Nr. 43/2017 vom 26.10.2017

Kröten statt Katzen

Neu, aktuell und unterhaltsam – das will das neue Schweizer Newsportal «Nau» sein. Als Vorbilder dienen Facebook und Google.

Von Donat Kaufmann

Yves Kilchenmann, CEO

CEO Yves Kilchenmann ist sichtlich bewegt. «Sensationell», sagt er und strahlt in die Kamera der hauseigenen Reporterin. «Es isch really a magic moment gsi.» Eben hat er den roten Knopf gedrückt, wir erleben die ersten Minuten der ersten Liveschaltung. Die deutschsprachige Schweiz hat jetzt ein neues Newsportal: «Nau».

Hinter der Plattform steht das Unternehmen Livesystems, das unter den Namen Passengertv und Gasstationtv schweizweit Werbebildschirme im öffentlichen Verkehr und an Tanksäulen betreibt. Wie bis anhin wird über diese Bildschirme künftig eine Mischung aus Werbung, Funfacts und Nachrichtenschnipseln flimmern. Mit dem Unterschied, dass Letztere nicht mehr von Dritten kommen (etwa der NZZ), sondern aus einer eigenen Redaktion.

24 PraktikantInnen

Nicht weniger als 45 ReporterInnen werden die Werbebildschirme und das dazugehörige Newsportal in Zukunft mit Inhalten bespielen. Bemerkenswert ist neben der Grösse der Redaktion auch deren Zusammensetzung. Mindestens 13 JournalistInnen arbeiteten früher beim Medienkonzern Ringier. Chefredaktor Micha Zbinden etwa war stellvertretender Sportchef bei der «Blick»-Gruppe. Auch die stellvertretenden ChefredaktorInnen Angelika Meier und Christof Vuille kommen vom «Blick», wie eine Handvoll weiterer ReporterInnen. Andere wechselten von Radio Energy oder vom «Beobachter» (ebenfalls zu Ringier gehörend). Eine Verbindung zum Konzern gebe es aber nicht, wie Geschäftsführer Kilchenmann auf Anfrage schreibt.

Noch höher als die Zahl der Ringier-AbgängerInnen ist jene der PraktikantInnen: 24 – rund die Hälfte der Redaktion. Ausbildung anzubieten, sei Teil der Strategie, schreibt Kilchenmann. Man sehe hier eine Win-win-Situation. Viele junge JournalistInnen mit Live- oder Videoerfahrung fänden in klassischen Redaktionen keinen Platz. Zu «Nau» aber würden sie gut passen. Das mag sein, ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Der andere ist, dass PraktikantInnen zu den billigsten Arbeitskräften gehören. Dabei dürfte es um die finanzielle Situation von Livesystems nicht allzu schlecht stehen: Laut der «Medienwoche» fuhr das Unternehmen 2016 mit einem zweistelligen Millionenumsatz Gewinn ein.

Mit «Nau» setzt Livesystems nun auf Lokaljournalismus: Videoreportagen, Liveübertragungen, Texte aus den Regionen. Neben der Hauptredaktion in Bern gibt es Ableger in Basel, Zürich, Luzern, Frauenfeld und St. Gallen. «Wir sind dabei, wenn in Zug ein Chocolatier seine Türen öffnet oder in Obwalden ein Bauer gegen eine Mäuseplage kämpft», verspricht das ReporterInnenteam aus Luzern in einer Videobotschaft. Aus dieser geht übrigens auch hervor, wie «Nau» zu verstehen sei: «N wie neu, A wie aktuell und U wie unterhaltsam».

Der Blick auf die bisherigen Beiträge bestätigt mindestens Teile davon. Katzenbilder werde es nicht geben, wie «Head of Content» Simon Klopfenstein im Vorfeld bekannt gab. Damit schien die Gefahr gebannt, in das Konzept «Unterhaltung um jeden Preis» abzurutschen. Ob das auch zutrifft, wenn ReporterInnen «für Nau ans Limit» gehen und eine Kröte in die Hand nehmen oder trotz Höhenangst auf den Üetliberg klettern, sei dahingestellt. Was die Aktualität betrifft, bestehen kaum Zweifel: «Nau» berichtet genauso zeitnah über Ereignisse, wie es «20 Minuten», «Watson» und «Blick am Abend» eben auch tun.

Potenter Vertriebskanal

Wie steht es um das «N wie neu»? Dafür, dass «die digitalen Medien in der Schweiz erbärmlich» seien und man selber sich «seit zehn Jahren mit Facebook und Google» messe, wie Kilchenmann unlängst gegenüber der «Medienwoche» sagte, ist das alles erstaunlich: gewöhnlich. Die Formate unterscheiden sich kaum von jenen etablierter Lokalmedien wie TeleZüri oder den Regionalspalten von «Watson». Auch diese spüren die Quartierphänomene auf und porträtieren lokales Gewerbe.

Unüblich ist hingegen – und hier liegt die Sprengkraft von «Nau» – der potente Vertriebskanal. Über die Bildschirme im öffentlichen Verkehr erreicht das Medium vom ersten Tag an rund 1,5 Millionen Menschen, wobei Inhalte bestens an lokale Bedingungen angepasst werden können – und potenziell an die zwischen den Nachrichten gezeigte Werbung. Ob das Medium «Nau» die kommerziellen Interessen des Mutterkonzerns Livesystems auf Distanz halten kann, bleibt abzuwarten. Dass sich Journalistinnen und Werbeverkäufer die Büroräumlichkeiten teilen, macht die Sache aber sicher nicht einfacher. Trotzdem: Wir freuen uns erst mal auf viele «magic moments» mit «Nau».

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