Nr. 37/2017 vom 14.09.2017

«Sich zu etwas Lächerlichem zu bekennen ist existenzbejahend»

Religionswissenschaftlerin Anna-Katharina Höpflinger und Kunstwissenschaftler Jörg Scheller erforschen den Heavy Metal. Ein Gespräch über Wellness, Religionsersatz und atomstrombetriebene Kritik an der Moderne.

Interview: David Hunziker

Kunstwissenschaftler Jörg Scheller und Religionswissenschaftlerin Anna-Katharina Höpflinger. Foto: Ursula Häne

WOZ: Anna-Katharina Höpflinger, Jörg Scheller, was ist Heavy Metal?
Jörg Scheller: Heavy Metal ist der Blues des Maschinenzeitalters. Der Hintergrund des Blues, wie er sich im späten 19. Jahrhundert entwickelt hat, ist die harte Handarbeit auf Baumwollfeldern in ländlichen Gegenden. Früher Metal greift seine dunkle Stimmung auf und übersetzt sie für ein urbanes, industriell geprägtes Milieu. Wie Blues ist Metal ein mimetisches Genre: Er entwickelt keine heiteren Gegenwelten, sondern zeigt, wie es ist. Und irgendwie gewinnt er aus der Misere eine Form von Lebensenergie.

Ozzy Osbourne, der Sänger von Black Sabbath, erzählt in seiner Autobiografie vom Einfluss des Arbeitermilieus und der Fabriken von Birmingham auf ihre Musik. Die Schweizer Black-Metal-Szene, die Sie, Anna-Katharina Höpflinger, erforschen, hat mit dieser Kulisse doch kaum mehr etwas zu tun, oder?
Anna-Katharina Höpflinger: Der Vergleich mit dem Blues ist auch in dieser Hinsicht gut, denn auch dieser ist längst eine Musik der Eliten. Metal hat sich schon in den achtziger Jahren von seinen Ursprüngen in der britischen Arbeiterklasse losgelöst. Dann wurde er zu einer sehr viel bürgerlicheren und zeitweise auch ruralen Kultur.

Metal wird heute zwar in jeder Ecke der Welt gehört und produziert, doch die Szene wird weiterhin klar von weissen Männern dominiert. Kann man sie deshalb rückständig nennen?
Höpflinger: Man findet in der Szene Leute von unterschiedlichster sozialer Herkunft und Bildung – und trotzdem verstehen sie sich. Metal ist also eine Möglichkeit, soziale Differenzen zu durchbrechen. Die Szene ermöglicht es, Prestige zu gewinnen, das man in anderen gesellschaftlichen Feldern nicht erreichen könnte. Das hat auch etwas Subversives.

Scheller: Wir sollten aufpassen, dass wir nicht zu sehr in Weiss und Schwarz denken. Man kann im Metal derzeit viele Aneignungsprozesse beobachten. In Asien ist er bereits riesig, der Präsident von Indonesien etwa, Joko Widodo, ist Metalfan. Anders als bei uns gibt es etwa in Taiwan eine starke Verbindung zwischen Metal und Bürgerrechtsbewegungen. Auch in Afrika ist die Szene im Aufwind. Metal ist mittlerweile ein Mischmetall.

Aber die Verbindung mit progressiver Politik ist selten.
Scheller: Tatsächlich ist traditioneller Metal, anders als Punk, eher ein Reflexions- als ein Aktionsmodus. Darum mochten sich Metaller und Punks anfangs auch nicht. Die Metaller galten als rückständig und als passive Stubenhocker. Doch mit Umberto Eco könnte man sagen: Metal ist ein offenes Kunstwerk, man kann ihn genauso für faschistische Propaganda verwenden wie für emanzipatorische Zwecke mobilisieren.

Höpflinger: … was aber auch wieder ein subversives Potenzial hat. Die Vereinnahmung ist teilweise derart extrem, dass man sie auch ironisch oder zynisch lesen kann. Gerade bezüglich Gender ist das hochinteressant. Gewisse Bands übersteigern Männlichkeit so stark, dass man ihre Erscheinung als Kritik daran lesen kann.

Sie meinen, wir sollen Metal mehr Vielschichtigkeiten zugestehen?
Höpflinger: Genau. Und wir sollten Produktion und Rezeption trennen. Was eine Band beabsichtigt und was die Fans daraus machen, sind zwei völlig verschiedene Dinge. Das gilt sogar für Nazi-Black-Metal.

