Nr. 43/2018 vom 25.10.2018

Komplizierter Kampf um den Frieden

Die grossen Proteste gegen den Vietnamkrieg prägten die 68er-Bewegung genauso wie die Blockkonfrontation des Kalten Kriegs. Doch was ist aus der Friedensbewegung geworden?

Von Merièm Strupler

Institutionalisierte Bewegung mit Chancen an der Urne: Die GSoA will auch die nächste Kampfjetbeschaffung verhindern. Foto: Peter Schneider, Keystone

Die «Make Love Not War»-Schilder der DemonstrantInnen in den USA. Das Foto des nackten, schreienden Mädchens, das in Vietnam vor einer Napalmwolke flieht. Der unbewaffnete tschechische Demonstrant, der sich im Prager Frühling direkt vor das Kanonenrohr eines Sowjetpanzers stellt, die Brust entblösst. Die Bilder von 1968 gingen um die Welt. Ob in den USA, in Japan, in Grossbritannien, in Tschechien, in Deutschland, in der Schweiz – Abertausende gingen gegen den Kalten Krieg, der oft gar nicht so kalt war, auf die Strasse. Noch heute verkörpern ebendiese Bilder die grossen Antikriegsproteste von damals.

«1968 hatte die Friedensbewegung einen ihrer Höhepunkte», sagt Hugo Braun. Der 84-Jährige ist pensionierter Journalist und Mitglied der globalisierungskritischen Organisation Attac. «Wie alle politischen Bewegungen verlief auch die Antikriegsbewegung in Wellenbewegungen. Mal konnte sie mehr Menschen mobilisieren, mal weniger.» Braun hatte die Proteste gegen den Vietnamkrieg als Journalist wie auch als Aktivist begleitet. «Viele Menschen verspürten 1968 eine existenzielle Bedrohung, eine persönliche Betroffenheit.» Der Rüstungswettlauf zwischen den USA und der Sowjetunion, die Ende der siebziger Jahre in Westeuropa durch den Nato-Doppelbeschluss stationierten Nato-Mittelstreckenraketen: Das alles sei mit starken Emotionen verbunden gewesen. «Man verspürte eine akute Angst in der Magengegend», sagt Braun.

Auch Ueli Mäder erinnert sich an diese starke, direkte Betroffenheit. Für den emeritierten Professor für Soziologie an der Universität Basel spielten damals die Medien eine grosse Rolle: «Den Radioberichten über Vietnam oder Biafra hat damals die ganze Familie ganz still zugehört. Die Nachrichten und die Fernsehbilder drangen direkt ins Wohnzimmer. Das hat Eindruck gemacht.» Heute, angesichts der enormen Informationsdichte und obwohl die Welt global vernetzter ist, wirkten die Kriege weiter weg.

Ab Mitte der sechziger Jahre formierten sich in den USA die Proteste gegen die US-Militärintervention in Nordvietnam. Hunderttausende StudentInnen, Hippies, Bürgerrechtlerinnen, Akademiker und Kunstschaffende schlossen sich dem Widerstand gegen den Krieg an. Und die Proteste strahlten aus – nach Paris, Amsterdam, Kopenhagen, Berlin und Tokio. Die Antikriegsbewegung zeigte sich aber auch länderspezifisch in unterschiedlichen Ausprägungen. In den USA war sie stark mit der Bürgerrechtsbewegung verknüpft. In Grossbritannien richtete sie sich vermehrt gegen die atomare Hochrüstung der Nato und beeinflusste damit auch antimilitaristische Proteste in Australien, Neuseeland und Kanada. StudentInnen in der DDR solidarisierten sich mit den Protesten in der Tschechoslowakei, wo im Prager Frühling ein «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» gefordert wurde, die Truppen des Warschauer Pakts unter der Führung der Sowjetunion aber die Protestbewegung mit Panzern niederschlugen.

Die Antikriegsbewegung in der Schweiz drängte vor allem darauf, die hiesigen Rüstungsausgaben zu senken, und war stark mit der Anti-AKW-Bewegung verbunden. Ab 1968 verweigerten zudem immer mehr junge Männer den Militärdienst. Auch Ueli Mäder war einer von ihnen – und kam deswegen 1972 für fünf Monate ins Gefängnis. Die zahlreichen Aktionen und Proteste gegen die atomare Hochrüstung in Westeuropa und den USA dauerten bis Mitte der achtziger Jahren an.

