Nr. 43/2017 vom 26.10.2017

Wo beginnt Gewalt?

Im letzten Teil des Monatsinterviews erklärt Peter Weishaupt, warum er Pazifist und Pessimist ist, wie er Gewalt definiert und warum er bis heute nie resigniert hat.

Von Merièm Strupler (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Peter Weishaupt: «Gewalt beginnt dort, wo menschliche Bedürfnisse und berechtigte Forderungen unterdrückt werden.»

WOZ: Peter Weishaupt, Sie sind seit fünfzig Jahren Pazifist. Ist für Sie Gewalt nie legitim?
Peter Weishaupt: Das würde ich nicht generell sagen. Der politische Pazifismus ist eine umfassende, grundsätzliche Kritik an Gewalt. An institutioneller und gesellschaftlicher, aber auch an direkter Gewalt. Aber es gibt natürlich auch Situationen, die nicht so eindeutig sind.

Zum Beispiel?
In den dreissiger Jahren etwa musste der Slogan «Nie wieder Krieg», den die Schweizer Friedensbewegung nach dem Ersten Weltkrieg ausgerufen hatte, relativiert werden. Die eher militärkritischen Sozialdemokraten haben sich damals im Kampf gegen die Totalvernichtung des Nationalsozialismus zur Landesverteidigung bekannt.

Was halten Sie von Bewegungen, die zum Teil aus bewaffneten Gruppen bestehen und mit denen viele Linke sympathisieren, etwa die kurdische Bewegung?
Kampagnen von einzelnen linken Gruppierungen wie seinerzeit «Waffen für El Salvador» oder kürzlich die Waffenaktion für Rojava sollten in der Szene intensiv diskutiert werden. Schliesslich verurteilen wir die schweizerischen Waffenexporte ins Pulverfass Nahost zu Recht scharf. Ich sehe tausend andere Möglichkeiten, Bewegungen wie die kurdische zu unterstützen. Zudem kommen Aufständische in der Regel ohne Unterstützung aus dem Ausland zu Waffen. Der Islamische Staat etwa hat sie weitgehend beschafft, indem er die Waffenlager der Regierung geplündert hat.

Sie würden sich mit der Bewegung solidarisieren, aber in einer anderen Form?
Ja, es war verrückt, dass man den Kurden den Kampf gegen den IS überlassen hat, statt den internationalen Druck zum Funktionieren zu bringen. In Syrien hat der Aufstand gegen das Assad-Regime früh in einem kaum überbietbaren Desaster geendet. Es wird unsere Aufgabe sein, die demokratischen Bewegungen im arabischen Raum frühzeitig in ihrem Kampf zu unterstützen.

Wo beginnt für Sie Gewalt?
Dort, wo menschliche Bedürfnisse und berechtigte Forderungen unterdrückt werden, statt dass sie gemeinsam angegangen oder Kompromisslösungen gesucht würden. Dort, wo es nur um Eigeninteressen geht, um Macht, die man militärisch erringt oder festigt.

Wir hören täglich in den Nachrichten von aktuellen Konflikten. Aber sind wir nicht trotzdem – oder gerade deshalb – komplett abgestumpft?
Die entfesselte Medialisierung der letzten Jahre rückt die Konflikte dieser Welt vordergründig näher. Wenn ein Krieg in den Medien präsent ist, löst das Anrufe bei uns im Friedensrat aus. Die Leute fragen, wie schlimm die Lage sei und was wir dagegen täten. Der positive Aspekt dieser Entwicklung ist, dass man die Konflikte überhaupt wahrnimmt und die Bilder wirken. Die Schnelllebigkeit der Medien hat aber den negativen Effekt, dass die Konflikte schnell wieder aus dem Fokus geraten.

Die Leute sind unmittelbar betroffen, setzen sich dann aber meist nicht langfristig ein?
Es ist verständlich, dass man vor allem dann betroffen ist, wenn etwas im medialen Fokus steht. Aber das ist dann halt einfach ein Gefühlsausdruck. Für die Friedensarbeit braucht es ein kontinuierliches Engagement. Und dafür Leute zu gewinnen, ist heute eher schwierig.

Wo bleibt denn die Friedensbewegung? Warum gehen die Leute nicht mehr gegen Waffenexporte und Militarismus auf die Strasse?
Eine Bewegung kann man nicht herbeiführen oder voraussehen, sie passiert. Wie etwa 2015, im Zusammenhang mit den Kriegsflüchtligen aus Syrien: Damals setzten sich viele Leute spontan und sehr direkt für die Flüchtlinge ein. Es entstand eine unglaubliche Solidarität, ganz unabhängig von Angela Merkels Regierungsentscheid. Für mich ist die Flüchtlingsbewegung eine neue Art der Friedensbewegung.

Man kann sich angesichts der zahlreichen Krisen dennoch hilflos fühlen. Haben Sie in all diesen Jahren nie resigniert?
Nein, resignieren würde ich nie, solche Gedanken kenne ich nicht. Die Friedensarbeit ist ein langfristiger Kampf, einer mit Kontinuitäten, Erfolgen und Niederlagen. Es geht mir nicht um einen utopischen Endzustand, den es zu erreichen gilt. Denn diesen gibt es nicht.

Sondern?
Konflikte wird es immer geben. Die Frage ist, wie man diese anders angehen kann – ohne Selbstzerstörung oder Zerstörung der anderen. Es bringt nichts, Konflikte zu negieren oder selbst zu resignieren.

Sie fühlen sich aber schon manchmal ohnmächtig?
Ja, ohnmächtig fühle ich mich manchmal. Ich bin kein Optimist. Aber mein Pessimismus hält mich nicht davon ab, etwas zu tun. Es ist eher umgekehrt.

Umgekehrt, weil es noch viel schlimmer werden könnte?
Umgekehrt im Sinne von: Es gibt genug zu tun in der Friedensarbeit, und sie wird wohl immer nötig bleiben.

Peter Weishaupt (65) hält die junge Generation nicht für weniger politisch als seine eigene. Social-Media-Kampagnen scheinen ihm aber etwas vereinfacht und kurzlebig. Es brauche mehr als einen Klick da und ein Liken dort.

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