Scheller: Die deutsche Hardrockband Scorpions ist ein gutes Beispiel für diese Differenz. Bei uns galten die immer als affirmative, langweilige Poser. In den USA wurden sie komplett anders gelesen, sogar Hardcorebands wie Black Flag haben sich dort von ihnen inspirieren lassen.

Was tut man, wenn man etwas umdeutet und sich aneignet?
Höpflinger: Ich würde nicht von Umdeutung, sondern nur von Deutung sprechen. Sonst impliziert man wieder, dass die ProduzentInnen der Musik recht haben. Die Fans sind enorm wichtig, weil sie Bedeutung schaffen.

Im Black Metal gibt es viele Bands, die mit rechtsextremer Symbolik zumindest spielen, aber dennoch hochwertige Musik machen. Ist es unproblematisch, das zu geniessen?
Höpflinger: Meiner Erfahrung nach gibt es oft einen riesigen Unterschied zwischen dem Image, das Musiker von sich kreieren, und ihren tatsächlichen Ansichten und Absichten. Dasselbe auch bei Fans: Wieso sie gewisse Musik hören oder mögen, muss von Fall zu Fall untersucht werden. Dennoch ist es nicht unproblematisch. Es besteht die Gefahr, dass rechtsextreme Tendenzen – auch wenn eine Band nur am Rand damit spielt – normalisiert werden und Bands und Fans sich manchmal gar nicht bewusst sind, wie hoch problematisch die Inhalte sind, die sie mittransportieren.

Die Lust an der Düsternis hört man auch in der Musik. Ein Album von Bands wie Revenge oder Anaal Nathrakh am Stück durchzuhören, ist eine Herausforderung.
Scheller: Das ist die Frage, was diese Musik wahrnehmungspsychologisch mit einem macht. In weiten Teilen zeichnet sich Metal durch eine enorme Dichte und Intensität aus. Die Musik hat ausserdem sehr viele Obertöne, alleine schon durch die verzerrten Gitarren wird ein riesiges Frequenzspektrum aufgemacht. Die Drums klingen oft wie ein Maschinengewehr. Es sagt schon etwas über eine Person aus, wenn sie das geniesst. Metal ist eine Form von ästhetischer Enthemmung.

Metal ist also nicht nur ein Reflexions-, sondern vor allem auch ein Emotionsraum. Es gibt Studien, die argumentieren, dass Metal wie eine Stressbewältigungstherapie wirke. Ist Metal Wellness?
Höpflinger: Ein bisschen auf jeden Fall. (Lacht.) Was man dabei nicht vergessen sollte, ist der soziale Aspekt dieser Art von Wellness. Man geht an Konzerte, um das mit anderen zu teilen. Es ist empirisch zwar schwer zu bestätigen, aber ich habe das Gefühl, Metal ist auch ein Auffangbecken für Menschen, die Mühe haben mit gesellschaftlichen Normen. Menschen, die sehr sensibel sind oder in der Schule gemobbt wurden. Die finden in der Szene Anerkennung und können sich in der Musik mit ihrer dunklen Seite auseinandersetzen. Aber jetzt habe ich noch eine Frage an dich, Jörg: Ist es überhaupt noch sinnvoll, von Heavy Metal als einem Genre zu sprechen?

Scheller: Man kann eigentlich nicht von Heavy Metal an sich sprechen, sondern muss ihn periodisieren. Zunächst gibt es eine Archaik, etwa die frühen Judas Priest, die noch stark aus dem Blues kommen. Dann das, was man klassischen Heavy Metal nennen könnte, also Bands wie Iron Maiden, auch den Thrash Metal mit Metallica und Slayer würde ich noch dazu zählen. Und dann gibt es eine Art manieristischen Metal: die ganzen Cross-over-Bewegungen, die in den neunziger Jahren dominant wurden. Heute spricht man nur noch von X-Metal, wobei X irgendetwas sein kann.

Aber in den meisten Fällen kann man noch immer klar sagen, ob etwas Metal ist oder nicht.
Höpflinger: Klar, aber das wandelt sich auch stark. Bon Jovi galt auch einmal als Metal. Vor allem Black Metal grenzt sich heute noch stark vom Rest der Szene ab. Von aussen mag es oft nicht sinnvoll sein, auf dieser Grenze zu beharren, aber gegen innen ist sie sehr wichtig.