Nach dem Kalten Krieg

Als wichtige Zäsur für die Friedensbewegung betrachtet Ueli Mäder den Fall der Berliner Mauer 1989. Der Kalte Krieg ging zu Ende, der Westen feierte den Zusammenbruch der Sowjetunion – Einzelne wähnten sich gar am «Ende der Geschichte». Die Antikriegsbewegung atmete etwas auf. «Viele dachten: Jetzt wird es besser. Jetzt kommt die Abrüstung», erinnert sich Mäder. Doch schon bald setzte die Ernüchterung ein. Es wurde doch weiter aufgerüstet – damit hatte man damals nicht gerechnet.

«Der Antikriegsbewegung fehlt eine ganze Generation», meint Michael Schulze von Glasser in Bezug auf das Ende des Kalten Kriegs. Der 31-Jährige ist Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen. Auch wegen der Abrüstungsvereinbarungen, die am Ende der Konfrontation der Supermächte standen, verlagerte sich das politische Engagement der nächsten Generation. «Das Bedrohungsgefühl des Kalten Kriegs war vorbei», sagt Schulze von Glasser. Die Jugend, die sich Anfang der neunziger Jahre politisierte, habe sich tendenziell in anderen Bereichen engagiert – etwa in der Antiglobalisierungsbewegung.

Dann kam der 11. September 2001. Nach den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center rief die US-Regierung unter George W. Bush den «Krieg gegen den Terror» aus – und stürzte die Welt in neue Kriege, die bis heute nicht enden wollen. Als 2003 die USA und Grossbritannien mit ihrer «Koalition der Willigen» die völkerrechtswidrige Militärinvasion im Irak starteten, erlebte die Antikriegsbewegung neuen Aufwind. Weltweit demonstrierten gut sechs Millionen Menschen gegen den Irakkrieg. Allein in Berlin gingen 500 000 Menschen auf die Strasse – es war die grösste Friedensdemonstration in der Geschichte der Bundesrepublik. Aber auch in Rom, London, Johannesburg, Bern, Moskau, Madrid und New York demonstrierten jeweils Zehntausende gegen die Militärinvasion. Wieder waren es breite Allianzen und vielfältige Proteste. Aber dieses Mal kurzlebiger.

«Die Demonstrationen gegen den Irakkrieg waren zwar gross, aber nicht nachhaltig und waren bald wieder verschwunden», sagt Michael Schulze von Glasser. «Man hat es nicht geschafft, die Leute zu halten, aus den Protesten etwas Grösseres, Dauerhaftes aufzubauen.» Vor fünfzig Jahren seien die Fronten noch klarer gewesen, da herrschten sehr klare Freund-Feind-Schemata vor: der Westen gegen die Sowjetunion. «Die Welt ist komplizierter geworden», sagt Schulze von Glasser.

Kein «Gut gegen Böse»

Das zeigt sich heute etwa am Beispiel des Syrienkonflikts. Im Arabischen Frühling 2011 entflammten in Syrien breite Proteste gegen das autoritäre Regime von Baschar al-Assad. Dieser liess die Demonstrationen blutig niederschlagen, seitdem versinkt das Land im Bürgerkrieg. Russland und der schiitische Iran unterstützen das Assad-Regime, das sunnitische Saudi-Arabien Teile der Opposition; internationale Bündnisse unter Führung der USA bekämpfen den sogenannten Islamischen Staat (IS); die Türkei geht wiederum gegen die kurdischen Milizen vor, die gegen den IS kämpfen. Mit einfachen Schemata lässt sich ein solcher Konflikt nicht erklären.

