Nr. 41/2017 vom 12.10.2017

Wirkte der Gefängnisaufenthalt stigmatisierend?

Peter Weishaupt verweigerte in den siebziger Jahren den Militärdienst. Das brachte ihn in die Haftanstalt Saxerriet – und zur Friedensarbeit.

Von Merièm Strupler (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Peter Weishaupt: «Andere gingen ins Militär, wir lernten das Leben im Gefängnis kennen. Es war eine Lebensschule.»

WOZ: Peter Weishaupt, letzte Woche haben wir über Atomkriegsdrohungen früher und heute gesprochen. Wie war das damals während des Kalten Kriegs in der Schweiz?
Peter Weishaupt: Das war eine ganz andere Situation, man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen. Der Kalte Krieg wirkte sich auch in der Schweiz extrem aus. Die Ideologie der totalen Verteidigung, Gesamtverteidigung genannt, trieb seltsame Blüten. Weltweit einzigartig war etwa der flächendeckende Ausbau des Bunkerprogramms, der Zivilschutz war völlig auf das Überleben nach einer atomaren Katastrophe ausgerichtet. Die Totalverteidigungsideologie führte auch zu verschiedenen parlamentarischen Vorstössen für die Einführung der Wehrpflicht für Frauen.

In den achtziger Jahren organisierte sich in Europa eine breite Friedensbewegung.
Die Situation war angespannt, die Menschen hatten Angst vor diesem ungeheuerlichen Rüstungswettlauf zwischen den Grossmächten. Insbesondere während der sogenannten Nachrüstung in den achtziger Jahren, als atomare Mittelstreckenraketen mitten in Europa stationiert wurden, spürten viele, dass es eine Umkehr brauchte.

Aktuell prüft das Militärdepartement wieder, ob Frauen obligatorisch zum Militärdienst aufgeboten werden sollen. Formierte sich damals feministischer Widerstand gegen das Militär?
Gegen die Gesamtmilitarisierung haben sich damals viele Aktivistinnen und Aktivisten gewehrt. Ich war Ende der siebziger Jahre Teil eines Redaktionskollektivs, das die antimilitaristische Zeitung «Virus» herausgab. Daraus ist später die «Friedenszeitung» entstanden, die ich heute redaktionell betreue. Der Friedensrat und die Frauen, die beim «Virus» mitarbeiteten, lancierten unter dem Motto «Wir passen unter keinen Helm» eine Kampagne dagegen, dass sie zum Kriegsdienst verpflichtet werden sollten.

Erst seit 1996 können Männer Zivildienst leisten. Zuvor machte sich strafbar, wer den Militärdienst verweigerte. Sie haben es Ende der sechziger Jahre dennoch getan.
Ich konnte mir nur schwer vorstellen, mich den Autoritäten in der Armee zu unterwerfen. Diese Entscheidung war für mich prägend. Dadurch kam ich in Kontakt mit der Gruppe «Internationale der Kriegsdienstgegner». Das war für mich der Einstieg in die Friedensarbeit. Und die Einführung eines Zivildiensts war jahrzehntelang eine Forderung des Friedensrats.

Diese Gruppe unterstützte junge Männer, die keinen Militärdienst leisten wollten?
Das war eine Art Selbsthilfegruppe. Man hat sich regelmässig getroffen und einander bei der Vorbereitung der Prozesse vor der Militärjustiz geholfen. Und wir organisierten Proteste vor Gerichtsverhandlungen und vor Gefängnissen, in denen Kriegsdienstverweigerer sassen.

Sie wurden zu acht Monaten Haft verurteilt. Zwei Drittel der Strafe wurden unbedingt ausgesprochen. Sie sassen im Gefängnis Saxerriet im Rheintal. Wie war das?
Es war eine Lebensschule. Überspitzt formuliert: Andere gingen dafür ins Militär, wir lernten das Leben im Gefängnis kennen. Ich wurde allerdings relativ hart bestraft. Im Durchschnitt bekamen Kriegsdienstverweigerer etwa drei, vier Monate unbedingt. Ich war damals schon Sekretär beim Friedensrat, das dürfte mir wohl noch einige Monate mehr eingebracht haben.

Wirkte der Gefängnisaufenthalt stigmatisierend? Hatten Sie später etwa Probleme bei Bewerbungsgesprächen?
Ein guter Freund von damals war Lehrer, und er hatte keine Chance, je wieder an öffentlichen Schulen zu unterrichten. Es gab also schon Leute, die deswegen in Schwierigkeiten gerieten. Aber ich selbst habe das nicht so stark erlebt, ich habe seither vorwiegend in NGOs gearbeitet.

Der Fall der Berliner Mauer und der Zusammenbruch der Sowjetunion markieren das offizielle Ende des Kalten Kriegs und des Wettrüstens. Wie erleben Sie die Schweiz aus friedenspolitischer Sicht heute?
Die Situation hat sich verändert. Die Schweiz hat etliche Anliegen, die früher von uns diskutiert wurden, aufgenommen, sei es die Öffnung hin zur Uno oder das internationale Kleinwaffenaktionsprogramm, bei dessen Aushandlung die Schweiz eine bedeutende Rolle gespielt hat. Mit unserer Kampagne gegen Kleinwaffen versuchen wir eine entsprechende Waffenkontrollumsetzung. Auch in anderen Bereichen spielt die Schweiz eine aktive, positive Rolle. So zum Beispiel beim Waffenhandelsabkommen ATT, das seit 2014 in Kraft ist, oder bei der Kontrolle von Chemiewaffen.

Inzwischen planen bürgerliche Politiker, den Zivildienst wieder einzuschränken. Schweizer Banken und Pensionskassen investieren Millionenbeträge in Rüstungskonzerne, die auch Atomwaffen und Streumunition herstellen. Ausruhen können sich die Friedensaktivistinnen und -aktivisten nicht.
Ja, es gibt derzeit tatsächlich Bestrebungen, den Zivildienst wieder einzuschränken. Und bei den Finanzgeschäften und der Waffenexportpolitik hat der Schweizer Finanzplatz eine sehr einflussreiche Rolle. Die laufende Kriegsgeschäftsinitiative setzt hier konkret an.

Peter Weishaupt (65) reiste als Friedensaktivist in die DDR. An der Grenze beschlagnahmten die ostdeutschen ZöllnerInnen zwei Dinge, bevor er einreisen durfte: das schulkritische Buch «Dummheit ist lernbar» von Jürg Jegge und eine Schallplatte von Janis Joplin.

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