Scheller: Ich würde sogar behaupten: Radikaler Black Metal in den Neunzigern war kein Heavy Metal, weil er sich als Sezessionsbewegung verstand. Klassischer Heavy Metal war ihm zu bürgerlich, zu unverbindlich. Mit Black Metal kommen Lebensstil und Ideologie hinzu: «Practice what you preach!» Da reicht es dann nicht mehr, am Wochenende ein wenig Radau zu machen. Die Bewegung verstand sich als Avantgarde, zu Heavy Metal verhält sie sich wie Kubismus zur Landschaftsmalerei.

Dennoch wird Metal der Kunstcharakter oft abgesprochen. Wenn Journalisten und Journalistinnen ans Wacken-Open-Air gehen, exotisieren sie die Szene wie einen Stamm. Beim Hip-Hop würde man so etwas nicht mehr machen.
Scheller: Sie haben recht, bei Kanye West oder Jay-Z fällt viel eher der Kunstbegriff. In der Forschung wurde Hip-Hop auch viel früher beachtet als Metal. Vielleicht braucht es noch ein paar Jahre, bis Metal an einem ähnlichen Punkt angekommen ist. Aber ästhetisch gesehen bleibt extremer Metal halt heavy. Ihrer Grossmutter werden Sie Hip-Hop darum viel eher nahebringen können.

Höpflinger: Man darf aber nicht vergessen, dass auch Balladen, wie sie etwa Metallica in die Charts gebracht haben, typisch sind für Metal. Die Diskussion zeigt doch, dass der Begriff «Subkultur» hier nicht funktioniert. Mir gefällt an Metal, dass er so unglaublich paradox ist: gleichzeitig bürgerlich und subversiv, auf Platz eins der Charts und das Ausdruckmittel von obskuren, rechtsextremen Subkulturen.

Dass Hip-Hop früher erforscht wurde, hat doch auch damit zu tun, dass er für tendenziell linke Forscherinnen und Forscher politisch ansprechender war.
Scheller: Genau, Hip-Hop war von Anfang an aktivistisch.

Höpflinger: Die Forschung kommt meist zuerst von Fans und ist daher oft zunächst apologetisch. Sie versucht, den öffentlichen Ruf der Szene zu verbessern. Insofern kann man sagen, dass die Forschung selber aktivistisch ist.

Wieso haben Sie beide angefangen, Metal zu erforschen?
Scheller: Bei mir war das wie beim Bodybuilding, aus der eigenen Praxis: Ich höre schon lange Metal und habe in Bands gespielt. In der Jugend war Metal für mich Antiwellness: Er betonte das Verdrängte der westlichen Kultur, Tod und Schmerz. Irgendwann genügte die Praxis nicht mehr, und die Theorie kam hinzu.

Als Kunstwissenschaftler haben Sie ja das Glück, über alles sprechen zu können, was Sie interessiert.
Scheller: Ich gehe Phänomene stark über die Ästhetik an. Bodybuilding und Metal sind beides hyperästhetizistische Praktiken. Nur schon um die Bezüge auf die antike Mythologie im Metal zu verstehen, ist Kunstgeschichte hilfreich. Aber ich habe auch ein sehr ambivalentes Verhältnis zur Metalszene. Ich bin Teil davon, aber ihre ganze Lächerlichkeit ist mir immer bewusst. Sich zu etwas Lächerlichem zu bekennen ist jedoch ein existenzbejahender Akt: Die Existenz ist lächerlich.

Wie war das bei Ihnen, Anna-Katharina Höpflinger?
Höpflinger: Während meines Studiums in Theologie und später Religionswissenschaften habe ich mich intensiv mit der Antike beschäftigt. Mit einem Mitstudenten hatte ich eine Wette am Laufen, wer mehr tote Sprachen lernen kann. Im Altnordischkurs gab es eine Gruppe von Metalfans. Im Rahmen einer empirischen Übung habe ich mich entschieden, diese Szene zu erforschen. Die Auseinandersetzung zog sich bis zu meiner Habilitation, in der ich mich mit der Aneignung von religiösen Symbolen in Metalkleidung beschäftigt habe.

