Nr. 45/2017 vom 09.11.2017

Ein Mädchen lässt sich treiben

Von Florian KellerMail an AutorIn

Die Pubertät als sozialer und biologischer Horror zwischen Ausgrenzung und erster Periode: Das hat sich das Kino immer wieder gern ausgemalt, und längst nicht immer ging es dabei so grausig zu wie mit dem Kübel voll Blut, der in «Carrie» über die junge Sissy Spacek geleert wurde. Weit weniger drastisch tastet sich jetzt die frühere Schauspielerin Lisa Brühlmann (vgl. «Wie haben Sie die Zweifel zerstreut?») in ihrem preisgekrönten Erstling «Blue My Mind» an das Unbehagen in der Adoleszenz. Die Verwandlung, die das Mädchen Mia (Luna Wedler) hier durchläuft, ist dann umso einschneidender, aber auch befreiender.

Mia ist neu zugezogen und muss sich erst Respekt verschaffen bei den Schönen und Coolen. Ein kurzes High durch mutwillig herbeigeführte Ohnmacht, ein kleiner Ladendiebstahl und dann barbusig auf der Autobahnbrücke: Das sind so die jugendlichen Rituale, mit denen die Neue ihren Platz im Kreis der Mächtigen vom Pausenplatz erobert. Aber auch jenseits von sozialem Druck neigt Mia plötzlich zu bizarren Exzessen: Daheim schnappt sie sich einen Zierfisch aus dem Aquarium und verschlingt ihn bei lebendigem Leib, und auch bei Tisch zeigt sie einen animalischen Heisshunger. Als sie eines Tages an ihrem Zeh eine sonderbare Deformation entdeckt, ist Mia vernünftig genug, um gleich zur Ärztin zu gehen. Die wiegelt professionell ab: Das müsse ein Geburtsfehler sein. Aber was sollen dann die Schlitze, die sich bald an Mias Rippen bilden: Sind das Kiemen, oder was?

Mias Metamorphose zum Fabelwesen aus der einschlägigen Mädchenfantasie hat nichts Verträumtes, sondern wirkt ungemein konkret und schmerzhaft. Das Fantastische ist hier nahtlos mit einem Realismus verwoben, der nah bei den Figuren bleibt, ihren Sehnsüchten und Qualen, ihrem Hunger nach Glück und ihrem Scheitern. So gelingt Lisa Brühlmann in ihrem Abschlussfilm etwas ganz Beachtliches: ein Coming-of-Age-Drama, das diesem filmisch schon bestens ausgeleuchteten Komplex nochmals neue Facetten abgewinnt – weil es sich zwischen märchenhaftem Bodyhorror und präzisem Blick für die Lebenswelt einen sehr eigenen metaphorischen Raum erschliesst.

Ab 9. November 2017 im Kino.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch