Kolonialismus von unten : Tod in Surabaya

Nr.  33 –

Durch einen Zufallsfund erhält unser Autor Einblick in das Leben eines Urgrossonkels aus dem Aargau, der in jungen Jahren als Fremdenlegionär nach Niederländisch-Ostindien kam.

«Einen dummen Streich gethan»: Der zurückgelassenen Familie in Niederrohrdorf schickte Egloff reich illustrierte Briefe über die gefahrvolle Seefahrt und wenig glaubhafte Schilderungen des Söldnerlebens auf Java. FAKSIMILE: NACHLASS ARNOLD EGLOFF

Batavia. Das exotische Wort will nicht recht zu dem von meinem Urgrossvater verfassten Erinnerungsalbum passen, das mir vor einigen Jahren in die Hände fiel. Es erzählt vom Sohn eines «armen geplagten Schuldenbauern» aus dem katholischen Ostaargau, der 1903 als junger Mann zum Stationsvorstand von Pfäffikon SZ befördert wurde. Eine gut besoldete Stellung im Dienste der Schweizerischen Bundesbahnen. Eugen Egloff gründete eine Familie und konnte vor dem fromm empfangenen Tod glücklich auf Freud und gewiss auch Leid eines langen Lebens zurückblicken. Die Stadt Batavia, das heutige Jakarta, scheint hier fehl am Platz. Der Ort steht in dem Buch wegen Eugens älterem Bruder Arnold, dem schwarzen Schaf in der Familie. Dieser hatte als Söldner bei den holländischen Kolonialtruppen im heutigen Indonesien gedient.

Josef Arnold Egloff hatte es zwar weiter gebracht im Leben als bloss ins Welschlandjahr und für die SBB nach Pfäffikon wie mein Urgrossvater. Allerdings verstarb er 1894, im Alter von nur 26 Jahren, an den Folgen von Verletzungen, die er sich «bei einem Eingeborenenaufstand in der Nähe von Batavia» zugezogen hatte, wie es in Eugens Memoiren heisst. Die Geschichte liess mich nicht mehr los. Mittels Internetrecherchen tauchte ich in die Welt des niederländischen Kolonialismus in Ostindien ein. Aufgrund des Sterbedatums von Josef Arnold lässt sich vermuten, dass er Mitglied der Militärexpedition gegen den balinesischen Radscha auf der Insel Lombok war. Ende August 1894 geriet die Expedition in einen Hinterhalt. Die Niederlage markiert ein Trauma für die holländischen Kolonialherren. Doch wie war mein Urgrossonkel dorthin geraten?

Tausende von armen Schweizer Söldnern

Als ich vor einigen Monaten erfuhr, dass am Institut für Geschichte der ETH Zürich ein Forschungsprojekt just zu Schweizer Söldnern in Niederländisch-Ostindien läuft (siehe untenstehenden Text «Landigeist aus Sumbawa»), wurde mir klar, dass Arnold Egloff kein Einzelfall war. Fast 8000 Schweizer Söldner kämpften zwischen 1814 und 1914 für die niederländische Kolonialarmee in Südostasien. Philipp Krauer, der darüber eine Doktorarbeit schreibt, fand im Archivmaterial aus Den Haag rasch die Eckdaten zu Egloffs Söldnerschicksal. Am 2. April 1889 hatte sich mein Urgrossonkel in Harderwijk für sechs Jahre bei den Kolonialtruppen verpflichtet. Rund 400 Schweizer dienten damals in Indonesien. Als Füsilier wurde Egloff bereits am 9. April zusammen mit holländischen, deutschen und belgischen Soldaten auf dem Postdampfer Prins Frederik in Amsterdam eingeschifft.

Bernhard C. Schär, der das Forschungsprojekt leitet, untersucht schon seit Jahren die Verbindungen zwischen dem vermeintlich weltabgewandten neutralen Kleinstaat und den kolonialen Projekten der europäischen Mächte. Doch Kolonialismus war kein nationales Unterfangen der Kolonialmächte. «Die Schweiz stellte wie der gesamte zentraleuropäische Raum eine multiimperiale Dienstleistungs- und Ressourcenzone dar», sagt Schär. «Diese lieferte Kapital, Personal sowie technisches und wissenschaftliches Know-how für die kolonialen Projekte etwa Frankreichs in Nordafrika oder der Niederlande in Ostindien.» Söldner in ausländischen Nationalarmeen, hervorgegangen aus der Tradition der frühneuzeitlichen «Fremden Dienste», waren ein integraler Bestandteil dieses transnationalen Kolonialismus. Zeitweilig, so Krauer, stellten Schweizer Fremdenlegionäre in Indonesien über zehn Prozent des europäischen Truppenkontingents.

Nicht nur die Eschers, Sarasins und Volkarts, die Banken und Welthandelsfirmen waren im Ausbeutungsgeschäft in Übersee engagiert. Auch in den ärmsten Familien der hintersten Schweizer Täler und Dörfer träumten die Menschen von fernen Gestaden. Anders als für die Auswanderung nach Nordamerika benötigte man für den Eintritt in die Fremdenlegion kein Startkapital. Im Gegenteil: 200 Gulden – ein kleines Vermögen – drückten einem die Holländer nach Vertragsunterschrift bar in die Hand. Es lockten Ruhm, Abenteuer und eine privilegierte Stellung als weisser Herr im exotischen Tropenparadies. Die Schweizer Behörden unterstützten diesen «Abflusskanal» für potenzielle «Lumpenproletarier» aktiv. Die meisten Söldner, so Krauer, planten ihren Dienst in den Kolonialtruppen als begrenzten Lebensabschnitt. Angesehen und wohlhabend wollten sie nach einigen Jahren in die Heimat zurückkehren. Ein Happy End bleibt jedoch die Ausnahme.