Wer soll sich für Metalforschung interessieren?
Scheller: Das ist mir völlig egal. Ich spreche mit allen darüber, die zuhören wollen. Man muss das nun einfach zwanzig Jahre lang einmassieren, dann ist es drin.

Wieso sollte man das tun?
Scheller: Ich denke da schon auch wettbewerbsorientiert. Es reizt mich auszuprobieren, ob sich das Thema in der Forschung durchsetzen und etablieren kann.

Höpflinger: Dazu kommt mir eine witzige Anekdote in den Sinn. Meine erste Tagung in Zürich trug den Titel «Methoden der Metal-Forschung». Da meldete sich ein älterer Professor bei mir und wies mich auf einen schlimmen Schreibfehler hin – ich hätte «Metall» nur mit einem l geschrieben. Da gibt es noch einiges zu tun.

Sind die Metal-Studies über Metalkreise hinaus interessant?
Höpflinger: Die Metal-Studies gehen nicht von einer Methode aus, sondern von einem Gegenstand. In meiner Disziplin, den Religionswissenschaften, ist das genau gleich: Alle untersuchen Religion, aber niemand weiss so recht, was das ist. Das ist eine enorme Chance, weil es uns zwingt, transdisziplinär zu denken. Gegenstand und Methode müssen ständig verhandelt und anderen verständlich gemacht werden.

Scheller: Dieses Problem haben andere Wissenschaften ja auch: Wenn Geschlecht soziale und biologische Aspekte hat, sind auch sofort mehrere Wissenschaften zuständig. Die Realität ist halt nicht so einfach, wie die klaren Grenzen zwischen den Disziplinen suggerieren. Mein Ansatz ist der: Die Methode, mit der ich Metal untersuche, ist Metal.

Das müssen Sie erklären.
Scheller: Ich verhalte mich kritisch-mimetisch zum Gegenstand, das heisst, ich schaue, welche Methoden darin bereits am Werk sind, und greife sie auf. Metal ist hybrid, also sind meine Methoden hybrid. Als ich Mille, den Sänger von Kreator, interviewte, sagte er, was Metal auszeichne, sei Freiheit. Und diese Freiheit nehme ich mir auch.

Höpflinger: Für mich ist die Verbindung noch stärker. Es ist wichtig, dass wir uns bewusst sind, dass wir die Szene mit unserer Forschung selber beeinflussen.

Wie geschieht das?
Höpflinger: Nur schon, weil Fans und Musiker unsere Aufsätze und Bücher lesen. Mich hat auch schon eine Band gefragt, ob ich ihnen einen Songtext in einer antiken Sprache schreibe. Ich sage jetzt nicht, ob ich es gemacht habe. (Lacht.) Solche Sachen sind natürlich wissenschaftlich heikel, das wäre ein direkter Eingriff ins Feld.

Jörg Scheller, ist es nicht etwas absurd, Metal gerade mit Freiheit zu assoziieren, zumal die Musik und die Szene stark reglementiert und ritualisiert sind?
Scheller: Gerade das macht seine Freiheit aus! Wenn man glaubt, man könne sich aus diesen Paradoxien befreien, dann kann man nicht frei sein. Metal ist eben nicht in vulgäranarchistischen oder hippiesken Vorstellungen gefangen. Deshalb ist Metal für mich viel freier als zum Beispiel Punk. Er weiss viel mehr um die Zwänge der Welt und widerspiegelt sie in einer teilweise fast grotesken Ritualisierung.

Höpflinger: Ich muss das relativieren. In meinen Interviews hat sich gezeigt, dass es diesbezüglich einen klaren Gender-Unterschied gibt: Metal macht Männer freier als Frauen. Frauen fühlen sich teilweise noch stark gefangen, nicht durch die Musik, aber durch die Szene. Für sie ist zum Beispiel viel stärker reglementiert, was sie anziehen dürfen und was nicht.

Wie tief sind patriarchale Strukturen in der Szene verankert?
Höpflinger: Es gibt Bands wie etwa Darkened Nocturn Slaughtercult, die diese Strukturen durchbrechen können. Doch vor allem, wenn eine Frau in der Szene wenig Prestige hat, fehlt ihr diese Freiheit. Männer mit Szeneprestige hingegen können im Hawaiihemd auftreten, und es wird akzeptiert.

