Nr. 40/2017 vom 05.10.2017

Besetzen sie noch, oder gentrifizieren sie schon?

Macht kaputt, was euch kaputt macht: Am Zurich Film Festival zeigen zwei neue Schweizer Filme, was von den Idealen der bewegten Achtziger übrig ist.

Von Florian Keller

«Lasst die Alten sterben»: Imaginärer Punk plagt Konsum-Kid auf Ritalinentzug Still: Lomotion

Der junge Mann braucht ein Ventil, seine Spraydose hat eins. Also schüttelt er sie und versprayt eine Bushaltestelle, aber die paar Leute, die gerade dort warten, drehen nicht mal den Kopf. «Hey! Vandalismus!», schreit der Vandale. Doch niemand kümmerts.

Es ist eine von vielen schönen Vignetten, die Juri Steinhart («Experiment Schneuwly») in seinen ersten Spielfilm, «Lasst die Alten sterben», packt. Er handelt von der Wut der Verzweiflung in einer Zeit, in der jeder Versuch einer widerständigen Geste entweder ignoriert oder postwendend in Kapital und Folklore verwandelt wird. Dabei ist der junge Kevin (Max Hubacher) zu Beginn noch lässig unterwegs in seiner hedonistischen Routine zwischen Shoppingmall und sozialen Medien. Aber eigentlich will er endlich wieder hässig sein, denn nur so fühlt er sich lebendig.

Partyschreck im Altersheim

Bloss, wütend auf was? Als er das Ritalin absetzt, das dafür sorgt, dass immer alles schön im Lot bleibt, hat Kevin eine leibhaftige Entzugserscheinung: Das ist Dimitri Stapfer als Punk mit wildem Blick. Als persönlicher Plaggeist schwört er Kevin auf Selbstermächtigung gegen den Konsumzwang ein, ein bisschen wie Brad Pitt einst in «Fight Club», bloss dass der imaginäre Freund hier Ton Steine Scherben zitiert: «Mach kaputt, was dich kaputt macht!» Kevin kapiert und schleudert gleich mal sein Smartphone zu Boden. Dann macht er sich daran, ein Haus zu besetzen, wo er eine krasse Kommune gründen will.

Juri Steinhart erzählt das als überstellige Komödie, die auch mal ans Lebendige geht – und die formal eine breite Palette zwischen Super-8-Patina und blinkendem Social-Media-Mosaik ausprobiert. Als Reflexion über die diffuse Wut und die Vergeblichkeit der Auflehnung ist der Film den Fragen, mit denen er jongliert, nicht ganz gewachsen. Der Protest ist hier einfach das Selbstfindungstheater eines Konsum-Kids auf Ritalinentzug. Und die einzige halbwegs politische Idee, die Kevin auf Lager hat, ist die Kündigung des Generationenvertrags: Lasst die Alten sterben! Klingt provokant, mündet im Film aber vor allem darin, dass die Bande als Partyschreck im Altersheim Rabatz macht.

Daheim in der Kommune wiederum verheddert man sich zwischen Ämtliplan und der Zwängerei der freien Liebe. Ist aber auch irgendwie logisch, dass das zur Farce wird, wenn einer meint, die Geschichte wiederholen zu müssen, dafür muss man nicht mal seinen Marx gelesen haben. Es ist die Tragik der Nachgeborenen: Kevin führt ja doch nur die Rebellion seines Vaters wieder auf, der einst selber Steine geschmissen hatte, bevor er Vermögensverwalter bei einem Ökofonds wurde. Da muss sich der Sohn nicht wundern, wenn dieser Papa (Christoph Gaugler) dann plötzlich in der Kommune anklopft, weil er auch dabei sein will bei diesem «super Projekt». Ironische Zusatzvolte: Der Alte muss den Jungen in ihrer altlinken Technikfeindlichkeit dann noch sagen, dass sie vielleicht doch wieder mal die sozialen Medien nutzen sollten, wenn sie mit ihrer Revolte etwas mehr Reichweite erzielen wollen.

Vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer

Da wären wir dann eigentlich schon bei Thomas Haemmerli, der in seinem neuen Dokumentarfilm ebenfalls den Antimodernismus der alten Linken ins Visier nimmt. Und er weiss, wovon er spricht, denn er war in jungen Jahren selber einer – etwa so wie Kevins Vater also, bloss dass Haemmerlis Kinder noch zu klein sind, um Häuser zu besetzen. «Die Gentrifizierung bin ich» heisst sein Film, Untertitel: «Beichte eines Finsterlings». Das Kino wäre also der Beichtstuhl, wo wir dem Regisseur seine Sünden vergeben dürfen. Ob dazu auch die Szene im Kreisssaal zählt, wo Haemmerli die Geburt seines ersten Kindes filmt, nicht ohne live auf Martin Heideggers Begriff der Geworfenheit zu referieren?

Aber seis drum, worum geht es sonst so in dem Film? Einerseits um städtische Aufwertungsprozesse und die daraus folgenden Verdrängungseffekte, vulgo Gentrifizierung. Wobei Haemmerli das Phänomen andererseits vor allem dort beleuchtet, wo er es an seiner eigenen Biografie spiegeln kann, also in Zürich, São Paulo und Tiflis – und an seiner Entwicklung vom Zürichberg-Herrensöhnchen zum Hausbesetzer und Hausbesitzer bis hin zum digitalen Nomaden von heute, der über sich sagt: «Heimat ist da, wo mein Laptop steht.»

Das ist dort interessant, wo Haemmerli seinen journalistischen Instinkt spielen lässt und seine Beobachtungen zu griffigen Thesen zuspitzt: zur Erfindung der Zürcher Altstadt etwa oder dazu, wie eine neue Fassade von gestern erzählen kann, ohne Geschichte schlecht zu simulieren. Und extrem lustig wird es ganz zum Schluss, wo Haemmerli ein Baggervideo aufwertet, indem er die Grabesstimme aus «Züri brännt» parodiert.

Politisch macht er es sich manchmal zu einfach, wenn er linken Stadtregierungen in der Schweiz pauschal einen Unwillen zur urbanen Verdichtung unterstellt. Vor allem aber schrumpft die Dialektik der Gentrifizierung letztlich zur biografischen Pointe, dass der Yuppie Thomas Haemmerli heute als Nutzniesser einer Entwicklung lebt, die er als junger Demonstrant einst zu verhindern trachtete. Und über weite Strecken ist das ein Film, dessen kosmopolitischer Geist vor allem die globale Mobilität eines Privilegierten meint: Stadtentwicklung als autobiografischer Eigentumsporno.

«Lasst die Alten sterben» am ZFF: Donnerstag, 5. Oktober 2017, 21.30 Uhr, Riffraff. Ab 12. Oktober 2017 im Kino.
«Die Gentrifizierung bin ich» am ZFF: Sonntag, 8. Oktober 2017, 21 Uhr, Filmpodium. Ab Frühjahr 2018 im Kino.

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