Zuerst kann mir in der Verwandtschaft niemand Genaueres über Arnolds Schicksal sagen. Schliesslich verstarb er vor 125 Jahren. Da meldet sich überraschend Onkel Bruno, bei ihm lagere noch ein Stapel Korrespondenz. Es ist ein wahrer Schatz. Krauer hilft mir beim Entziffern der alten Schrift und wertet die Briefe für sein Projekt aus. Mehr als der Spenglerberuf, den der Bauernsohn freudlos gelernt hatte, und mehr als das Kriegshandwerk lag dem Egloff Arnold das Zeichnen. Dutzende Bilder zieren seine Briefe, illustrieren den Bericht über die gefahrvolle Seefahrt nach Osten. In kunstfertigen Miniaturen skizzierte er für die «Lieben Eltern und Geschwister» in Niederrohrdorf den Alltag in und um seine Kaserne in Magelang in Zentraljava. Er wollte hoch hinaus: Für sein Buchprojekt «Zwischen Luft und Erde» schickte er ganze Zeichenhefte «mit Romanen und Bildern» nach Hause. Sie gingen irgendwann verloren. Aber die Briefe sind noch da.

In unbeholfenem Deutsch, zunehmend durchsetzt mit holländischen Einsprengseln, berichtet Egloff weltmännisch von fremden Bräuchen, javanischer Landwirtschaft, von Kost und Klima, tropischer Vegetation sowie den «feuerspeienden Bergen» der Vulkaninsel. Wenig glaubhaft beteuert Egloff, er habe es im Dienst «schön wie ein Prinz». Mit der erhofften Karriere will es aber nicht recht klappen. Zwar wird er nach ein paar Jahren wunschgemäss ins Musikkorps umgeteilt. Zum technischen Zeichner oder zum Unteroffizier bringt er es allerdings nicht. Umso hartnäckiger verfolgt Egloff sein Buchprojekt. Dem Soldatenalltag fehlt derweil jede Kolonialromantik. Er scheint geprägt von dröger Langeweile, vor allem während der langen Regenzeit. Seuchen grassieren, Kameraden – so ein anderer Aargauer, Füsilier Rebsamen aus Muri – werden von der Cholera dahingerafft. Auch Egloff erkrankt wochenlang an Brechdurchfall, muss «wie eine Leiche» durch das Hospital getragen werden. Mehrfach zwingt ihn hohes Fieber ins Bett. Ihn plagen Heimweh, Selbstzweifel und ein schlechtes Gewissen.

Sechzig Gulden für den verlorenen Sohn

Josef Arnold Egloff, «bei einem Eingeborenenaufstand» auf Java verstorben (Porträt von 1889). FOTO: NACHLASS ARNOLD EGLOFF

«Mein liebes Kind sei edel und gut und gedenke, dass du ein Krist bist», schreibt die sorgenvolle Mutter. «Du hast schon einen dummen Streich gethan», schilt ihn der Vater, «allein du bist noch jung und kannst deinen Fehler wieder gutmachen.» Das der darbenden Familie immer wieder in Aussicht gestellte Geld kann Arnold dann doch nie zurücklegen. Ob er, als er trotzig von zu Hause ausgerissen war, von Anfang an sein Glück im Fernen Osten suchen wollte? Oder hatte er zuerst tatsächlich vergeblich Arbeit in Basel, Mulhouse und Colmar gesucht? Wollte er nach Ablauf der sechsjährigen Dienstzeit heimkehren oder sich weiter verpflichten, wenn er doch noch zum Korporal befördert würde? Stimmt das alles?, frage ich mich bei der Lektüre. Jeden Sonntag gehe er in Magelang zur Messe, versichert Arnold. Ein «Drunkenbold» und «Schnapslüstler» werde er nicht, beschwichtigt er die Familie. Er halte sich auch von den «Jafanischen Meiten» fern, die nur hinter dem Geld her seien.

Im August 1894 dann das wohl erste Gefecht und die todbringende Kugel. Ein Lungendurchschuss, der während Tagen nicht richtig versorgt werden kann. Den letzten Brief schreibt im September der Feldgeistliche im Lazarett von Surabaya, nachdem er dem Sterbenden die heiligen Sakramente erteilt hat. «Auch eine Existenz, die an den Verhältnissen zerbrach», kommentiert mein Urgrossvater in seinen Erinnerungen. Nicht nur den geliebten Sohn, auch eine Arbeitskraft hatte die niederländische Krone der verarmten und hoch verschuldeten Bauernfamilie geraubt. Überraschend wird ihnen auf Ersuchen des Vaters hin eine Entschädigung von sechzig Gulden ausbezahlt. Das entsprach damals etwa dem Schlachtwert eines halben Rindes.

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