Wie erlangt man dieses Prestige?
Höpflinger: Über Leistung für die Szene, Anciennität – also wie lange jemand dabei ist –, was für Musik jemand macht und in welchen Bands, die Grösse der Plattensammlung und vor allem auch Wissen. Das Wissen ist ein witziges Thema, weil Männer oft mehr mit ihrem Szenewissen bluffen. Ein Musiker hat mir an einem Konzert einmal drei Fragen mitgegeben und mich beauftragt, drei Frauen zu finden, die diese beantworten können. Ich habe tatsächlich keine einzige gefunden – aber eben auch keinen Mann, der es konnte. Für das Vorurteil zählt also nicht nur das Wissen selber, sondern auch die Inszenierung davon.

Geben diese traditionellen Rollen vielleicht auch einer globalisierungskritischen Grundstimmung eine Stimme?
Scheller: Das lässt sich kaum verallgemeinern. Zwischen der Szene in Stuttgart und der in Taipeh liegen Welten. Die Verbindung entsteht über Symbole und ästhetische Codes. Auch bewegen sich viele Fans nur in ganz bestimmten Bereichen des Metal und basteln sich daraus komplexe Identitäten zusammen.

… die oft nicht mehr hauptsächlich im Metal verwurzelt sind. Man würde die meisten Metalfans auf der Strasse heute nicht mehr erkennen.
Scheller: Metal ist ja in ganz viele Bereiche der Gesellschaft eingedrungen. Ich kenne einen Architekten, der hört im Büro jeden Nachmittag eine Stunde Speed Metal, sonst könne er nicht weiterarbeiten. Konzerte von Iron Maiden sind heute sowieso Familienangelegenheit. Grundsätzlich kann man die Szene mit der Kirche vergleichen.

Mit der Kirche?
Scheller: Sie hält zusammen, obwohl es unzählige lokale Ausprägungen davon gibt und kaum jemand die Gebote befolgt. Heavy Metal ist der Vatikan, der Underground vergleichbar mit Befreiungstheologie oder häretischen Sekten im Mittelalter.

Dennoch gibt es gewisse Motive, die fast überall anzutreffen sind: die Kritik an der Moderne etwa oder die Obsession mit dem Ursprünglichen.
Höpflinger: Wichtig ist der Grundwiderspruch, dass die ganze Instrumentierung und die Studioproduktionen, mit denen diese Motive ausgedrückt werden, höchst modern sind. Es ist eine Frage der Ebene.

Scheller: Genau. Metaller sind keine Hippies, die zurück in den Urwald wollen. Sie kooperieren zwar für zwei Wochen mit einem Stamm, aber wenn sie davon berichten, tun sie das doch mit einer atomstromgespeisten Gitarre. Im Stück «Metal Gods» beklagten Judas Priest 1980 Maschinisierung und Entmenschlichung, während natürlich gerade ihre Musik maschinell und entmenschlicht klang.

Zurück zur Religion. Wieso kommt man nicht um sie herum, wenn es um Metal geht?
Scheller: Meine These ist, dass die Metalszene in einer Zeit starker Säkularisierung die Erinnerung an die Religion kritisch bewahrt hat. Es wimmelt darin nur so von christlichen Symbolen und Bibelzitaten. Ich würde von einer kritisch gebrochenen Faszination für die Religion sprechen.

Höpflinger: Manchmal ist der Bezug zur Religion auch gar nicht kritisch, sondern schlicht affirmativ. Die These liesse sich übrigens auf die gesamte Populärkultur ausweiten. Jesusfilme wären ein Beispiel dafür. In der Popkultur kann man religiös sein, ohne sich wirklich dazu bekennen zu müssen. Und doch: Von vielen Musikerinnen und Musikern höre ich, Metal sei ihr Lebenssinn – das hat klar religiöse Züge.

Scheller: Lemmy Kilmister, der verstorbene Sänger und Bassist der Band Motörhead, wurde wie eine religiöse Autorität verehrt. Als er gestorben war, wurde an einem Festival in Tschechien ein Altar für ihn aufgestellt. Das ist keineswegs postmoderne Ironie. Weil ich das spannend fand, habe ich einmal einen Gottesbeweis über Lemmy geschrieben. So unverbindlich ist Metal also doch nicht.

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