Nr. 41/2017 vom 12.10.2017

Sich von innen nähern

Zwischen Konvention und persönlichem Empfinden: In seinem Debütalbum «Aromanticism» setzt sich Moses Sumney vor reduzierter musikalischer Kulisse mit autobiografischen Themen auseinander.

Von Donat Kaufmann

Moses Sumney: «So was wie romantische Liebe habe ich nie verspürt. Das ist eine eigene, mir unbekannte Kategorie.»

Beim ersten Mal eintippen streicht das Schreibprogramm das «A» unaufgefordert aus dem Wort. Beim zweiten Mal begnügt es sich mit einer roten Markierung. Die Suchmaschine wiederum fragt nach Eingabe des Wortes: «Meinten Sie: Romantizismus?» Nein – genau wie es da steht: «Aromantizismus». Mit A. Im Gegensatz zur Asexualität scheint das ausbleibende Verlangen nach romantischer Liebe, und das meint der Begriff, gegenwärtig kaum vorstellbar. Resultate liefert die Suchmaschine trotzdem. Fast zwangsläufig führt die Suche nach Hintergründen zu Aromantizismus darum an einen unerwarteten Ort: zur Musik eines Sängers aus Los Angeles. Moses Sumney heisst der. Sein introspektives Debütalbum «Aromanticism» ist eine Annäherung von innen.

Mit der Musik von Moses Sumney verhält es sich fast wie mit der romantikfreien Liebe. Sie war da, lange bevor sie wahrgenommen wurde. Zumindest in seinem Kopf. Songs schreibe er, seit er denken könne. Diese zu teilen, habe er sich allerdings erst getraut, als er seinen 20. Geburtstag längst hinter sich gehabt habe. «Es war ein Gefühl der Verzweiflung, das die Schüchternheit schliesslich verdrängte und mich dazu brachte, vor Publikum aufzutreten», sagt er in einem Interview. Seine zwischen Folk, Gospel, Jazz und R ’n’ B eingespannten Stücke spielt er ohne Band, nur mit Gitarre und Loop-Gerät, Stimmen und Melodien zu Harmonien schichtend. Es dauerte nicht lange, bis sich sein Name mit rasender Geschwindigkeit zu verbreiten begann.

Ins Falsett gehobene Stimme

Als im September 2017, vier Jahre nach den ersten Auftritten, das Debütalbum «Aromanticism» erscheint, hat Sumney bereits mit James Blake die Bühne und mit Solange Knowles das Studio geteilt und nebenbei an Festivals gespielt, mit denen andere ihre Karriere krönen.

Das Album selbst ist so was wie die verdichtete Version dessen, was Sumney während der vergangenen drei Jahre tröpfchenweise veröffentlicht hatte. Neben neuen Stücken finden sich Reprisen früher Songs wie «Plastic», in denen die formgebenden Elemente seiner Musik bereits deutlich hervortraten. Die ins Falsett gehobene Stimme, die Geradlinigkeit im komplexen Arrangement, die Anmut: Nach wenigen, sich zaghaft vortastenden Akkorden hält die Gitarre in «Plastic» plötzlich inne. Stille. Bis sich aus dem Nichts die Stimme erhebt: «I know what it is to be broke and to be bold».

Sowenig man sich diesen jungen aufstrebenden Musiker als verwitterten Mann vorstellen kann, so sehr ist man geneigt, die Zeilen autobiografisch zu lesen. Sumneys Stimme bleibt nah an den Texten, sie hat bei aller Leichtigkeit etwas derart Verbindliches, dass sich die Bedeutung der Worte auch in den höchsten Registern nicht verflüchtigt. Als er dann die Beschreibung mit der unübersetzbaren Zeile «And I know what it’s like to behold and not be held» fortführt, scheint erst recht undenkbar, dass Sumney mit «Aromanticism» eine andere Realität vertont als seine ganz persönliche. Im Interview mit der «New York Times» sagt er: «So was wie romantische Liebe habe ich nie verspürt. Ich habe platonische Liebschaften – und ich liebe offensichtlich Musik. Romantische Liebe aber ist eine eigene, mir unbekannte Kategorie.»

«Aromanticism» ist eine exzessive Untersuchung des Spannungsfelds von Konvention und persönlichem Empfinden, wobei Sumney die Konflikte stets dialogisch austrägt. Der normierten Aussenwelt steht er mal fragend gegenüber («Doomed»), mal sich rechtfertigend («Quarrel»), mal um Verzeihung bittend («Indulge Me»). Die musikalische Kulisse für diese Gespräche ist aufs Nötigste reduziert. Oft sind es nicht mehr als vorsichtig auseinandergezupfte Gitarrenakkorde, über die er seine schwebenden Harmonien legt. Hin und wieder ziehen im Hintergrund Streicher und Synthesizer vorbei wie Wolkenschleier.

Abschied von der Mutter

Nur selten schwillt die Musik auf das Volumen einer ganzen Band an, einmal in der zweiten Hälfte von «Quarrel», nachdem Sumney sein Gegenüber verzweifelt auf ein grundsätzliches Missverständnis hinzuweisen versucht: «If I don’t have the tools to fight, calling this a quarrel isn’t right». Wie solle man einen Beziehungsstreit führen, wo man sich doch nicht mal einig sei darüber, ob man überhaupt eine Beziehung führe?

Am ausschweifendsten ist die Musik von Moses Sumney während der letzten Minuten von «Lonely World», dem vielleicht besten Song dieses Albums. Im kurzen Vorspiel hören wir Schritte auf einer Schotterstrasse, und wir hören Sumney in der Rolle des Erzählers, den Abschied von seiner Mutter schildernd, bevor ein Bläsersatz die Stimme in einem dichten Nebel verschwinden lässt. Es ist die musikalische Reflexion über den Eintritt in die Einsamkeit. Für einen kurzen Moment scheint ihm dabei die Kontrolle über Nähe und Distanz zu entgleiten; was persönlich war, ist plötzlich (zu) intim.

Die Grenzüberschreitung lässt sich aber auch als dramaturgischer Kniff lesen. Als Vorbereitung für den Moment, in dem der undurchlässige Klangvorhang plötzlich zu Boden gleitet, sich in ein fein geflochtenes Gitarrenmuster verwandelt und unaufhaltsam einem epischen Ende und dem Höhepunkt dieses Albums entgegenwächst.

Konzert in: Zürich, Rote Fabrik, Mittwoch, 22. November 2017, 20 Uhr. www.rotefabrik.ch

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