Nr. 41/2017 vom 12.10.2017

Was will der Islamische Staat in den USA?

Die Dschihadorganisation hat das Massaker in Las Vegas mehrfach für sich reklamiert. Das ist merkwürdig – und im derzeitigen politischen Klima in den Vereinigten Staaten in jedem Fall effektiv.

Von Markus Spörndli

Ein Soldat des IS, behauptet der IS: Aus diesem Fenster schoss der Massenmörder von Las Vegas am 1. Oktober. Foto: Chris Carlson, Keystone

Schon am Morgen nach der nächtlichen Massenerschiessung in Las Vegas, bei der Stephen Paddock fast sechzig Menschen tötete und Hunderte verletzte, meldete sich Amaq zu Wort, eine Art Nachrichtenagentur des IS: Der 64-jährige US-Amerikaner sei ein «Soldat des Islamischen Staats». Die bundespolizeiliche Ermittlungsbehörde FBI dementierte dies sogleich, obwohl sie bis heute kein Motiv für die Tat ermittelt hat; und ein Beamter erklärte gegenüber dem Magazin «Newsweek», dass der sogenannte Islamische Staat ja alles Mögliche behaupte.

Glaubwürdige Terrororganisation

ExpertInnen sind sich hingegen einig, dass der IS in seiner Kommunikation zwar zu Übertreibungen und gelegentlichen Ungenauigkeiten neigt, aber nicht zu Falschmeldungen, wenn es um die Reklamierung von Anschlägen geht. Sie halten deshalb das Dementi des FBI für verfrüht, besonders weil Amaq später noch nachlegte – und vor allem, weil der IS inzwischen «Las Vegas» auch über einen offiziellen Kanal für sich beanspruchte. Als «Soldaten» bezeichnet die Organisation typischerweise Attentäter, die sich vom IS inspirieren liessen und ihre Verbundenheit zu erkennen gegeben haben.

Von den weit über hundert Terroranschlägen, die der IS seit 2014 ausserhalb Syriens und des Irak für sich reklamiert hat, handelt es sich in höchstens drei bis fünf Fällen um leere Behauptungen. So möglicherweise auch bei zwei Anschlägen vom Juni dieses Jahres in Manila und Jerusalem, die Amaq dem IS zuschrieb. Einen Fall, bei dem sich eine offizielle IS-Stelle fälschlicherweise zu einem Anschlag bekannt hat, ist bisher nicht dokumentiert.

In diesem Sinne geniesst der IS nicht nur bei seinen SympathisantInnen, sondern auch bei ExpertInnen und Behörden eine hohe Glaubwürdigkeit. Warum also sollte die Terrororganisation ihre Glaubwürdigkeit mit einer gravierenden Falschmeldung aufs Spiel setzen?

Neue Taktik für Trumps USA?

Manche denken, dass die massiven Territorialverluste in Syrien und im Irak die IS-Führung zu kommunikativen Überreaktionen verleiten könnten, da sie auf diese Weise ihre momentane Schwäche zu überspielen hofft. Jasmine El-Gamal überzeugt das nicht: «Noch immer hat der IS mehr Mitglieder, als al-Kaida je hatte, er hat Ableger im Sinai, in Libyen oder auch auf den Philippinen, und er ist weiterhin eine weltweite terroristische Gefahr», sagt die Terrorismusexpertin des US-Thinktanks Atlantic Council in Beirut. «Wenn sich die Verantwortung für Las Vegas als falsche Behauptung herausstellt, wäre das für mich nicht ein Zeichen des Niedergangs, sondern vielmehr eines dafür, dass der IS seine Taktik geändert hat.»

Die Taktikänderung dürfte eine Reaktion auf die Regierung Donald Trumps sein, meint El-Gamal: «Es ist naheliegend, dass der IS das heutige politische Klima in den USA für seine Zwecke nutzt. Wenn Regierungsvertreter willkürlich entscheiden, was als Fake News oder als Realität zu gelten hat, dann kann der IS darauf zählen, dass auch seine Behauptungen auf fruchtbaren Boden fallen.»

Der britische Dschihadismusforscher Aymenn Jawad Al-Tamimi, der seit Jahren verdeckt mit IS-Mitgliedern aller Stufen in Kontakt steht, schätzt dies ähnlich ein: «Der IS ist sich natürlich der polarisierten und paranoiden Stimmung in der US-Öffentlichkeit bewusst.» Und er fügt hinzu: «Selbst wenn die Behörden Belege für ein anderes Tatmotiv präsentieren können, werden viele Amerikaner weiterhin glauben, dass diese die Rolle des ‹islamischen Terrors› vertuschen oder herunterspielen wollen.»

Radikaler Schulterschluss

Dem IS gehe es nicht nur um eine möglichst hohe Zahl an Todesopfern, ergänzt El-Gamal: «Wenn es die Organisation schafft, in den USA Zweifel zu streuen, fördert das die Angst. Das ist ja eigentlich das Ziel jeder Terrororganisation. Die zunehmende Angst vor dem ‹Islamismus› begünstigt eine antimuslimische Politik. Und das kann die IS-Führung dann wiederum für ihre Propaganda und für die Rekrutierung neuer Mitglieder und Attentäter nutzen.»

In der Tat: In den sozialen Medien stellen AnhängerInnen der «alternativen Rechten» tausendfach die Glaubwürdigkeit der bundespolizeilichen Ermittlungsbehörde infrage – ein typischer Tweet geht etwa so: «Grossartig. Das FBI behauptet nach elf Stunden, dass der IS nichts mit Vegas zu tun hat, aber nach elf Monaten kann es immer noch nicht sagen, dass Trump keine Verbindung mit Russland hat.»

Dabei wird auch ausgiebig Rukmini Callimachi zitiert, die auf nahöstliche Terrororganisationen spezialisierte Korrespondentin der «New York Times» – des bildungsbürgerlichen Blattes also, das in diesen Kreisen ansonsten als Avantgarde der linksliberalen Fake-News-Verschwörung gesehen wird. Callimachi hält es wegen der bisherigen Glaubwürdigkeit von IS-Bekenntnissen weiterhin für möglich, dass die Organisation etwas mit dem Massaker in Las Vegas zu tun haben könnte. Nun missbraucht ein waffenfreundlicher und islamfeindlicher Mob die nüchterne Analyse für eigene Zwecke.

Die radikale Rechte und der radikale Islamismus haben einmal mehr zusammengefunden. Der IS kann in den Vereinigten Staaten einen Erfolg verbuchen, egal wie die Wahrheit hinter der Massenerschiessung letztlich lautet.

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