Nr. 09/2020 vom 27.02.2020

Das Urteil markiert eine Zeitenwende

Von Daniela JanserMail an Autor:in

2015 sagte das philippinisch-italienische Model Ambra Battilana Gutierrez auf einem New Yorker Polizeiposten aus, dass der Filmproduzent Harvey Weinstein sie begrapscht habe. Sie legte auch eine heimliche Tonbandaufnahme vor, auf der zu hören ist, wie Weinstein sie in sein Hotelzimmer locken will. Der zuständige Staatsanwalt Cyrus Vance verfolgte den Fall nicht weiter.

Anfang 2020 brachte derselbe Staatsanwalt nun mehrere sexuelle Übergriffe Weinsteins zur Anklage. Am 24. Februar hat ein Geschworenengericht den Filmproduzenten in zwei von fünf Anklagepunkten schuldig gesprochen. Dieses Urteil besiegelt nun auch juristisch einen sehr viel weiter reichenden Wahrnehmungswandel: Der gewaltsame Zugriff auf den weiblichen Körper gilt nicht mehr als vernachlässigbar – oder schlicht normal. Kurz nachdem die Vorwürfe 2017 publik geworden waren, hatte Weinsteins Anwältin noch erklärt, er sei halt ein alter Dinosaurier. In einem neuen Dokumentarfilm ist er auf historischen Aufnahmen als jähzorniger Unantastbarer zu sehen, der Leute, die sich ihm in den Weg stellen, offen bedroht. Vor Gericht erschien er nun als gebrochener Mann.

Über neunzig Frauen hatten im Verlauf des Prozesses ausgesagt. Das nun gefällte Urteil wird von StrafrechtsexpertInnen als differenziert und bedeutsam bezeichnet. Differenziert, weil die Jury nicht in allen Anklagepunkten zu einem einstimmigen Verdikt kam. Wichtig, weil der Fall komplex war: Einer der Schuldsprüche betraf eine Vergewaltigung, bei der die Frau sich nicht aktiv gewehrt hatte.

Nach der Urteilsverkündung wurde der 67-jährige Weinstein in Handschellen abgeführt. Ihm drohen 5 bis 25 Jahre Haft, das genaue Strafmass wird am 11. März verkündet. Weinsteins Verteidigung will gegen das New Yorker Urteil Berufung einlegen. In einem nächsten Prozess soll er in Los Angeles wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung von zwei Frauen vor Gericht kommen.

Wichtig bleibt, dass neben prominenten Fällen wie Bill Cosby und Harvey Weinstein, durch die #MeeToo viel Aufmerksamkeit erhielt, auch all die anderen Übergriffe mit weniger berühmten Tätern – und Opfern – nicht vergessen werden.

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