Nr. 38/2017 vom 21.09.2017

Es rumort im Paradies

Von Donat Kaufmann

Mit welchem Argument Ivan Glasenberg wohl vor die Kamera gelockt wurde? Der CEO von Glencore gilt als äusserst pressescheu. Aber da sitzt er nun, der fünffache Milliardär und Chef des weltgrössten Rohstoffkonzerns, vor der Linse des Filmemachers Daniel Schweizer. Und wie er so daherredet, fühlt man sich unweigerlich zurückversetzt in eine überwunden geglaubte Zeit, als sich Kolonialismus als rundum positive Sache verkaufen liess.

Stoisch erzählt Glasenberg vom Segen, den sein Unternehmen in die Länder des globalen Südens bringen würde – man denke nur an die Arbeitsplätze. Das Beispiel Amerika habe doch eindrücklich gezeigt, dass rohstoffreichen Ländern grosser Wohlstand beschieden sei. So abgedroschen reden kann nur einer, dessen Verbindungen zur menschlichen Lebenswelt sich auf den Körper und das Geld beschränken.

Und im Prinzip geht es genau darum, im konzentrierten, linear erzählten Dokumentarfilm «Trading Paradise»: um Realitäten, die nichts miteinander zu tun haben und trotzdem zusammenhängen. Der Film handelt von den rücksichtslosen Praktiken der Rohstoffkonzerne in den Abbaugebieten und von adrett gekleideten Männern, die diese Praktiken in Zuger und Genfer Büros zu harmlosen Alltagsgeschäften umdeuten, als die sie dann in Bundesbern abgenickt werden. So ist «Trading Paradise» auch ein Film über ein Land, das einmal mehr die Zeichen der Zeit ignoriert. Die Schweiz sitze auf einer Kiste Dynamit, sagt Dick Marty im Film. Der ehemalige Oberstaatsanwalt und Wirtschaftsberater sieht den Rohstoffhandel in einer Reihe mit der Swissair-Affäre und dem UBS-Skandal. Vieles deute darauf hin, dass es dereinst zu einer Explosion komme.

Zweifellos will «Trading Paradise» die Zündung begünstigen. Der Film verläuft entlang uralter Konfliktlinien zwischen Arm und Reich, Farbig und Weiss, wobei er sich unmissverständlich auf die Seite der Benachteiligten schlägt. «Trading Paradise» bezieht so klar Stellung, dass es sich um einen Kampagnenfilm handeln könnte. In Anbetracht der begangenen Gräuel im Rohstoffsektor bedeutet das allerdings nicht mehr, als sich auf ethische Grundsätze zu berufen. Irgendwie beängstigend.

Ab 21. September 2017 im Kino.

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