Nr. 37/2017 vom 14.09.2017

Das Leitmedium der neuen Unübersichtlichkeit

Die Videobewegung der siebziger und achtziger Jahre lotete mit viel Experimentierlust das neue Medium für die Möglichkeiten der politischen Agitation aus. Historisch eingebettet wird das in der Ausstellung im Landesmuseum indes nicht.

Von Erich Keller

Zeiten des Zerfalls brauchen andere Bilder: Szene aus «Züri brännt», 1981. Still: Videoladen Zürich

Blaustichig ausgebleicht, holprig und grob sind die Bildtopografien von «Züri brännt» – so perfekt passen Bild, Ton und Wut zueinander, dass man leicht das Gefühl bekommen könnte, ungefiltert und authentisch in die aufregende Wahrheit der Geschichte zu blicken. Doch ist es nicht zuletzt den technischen Unzulänglichkeiten des Speichermediums geschuldet, dass die Bilder dieses international wohl bekanntesten Bewegungsvideos sich als vermeintliches Signum der achtziger Jahre ins Generationengedächtnis gebrannt haben.

Das Schweizerische Landesmuseum hebt mit seiner Ausstellung «Rebel Video» die Videobewegung der siebziger und achtziger Jahre aufs historische Parkett. Das bietet die Chance, durch das Prisma der Videotechnik auf den umfassenden gesellschaftlichen Wandel der letzten vierzig Jahre zu blicken. Die von Sony entwickelten Portapak-Videosysteme demokratisierten Ende der sechziger Jahre das Filmen. Zwar waren sie anfänglich noch verhältnismässig schwer und bestanden aus zwei getrennten Geräten, dem Rekorder und der Schwarzweisskamera. Doch ermöglichten sie es, ohne viel Know-how zu filmen. Das analoge Videoband war nämlich mehrfach bespielbar und somit günstig.

Früh schon wurden daher die ortsunabhängigen Videosysteme zum Dokumentieren eingesetzt, zur politischen Agitation oder um Bilder von Gegenwart und Geschichte zu erzeugen. So zeichnete die britische Community-Video-Bewegung die Erinnerungen der Weltkriegsgeneration als Oral History auf und hielt die teils dramatischen Auswirkungen ungebremster neoliberaler Stadtentwicklung fest. Auch die sogenannten Minoritäten rückten in den Siebzigern ins Bild – zahlreiche spannende, oft auch von den Betroffenen selbst geleitete Videoarbeiten entstanden.

Zweizeilige Flachbildschirmbatterien

Anfänglich imitierte das politische Video noch den traditionellen Zelluloidfilm und dessen Bildgestaltung, erzählte meist linear. Doch auch hier machten sich bald Veränderungen bemerkbar: Inspiriert von Videokunst, transformierte sich das politische, dokumentarische, agitatorische Video. Es war die Zeit des Zerfalls der grossen Erzählung, der umfassenden und alles erklärenden Klassen- und Ökonomietheorien des Neomarxismus. Jetzt wurde Video zum bildgebenden Leitmedium der «neuen Unübersichtlichkeit» (Jürgen Habermas).

Dass sich Videobilder zwar kopieren lassen, aber infolge des Qualitätsverlusts keine Kopien, sondern immer neue Originale entstehen; dass man mit Video nicht sauber und übergangsfrei schneiden kann und damit holprige Übergänge schafft, die die Montage sichtbar machen – solche scheinbaren Mängel verbanden sich mit einer von viel Experimentierlust getriebenen Neugier, die Möglichkeiten der elektronischen Bildverfremdung auszuloten und einzusetzen. Zudem wurden die Kameras immer kleiner und eigneten sich für den hochmobilen Einsatz während Unruhen und Strassenaktionen, wie sie sich in den Achtzigern in vielen europäischen Städten ereigneten. Eine sich rasant verändernde Medien- und Erzähltechnik prallte also auf neuartige gesellschaftliche Bewegungen, in denen sich die Grenzen zwischen Politik, Kunst und Konsum auflösten.

Schade nur, erfährt man von all dem kaum etwas in der Ausstellung «Rebel Video». Stattdessen werden die BesucherInnen mit Filmausschnitten bombardiert, deren einzige Gemeinsamkeit das Trägermaterial Video ist. Ratlos sitzt man auf den flauschigen Sofas, die zu drei Sehinseln im wohligen Betondunkel des neuen Museumsanbaus zusammengeschoben sind. Pausenlos flirren die zweizeiligen Flachbildschirmbatterien, oben sind kurze Statements der Filmschaffenden zu sehen. In der unteren Reihe vermitteln Ausschnitte aus längeren Werken einen bestenfalls vagen Eindruck des Gesamten. Einzig der Kopfhörer sorgt für Orientierung, mit einem auf Retro getrimmten Drehschalter. Wie beim Transformator einer Spielzeugeisenbahn lässt sich damit der Tonkanal auf die Ohren lenken, und das Auge weiss, auf welchen Bildschirm es zu schauen hat.

Keine Geschichte des Politvideos

Stilecht sind Paletten zu Sofatischen umfunktioniert, auf ihnen liegen einfache Faltbroschüren aus, die mit weiteren Infos zu den Filmen geizen. Im Ausstellungskatalog – im Format einer VHS-Kassette – erfährt man, dass «Rebel Video» zeigen will, was den Kurator Heinz Nigg in seiner Arbeit als Ethnologe und Videograf inspiriert hat. Nun, keine Frage, Nigg ist als Aktivist und Vermittler zwischen der britischen Community-Video-Szene und dem Umfeld von «Züri brännt» ein spannender Akteur.

Doch kann das alles funktionieren ohne historische Einordnung und kritische Distanz in Ausstellung und Katalog? Auch dass die drei Videoinseln ihre Filme nach Regionen geordnet präsentieren und nicht etwa nach Genres, Themen oder Entstehungszeit, ist ein grosses Manko. Einige der Bausteine, die einem die Geschichte der Kunst- und Politvideos erklären könnten, liegen mit den Statements der FilmerInnen da. Nur zusammenbauen muss man sie sich selber. Es ist schade, dass das Landesmuseum diesem Themenkomplex nicht mehr Aufmerksamkeit gewidmet hat.

Die Ironie der Geschichte will es, dass zeitgleich zur Ausstellung auf der anderen Seite des SBB-Gleisstrangs das Kulturhaus Kosmos seine Pforten öffnete. Letzte Woche wurden dort die Fenster eingeschlagen. Als ob mit dem Kinokomplex an der Europaallee für PolitfolkloristInnen eine Art Opernhaus der ehemaligen Videorebellinnen entstanden ist.

«Rebel Video. Die Videobewegung der 70er- und 80er-Jahre», Landesmuseum Zürich, bis 15. Oktober 2017.

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