Nr. 39/2017 vom 28.09.2017

Ein Tag im Leben eines «Oldaten»

Aufgezeichnet von Ruedi Widmer

Von Ruedi Widmer

Natürlich war es schwer für mich, den Komfort meines Eigenheims zu verlassen. Ich bin jetzt 85 und war mit 81 glücklich, trotz Gehhilfe noch alleine leben zu können. Ich wusste, wenn ich in ein solches Heim komme, werde ich auf vieles verzichten müssen, was mir lieb ist. Auf dem Lehnstuhl zu sitzen zum Beispiel und Caterina Valente zu hören, das ist wunderbar. Mir gefällt ja auch Helene Fischer.

Aber gleichzeitig habe ich immer wieder gehört, auch von meinem Sohn, man müsse sich seiner Lebtag weiterbilden, und als vor zwei Monaten der Marschbefehl kam, da sah ich es einfach von dieser Seite. Krieg ist nichts Schönes, das hatte ich ja als Kind erlebt, im Bombenhagel, und wusste den Vater in russischer Gefangenschaft. Er kam erst 1948 frei.

Ich wurde mit 75 anderen Männern und einigen Frauen mit dem Bus in Leverkusen abgeholt, und wir kamen ins Soldatenheim in Dorsten. Wir wussten überhaupt nicht, was uns erwartete. Ich fand es aufregend, wieder mal aus dem Haus zu kommen. Meine letzte Carreise ist auch schon, Moment, vor fünf Jahren gewesen, wir fuhren nach Kiel.

Zunächst gab es in Dorsten Kaffee und Kuchen, und dann kam ein Mann aus Berlin und sprach vom deutschen Stolz. Er übertrieb sicher ein bisschen, er war ganz rot im Gesicht, aber irgendwie hatte er recht. Er sagte, er komme direkt vom Kanzler.

Der Mann erklärte uns auch, dass nun jeder ranmüsse. Deutschland habe das Problem, dass viele Jugendliche Ausländer und damit ungeeignet seien. Also liege es an uns Alten, die nationale Aufgabe zu übernehmen. Die Deutschen seien massiv überaltert, aber wenn jeder mitmache, könnten wir «auf die Leistungen in drei Weltkriegen stolz sein». Das schmeichelt dir schon. Natürlich, körperlich ist es überaus anstrengend, mit dem Rollator im Gelände. Die Bundeswehr hat ja Rollatoren mit Raupen für uns sogenannte Oldaten beschafft. Das Gewehr ist auf dem Rollator montiert, und du hast damit einen kleinen Panzer. Du fragst dich schon, was mache ich da im Sumpf mit diesem Ding, wo ich doch zu Hause im Strickjäckchen Thomas Gottschalk schauen könnte. Aber Kanzler Gauland sagte täglich bei Sat1, man müsse jetzt etwas machen, bevor es zu spät sei. Unser Kommandant kam aus Sachsen, der hätte mein Urenkel sein können. Ich verstand ihn nur schlecht, wegen meiner Ohren und wegen seines Dialekts, aber wenn wir uns in die Augen schauten, wussten wir: Es war dringend, und es war wichtig.

Nach zwei Stunden im Feld fuhr uns der Bundeswehrbus jeweils zurück in die Kaserne, wo wir verpflegt wurden und anschliessend ein Mittagsschläfchen machen durften. Einigen war das zu viel, aber sie sagten halt nichts, sie wollten sich keine Blösse geben. Zwei starben bei einer Übung. Das gab mir schon zu denken, und ich fragte mich, ist das der richtige Ort für uns alte Leute. Sie hätten uns ja auch bei der Schutzpolizei oder so unterbringen können. Aber dort musst du AfD-Mitglied sein.

Gauland, der ist schon o.k., aber wie er die Petry und Weidel und die anderen Frauen ausgeschaltet hat, aber die waren ja aus der Wirtschaft und von Goldman Sachs, und nutzten die AfD einfach für ihre persönliche Karriere, sagte er. Was weiss ich, er wird es eher wissen.

Mit der Truppe waren wir vorletzte Woche in Berlin und durften in der grossen Septemberparade mitmachen, vom Brandenburger Tor zur Siegessäule. Ich war das letzte Mal beim Mauerfall in Berlin. Nun sassen da Erdogan, Putin und Trump auf der Ehrentribüne neben Gauland, genug weit weg von Kim Jong Un. Unsere Panzerrollatoren ratterten über die Strasse des 24. Septembers und dann um die Siegessäule herum. Weil sich unsere Truppengattung zwangsläufig eher gemächlich bewegte, was für Trump ermüdend war, zeigte die Luftwaffe gleichzeitig eine Europajägershow am Himmel.

Ich brach am Schluss zusammen, aber es war ein Erlebnis!

Dieses Porträt von Ruedi Widmer über Klaus-Konrad Müller erschien am 21. Mai 2019 im «Leverkusener Tageblatt».

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