Nr. 43/2017 vom 26.10.2017

Entdecke den Tiger unter dir!

Von Bernhard C. Schär

Vom indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie stammt das Bonmot, Britannien sei ahnungslos, was die eigene Geschichte angehe, denn der wichtigste Teil davon habe in den Kolonien stattgefunden. Die Aussage lässt sich grosso modo auch auf Kontinentaleuropa übertragen. Die Kräfte, die die moderne Welt schufen, entwickelten sich ab dem 16. Jahrhundert nicht in europäischer Isolation, sondern in einem globalen Kontext. Dieser Kontext entstand massgeblich durch die gewaltsame Expansion europäischer Imperien nach Übersee.

Jede europäische «Errungenschaft» hat folglich ihre bis heute nachwirkende Kehrseite: Die Marktwirtschaft bildete sich im Tandem mit Sklaverei und Zwangsarbeit heraus; zur Aufklärung gehörte auch der Rassismus; Demokratie und Menschenrechte in Europa entstanden mit kolonialer Gewaltherrschaft und Entrechtung in Übersee. Die gewaltsame Rückseite europäischer Geschichte ist freilich wenig bekannt. Europäische Geschichte wird noch allzu oft losgelöst von der Geschichte in Übersee erforscht, erzählt und vermittelt.

Für die Schweiz stellt sich das Problem in spezifischer Weise. Sie gründete zwar kein Kolonialreich, stellte aber im Verlauf von fünf Jahrhunderten Risikokapital für den Sklavenhandel, Versicherungs- und Finanzexpertise für Ost- und Westindienkompanien und Kaufleute für den Kolonialwarenhandel bereit. Hinzu kamen Missionsgesellschaften, wissenschaftliche «Entdeckungsreisende», aus Armut zur Auswanderung gedrängte Kolonistenfamilien ebenso wie Spezialisten für die «Rassenforschung» oder Söldner für fast alle Kolonialarmeen der imperialen Mächte.

Die Schweiz fungierte, mit anderen Worten, lange als Dienstleisterin der imperialen Globalisierung. Sie hat damit die koloniale Vorgeschichte der globalisierten Gegenwart nicht nur in bemerkenswertem Mass mitgeprägt. Sie wurde von dieser auch entscheidend geformt. Neutralität und «Gute Dienste», kombiniert mit einem gewaltigen Finanzplatz, Exportüberschüssen, dem Zentrum des globalen Rohstoffhandels, der Rolle der global führenden Wissenschaftsnation und Gastgeberin internationaler Organisationen – das sind unter anderem Instrumente, die die Schweiz auch zur Teilnahme an und zum Profitieren von einer Globalisierung herausgebildet hat, deren Geschichte tief in die Kolonialzeit zurückreicht.

Bildlich gesprochen können wir uns die Schweiz folglich als eine Art aussenpolitischen Zwerg vorstellen, der auf einem Tiger durch die Weltgeschichte reitet. Analog zu ihren grösseren Nachbarsmächten hat sie dabei ein eigenartiges System demokratischer, journalistischer und sozialwissenschaftlicher Machtkontrolle und Selbstreflexion errichtet. Dieses befasst sich per Design fast ausschliesslich mit dem Zwerg und nur peripher mit dem Tiger.

Als Folge davon dringen die Gewalt und die Stimmen der Opfer des Tigers nur sporadisch ins Bewusstsein der neutralen und humanitären Zwergenrepublik. Dies betrifft etwa auch die Fütterung des Tigers in Saudi-Arabien (vgl. «Das Geld muss fliessen»). Sie erfolgt auf Kosten anonymer Kriegsopfer, der Ausbeutung quasi rechtloser ArbeitsmigrantInnen aus Südostasien bei gleichzeitiger Unterstützung des globalen Terrors.

All dies geschieht abseits des Rampenlichts. Dafür werden umso intensiver Gefahren beschworen, die angeblich von muslimischen Minderheiten, Burkas oder Minaretten daheim ausgehen. Dass der Tiger weitgehend unsichtbar bleibt, hilft nicht nur vielen Kantonen, Gemeinden und Familien; sie geniessen auch dank ihm tiefe Steuern und hohe Lohnniveaus in gepflegten Landschaften mit erstklassiger Infrastruktur. Unsichtbarkeit schützt auch vor Kritik. Wie sollen die Opfer des Tigers die Zwerge dazu bringen, eine Bestie zu zügeln, die sie während Generationen zu übersehen lernten?

Bernhard C. Schär ist Historiker an der ETH Zürich und assoziiertes Mitglied des Zentrums «Geschichte des Wissens» der ETH und der Universität Zürich.

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