«Die Welt ist komplexer geworden», sagt auch Judith Schmid, Sekretärin der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA). Während 1968 die Fronten relativ klar gewesen seien, brauche es heute viel Information, um den Überblick zu behalten. Die Betroffenheit sei nach wie vor da, so die 34-Jährige, aber eben auch stark von Hilflosigkeit geprägt. «Die neuen Kriegstechnologien lassen Kriege abstrakter wirken. Sie werden heute distanzierter geführt», sagt Schmid. So etwa die US-Drohnenangriffe in Pakistan, im Jemen oder in Somalia. Sie finden ohne eigentliche Kriegserklärung statt, die Bombardierung von ZivilistInnen wird dabei in Kauf genommen. «Aufgrund dieser Abstraktheit suchen sich wohl heute viele Menschen ganz konkrete Möglichkeiten, um sich einzusetzen. Weniger in Form einer grossen Bewegung, sondern eher spezifisch, zu bestimmten Themen.»

Derzeit verzeichnet die GSoA viel Unterstützung für ihre Kriegsgeschäfteinitiative; sie registriert Empörung in der Bevölkerung, wenn es darum geht, dass der Bundesrat die Ausfuhrregeln für Waffenexporte lockern will – dann könnten nämlich Schweizer Waffen künftig auch in Bürgerkriegsländer verkauft werden. «Wenn man am Bundesplatz gegen den Krieg in Syrien demonstrieren würde, an wen adressiert man das dann? Es sind so viele Akteure involviert», sagt Schmid. «Aber Kriegswaffenexporte, das ist ganz konkret und auch sehr persönlich. Das betrifft einen. Es ist die eigene Regierung, die das macht.»

Verquere Ausläufer

Es gibt nach wie vor in verschiedenen Ländern diverse NGOs, Gruppen und Bündnisse, die sich gegen Krieg und Militarismus einsetzen – gegen Waffenexporte, Atomwaffen, Armeewerbung. Nur arbeiten sie oftmals länderspezifisch und sind dadurch weniger als geballte Bewegung sichtbar. Hinzu kommen neue, verquere Ausprägungen der Bewegung – wie etwa 2014, als die «Montagsmahnwachen für den Frieden» in Berlin mit antisemitischen, rechtsextremen und verschwörungstheoretischen Tendenzen aufhorchen liessen. Von solchen Gruppen distanzieren sich aber sowohl langjährige Aktivisten wie der pensionierte Hugo Braun als auch Friedensaktivistinnen der jüngeren Generationen.

«Die Antikriegsbewegung gibt es immer noch, aber sie hat neue Protestformen angenommen», sagt Judith Schmid, «auch durch die sozialen Medien.» Weil sich die Gesellschaft stark verändert habe, sei ein Vergleich mit 1968 schwierig. «Die 68er-Bewegung hat sich grosse Verdienste erworben. Durch sie hat die Armee ihren Status als unantastbare Institution verloren. Das ist ein wichtiges Erbe.» Diese Errungenschaften gelte es zu verteidigen. «Heute ist die Friedensbewegung zersplitterter. Das Engagement ist vielfältig und wird weniger in seiner Gesamtheit, als eine politische Bewegung, wahrgenommen.»

So zeigt sich die heutige Antikriegsbewegung zum einen institutionalisierter als früher: Mit einer schlagkräftigen Kampagne verhinderte die GSoA 2014 den Kauf neuer Kampfflugzeuge. Dieses Jahr kündigte die NGO erneut an, das Referendum gegen den Kauf neuer Kampfjets zu ergreifen. Letztes Jahr lancierte sie medienwirksam die eigene Kriegsgeschäfteinitiative, indem die 86-jährige Friedensaktivistin Louise Schneider vor die Schweizer Nationalbank beim Berner Bundesplatz «Geld für Waffen tötet» sprayte.

Neben der institutionalisierten Friedensarbeit finden sich die Ideen der Bewegung aber auch in neuen Projekten wieder: etwa in den Solidaritätsgruppen für das nordsyrisch-kurdische Rojava, in den Zehntausenden DemonstrantInnen, die diesen Februar in diversen europäischen Städten gegen die Bombardierung von Afrin auf die Strasse gegangen sind. Und in den unzähligen HelferInnen, die Menschen, die vor dem Krieg geflohen sind, über die Grenzen begleiten und Unterstützung anbieten. So wie die «Make Love Not War»-Schilder für die Bewegung von 1968 stehen, werden womöglich in fünfzig Jahren die «Refugees Welcome»-Transparente als Symbolbilder heutiger Kämpfe gelten.

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