Nr. 44/2017 vom 02.11.2017

Unterwegs im Suizidwald

In ihrem neuen Roman «Die Kieferninseln» verbindet Marion Poschmann Naturpoesie mit Witz.

Von Eva Pfister

Positives Moosgrün: Im real existierenden Suizidwald legen Lebensmüde manchmal ein Seil, um wieder hinauszufinden, falls sie doch noch weiterleben wollen. Foto: Pieter Ten Hoopen, Laif

Sie sind ein seltsames Paar, die zwei Männer, die in diesem Roman durch Japan reisen. Der eine ist auf der Suche nach dem idealen Platz für seinen Suizid, der andere auf der Flucht aus einem misslungenen Leben. Gilbert Silvester hat in Deutschland den erstbesten Langstreckenflug gebucht, nachdem ein Traum ihn davon überzeugte, dass seine Frau ihn betrügt. Er ist ein «unscheinbarer Wissenschaftler», der mit drittklassigen Projekten sein Leben fristet. Aktuell untersucht er die Bartdarstellungen im Film in ihrem kulturgeschichtlichen Kontext: Gott wurde immer schon mit einem langen Rauschebart gezeigt, der Teufel mit einem Ziegenbart, so seine These.

Auf einem Bahnhof in Tokio fällt Gilbert ein junger Japaner mit einem schütteren Kinnbärtchen auf, der sich offenbar auf die Gleise werfen will. Er spricht ihn an – und lernt so Yosa Tamagotchi kennen, einen Studenten der Petrochemie mit Prüfungsangst und noch mehr Problemen, die er im Lauf der gemeinsamen Tage preisgeben wird. Denn der Deutsche reist nun mit dem Japaner von einem Suizidplatz zum nächsten. In Japan gibt es nämlich gute und schlechte Orte für Selbsttötungen. Der beste ist eine Klippe am Pazifik, mit Kiefern bestanden und «von zernagender Schönheit».

Lieber Tee als Alkohol

Das Bestechende an Marion Poschmanns Roman «Die Kieferninseln» ist die Verbindung von Poesie und Witz. Die neuzeitlichen Pilger kommen in ihrer Lebensuntauglichkeit rührend und komisch daher. Die eigentliche Hauptfigur des Buches ist aber die Natur. Marion Poschmann kennt und liebt Japan, die Kiefern kommen schon in ihrem Gedichtband «Geliehene Landschaften» vor. Dafür wurde sie im April dieses Jahres mit dem erstmals vergebenen Deutschen Preis für Nature Writing geehrt, der vom Verlag Matthes & Seitz in Kooperation mit dem Bundesamt für Naturschutz verliehen wird. In der Begründung heisst es: «Die Jury würdigt insbesondere die ausserordentlich genauen Naturbilder und die subtilen poetischen Evokationen einer Durchdringung von eigenmächtiger Natur und menschlicher Kulturtätigkeit in der Lyrik der Autorin.»

Das trifft auch auf die «Kieferninseln» zu. So etwa, wenn Poschmann beschreibt, wie Gilbert Silvester einen Wald wahrnimmt: «In Japan verschaffte ihm die Pflanzenwelt eine eigenartige Erleichterung. Immer war man umgeben von unproblematischem Azaleengrün, positivem Moosgrün, einfachem Bambusgrün – und dem geheimnisvollen, dunklen Grün der Kiefern. Sie standen lichtnadelig und kompakt, und er tauchte ein in ihren Schatten.» Der Witz dieser Passage ist: Gilbert und sein japanischer Gefährte bewegen sich in einem Suizidwald. Den gibt es tatsächlich. Er heisst Aokigahara, liegt am Fuss des heiligen Berges Fuji und ist stark frequentiert: Die beiden stolpern über Schuhe, Stricke und sogar bekleidete Skelette. Noch einmal gelingt es dem Deutschen, Yosa Tamagotchi von der Selbsttötung abzuhalten; sie übernachten im gruseligen Wald, und Gilbert erfährt vom Lebensmüden, wo sein eigentliches Problem liegt: Er gehört zu den zartbesaiteten jungen Männern, die lieber Tee trinken als Alkohol, sich der Körperpflege widmen und gerne Kleider kaufen. In Japan werden sie als «pflanzenfressende Männer» verspottet, für die kleine, schüttere Bärtchen zum Ankleben angeboten werden, die ihnen wenigstens einen Hauch von lässiger Männlichkeit verleihen sollen.

Auf den Spuren des Haikudichters

Das Kapitel im Suizidwald ist der Höhepunkt von Poschmanns Roman. Danach scheint sie das Interesse an ihren Figuren zu verlieren; Yosa verschwindet einfach, während Gilbert weiter seinem «Reiseleiter» folgt, dem klassischen Dichter Basho, der im 17. Jahrhundert Haikus verfassend in den Norden Japans pilgerte. Sein Ziel: die Kieferninseln. Dort landet auch Gilbert Silvester und versucht sich ebenfalls als Haikudichter:

Fern von zu Hause
Kiefern, so alt wie der Fels –
ziehende Wolken.

Das ist allerdings eine der Stellen, die in der Schwebe lassen, ob jetzt Marion Poschmanns Poesie am Werk ist – oder ihre Ironie.

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