Nr. 44/2017 vom 02.11.2017

In der Stadt muss man auch geniessen können

Mehr als dreissig Jahre nach «bolo’bolo» ist die Stadtutopie des Kultautors Hans Widmer alias P. M. erwachsen geworden. In «Die Andere Stadt» erklärt er zusammen mit sechs AutorInnen, wie die Stadt der Zukunft aussehen soll.

Von Laura Cassani

Wenn man über die Stadt der Zukunft nachdenke, müsse man eigentlich nur eine einfache Frage stellen: «Wie können wir so leben und arbeiten, dass die Biosphäre überlebt, unser Leben genussreich, die Verteilung der Güter gerecht und eine demokratische Selbstbestimmung möglich ist?»

Das schreibt Autor und Stadtutopist Hans Widmer einleitend in «Die Andere Stadt». Dass eine Antwort auf diese Frage nicht leicht zu finden ist, wird bei der Lektüre des fast 400 Seiten dicken, mit bunten Illustrationen, farbigen Infoboxen, Exkursen und Fallbeispielen gespickten Sammelbands schnell klar. Zusammen mit sechs ExpertInnen (unter ihnen WOZ-Redaktorin Bettina Dyttrich) umkreist Widmer aus verschiedenen Perspektiven ein Modell für eine neue Stadt, wie es sie in einer unbestimmten Zukunft weltweit geben könnte.

Das Buch macht Lust, sich auf das Abenteuer «Andere Stadt» einzulassen. Weil es den AutorInnen gelingt aufzuzeigen, wie ein urbanes Zusammenleben aussehen könnte, das nicht direkt in die ökologische, ökonomische und soziale Katastrophe führt – und weil es erst noch lustvoll und kulturell reichhaltig ist.

Teilen statt tauschen

Der Weg in die Andere Stadt beginnt mit einem grundsätzlichen Umdenken: Eine völlig neue Wirtschaftsweise müsse her, auf ökologische Kompromisse müsse verzichtet werden, dafür brauche es eine «ungebremste Gestaltungsmacht» der StadtbewohnerInnen, schreibt Widmer. Es geht ihm um eine neue Denkweise – und nicht bloss um neuartige räumliche Lösungen; die architektonische Gestaltung der Anderen Stadt ist für den Stadtutopisten deshalb kein Thema. Kern der neuen Denkweise ist die Idee der Commons. Das sind Ressourcen, die gemeinschaftlich genutzt werden, zum Beispiel Land, Nahrungsmittel oder auch Wissen. Basierte das Zusammenleben auf Commons, dann ginge es künftig ums Teilen anstatt ums Tauschen. Gemeinschaften würden dann genau so viel produzieren und nutzen, wie sie zum Leben brauchen. Der Kapitalismus hätte ausgedient.

Die Andere Stadt, so Widmers Vorstellung, wird nach der Idee der Commons organisiert und modular aufgebaut sein, mit der Nachbarschaft als kleinstem Modul. Diese umfasst etwa 500 Personen, die dicht, aber nicht eng zusammenleben und gemeinsam die Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs sicherstellen. Hausarbeiten, Kochen und die Betreuung der Kinder sollen kollektiv organisiert werden. In der Anderen Stadt wird also nicht mehr in jeder Wohnung mittags und abends für die Kleinfamilie gekocht werden: Wenn man die alltäglichen Aufgaben kollektiv erledigt, hat jedeR Einzelne mehr Zeit für das, was wirklich Spass macht, so die Vorstellung. Zur Nachbarschaft gehört zudem immer eine Landbasis. Dort, unweit der Stadt, wird produziert, was die Nachbarschaft konsumiert.

Das nächstgrössere Modul ist das Quartier, wo die öffentlichen Dienste zu finden sind, Schulen, Gesundheitseinrichtungen und ein Kulturzentrum zum Beispiel. Das Kulturzentrum ist besonders wichtig. Denn eine Stadt dürfe ihre hedonistische Seite auf keinen Fall vernachlässigen, betont Widmer. Und schliesslich hat jede Stadt ein Stadtzentrum, wo Hochschulen, Gerichte und ein «Kooperatorium» angesiedelt sind: ein Ort, wo sich die Idee der Anderen Stadt weiterentwickeln kann. Alle drei Module sind untereinander und auch global vernetzt. Die Andere Stadt, so die Utopie, ist weltumspannend, die Module können überall umgesetzt und den regionalen Bedingungen angepasst werden. Die AutorInnen von «Die Andere Stadt» legen trotzdem einen klaren Fokus auf die Schweiz.

Vor über dreissig Jahren formulierte Hans Widmer bereits eine Stadtutopie, damals anonym unter dem Pseudonym P.  M. «Bolo’bolo», so heisst das schmale Büchlein, ist für viele immer noch die urbane Utopie par excellence. Widmer formulierte darin die Idee von neuartigen Nachbarschaften, den «bolos». Die Idee inspirierte viele: zum Beispiel die Zürcher Wohngenossenschaft Kraftwerk 1 (in der Widmer heute lebt und im hauseigenen Lebensmitteldepot mitarbeitet, in dem Produkte aus fairen und solidarischen Produktionsstätten verkauft werden).

Bolo’bolo wird erwachsen

Seit Jahrzehnten wird weiter daran getüftelt, wie die Andere Stadt organisiert sein müsste, wie das Leben in ihr aussähe. An Kongressen wird die Idee der Nachbarschaften, die heute nicht mehr «bolos» heissen, bekannt gemacht und weitergedacht. Genossenschaften in verschiedenen Schweizer Städten – zum Beispiel Nena 1 in Zürich – versuchen derzeit, ein erstes Nachbarschaftsmodul zu bauen. Im Buch «Die Andere Stadt» ist die Utopie, die Widmer in «bolo’bolo» zu einer fast schon kindlichen Parodie ihrer selbst überspitzt hatte, nun gewissermassen erwachsen geworden.

Und wie das mit dem Erwachsenwerden so ist: Alles wird differenzierter, will erklärt und mit Zahlen belegt sein. So sind denn in «Die Andere Stadt» einige der Kapitel zu ausführlich geraten. Etwas mehr redaktioneller Mut hätte dem Buch gutgetan: weglassen, kürzen, einfacher formulieren. Dann etwa, wenn nach einem mit Zahlen vollgepackten Text von Ökobilanzspezialist Gabor Doka auch noch ein Interview mit dem Autor folgt. Statt Klarheit zu bringen, öffnet das Gespräch inhaltlich aber lediglich weitere Fässer.

Auch das Kapitel «Vom Acker auf den Teller» von der Gartenbäuerin und Historikerin Ursina Eichenberger ist mit fast hundert Seiten zu lang und zu detailliert geraten, auch wenn die solidarische Landwirtschaft einer der Grundpfeiler der Anderen Stadt ist. Problematisch wird die Gestaltungsfreiheit, die der Herausgeber den einzelnen AutorInnen gegeben hat, dort, wo Thesen in den Raum gestellt werden, die nicht ohne Diskussion so stehen gelassen werden dürften. Dann zum Beispiel, wenn der Arzt Martin Meili den Exit-Freitod am Lebensende als mögliches Mittel zur Eindämmung der Gesundheitskosten vorschlägt.

Darüber, wie die andere Stadt organisiert sein soll, erfährt man fast zu viel. Das Ziel ist klar gesteckt. Gleichzeitig bleiben die Wege von der heutigen zur Anderen Stadt unterbeleuchtet. «Wir denken einfach um», schreibt Hans Widmer. Vielleicht haben Utopien das so an sich. Sie nähren sich aus der Zuversicht der UtopistInnen, dass sich ihre Idee verwirklichen wird – irgendwie und irgendwann. «Eine bunte Blüte mit viel Nektar braucht sich nicht darum zu sorgen, dass die Bienen kommen», ist Widmer überzeugt. «Wenn es uns gelingt, eine Andere Stadt als verlockend und realisierbar zugleich zu beschreiben, dann werden sich auch Menschen finden für den politischen Weg zu ihr.»

Trotzdem unterscheidet sich «Die Andere Stadt» von totalen Utopien, die keinerlei Anknüpfungspunkte ans Heute bieten. Vor allem die diversen Fallbeispiele zeigen pragmatische Ansätze auf, wie man auch im kapitalistischen Jetzt einfach einmal anfangen könnte, die Stadt der Zukunft zu realisieren.

Klarstellung

In der Rezension des von Hans Widmer (P. M.) herausgegebenen Buchs «Die Andere Stadt» (Paranoia City, Zürich 2017) wird mir unterstellt, dass ich den «Exit-Freitod am Lebensende als mögliches Mittel zur Eindämmung der Gesundheitskosten» vorschlage.

Nichts liegt mir ferner, und ich fühle mich sehr missverstanden, wie die folgenden Abschnitte aus dem im Übrigen sehr lesenswerten Buch zeigen sollen:

«Die ungebremsten Gesundheitskosten sind gedanklich ein schwieriges Problem. 50 % der Kosten fallen in den letzten 5 Lebensjahren an, 30 % im letzten Jahr, praktisch unabhängig vom Alter. Die Frage ist, wer aus welchen Motiven auf die Bremse steht. Unproblematisch ist es, wenn wir selbst, in vollem Bewusstsein, bei klarem Kopf und genügend Zeit zum Überlegen für uns selber entscheiden, ob wir auf eine allenfalls mögliche, ja sogar wirkungsvolle Therapie verzichten möchten. Das passiert nicht selten, wobei ich noch kaum je erlebt habe, dass dabei die Kostenfrage eine zentrale Rolle spielt. Eher ist es so, dass jemand merkt, dass das, was noch kommt, nicht die grosse Verheissung ist. Da kann Exit ein Modell sein – man kann gehen, wenn man genug gehabt hat.

Wesentlich schwieriger ist der von aussen aufgezwungene Verzicht, also die Rationierung: Wer bestimmt, dass eine Chemotherapie für 100 000 Franken angeordnet wird? Wer bekommt die Langzeitbehandlung mit jährlichen Kosten von 50 000 Franken und wer nicht? Die personalisierte Medikation führt zu immer kleiner werdenden Patientengruppen und daher zu höheren Kosten. Umgekehrt könnte die Malaria mit relativ wenig Kosten ausgerottet werden. Wohin soll also das Geld gehen? Welche Instanzen, welche Prozesse entscheiden darüber?»

Ich ziehe also eine klare Grenze zwischen dem freiwilligen, selbstbestimmten Verzicht und der von aussen aufgezwungenen Rationierung. Selbstverständlich kann, ja muss diese Freiwilligkeit immer hinterfragt werden. Aber in Zeiten der florierenden Unsterblichkeitsindustrie (siehe den Artikel «Prahlhänse der Unsterblichkeit» von Eduard Kaeser in der NZZ vom 4. November) muss es erlaubt sein, sich darüber Gedanken zu machen, bis zu welchem Punkt wir uns da ausliefern wollen – und wo wir einen Strich ziehen. Der von der Autorin des WOZ-Artikels geforderten Diskussion stelle ich mich gerne.

Martin Meili, Zürich

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