen Föderation – die Chance schien historisch vertan –, so immerhin auf der Grundlage eines binationalen Staates. Für die jeweilige Selbstbestimmung bräuchten weder Araber noch Jüdinnen einen Staat. Ein Gemeinwesen, «in dem jedes Volk seine spezifischen Angelegenheiten verwaltet und beide miteinander ihre gemeinsamen», könne beider freie Entfaltung gewährleisten. Voraussetzung sei einzig das Primat einer möglichst kooperativen Wirtschaft vor der Politik, wobei Wirtschaft für Buber hiess: «das schaffen, was man braucht» und «vollkommene Gleichberechtigung beider Partner ohne Rücksicht auf die jeweilige zahlenmässige Proportion». Bis zur Staatsgründung Israels 1948 und darüber hinaus blieb Buber einer der schärfsten Kritiker des Zionismus, ohne der Bewegung jemals den Rücken zu kehren.

«Wir haben jahrelang so getan, als ob die Palästinenser nicht existierten, und waren froh, wenn wir nicht an sie erinnert wurden», schrieb Hans Kohn 1929. Die Ignoranz gegenüber der Existenz der PalästinenserInnen und ihrem Anspruch auf Selbstbestimmung setzt sich bis in die heutige Politik des israelischen Staates fort: etwa wenn Ministerpräsident Benjamin Netanjahu fordert, die PalästinenserInnen müssten Israel als jüdischen Staat anerkennen, oder Justizministerin Ajelet Schaked sogar vorschlägt, die PalästinenserInnen nach Jordanien umzusiedeln. Zentrales Hindernis bei der Suche nach einer gerechten Lösung des Nahostkonflikts bleibt der Anspruch, eine Majorität zu sein. Er verunmöglicht die Rückkehr palästinensischer Flüchtlinge ebenso wie die Anerkennung der PalästinenserInnen als gleichberechtigte BürgerInnen des de facto einzigen Staates Israel.

Friedliche Koexistenz

1978 starb Martin Buber in Jerusalem. Das ermutigende Osloer Abkommen von 1993 brachte eine Zweistaatenlösung näher – in der Zwischenzeit ist die jüdisch-palästinensische Verständigung wieder abgebrochen. Nichtsdestotrotz würde Buber wohl unbeirrt an die Möglichkeit einer friedlichen und einvernehmlichen Koexistenz in einem binationalen Staat glauben, wie er ihn zuletzt vorschlug. Ein solcher wäre denn auch immer möglich, wenn beide «Nationen» davon absehen würden, die andere «Nation» in den Status einer Minderheit zu versetzen.

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