Nr. 45/2017 vom 09.11.2017

Werbung mit Hitler

Von Kaspar SurberMail an AutorIn

Das Inserat für das Heft «NZZ Geschichte» zeigt ein kitschiges Ölbild mit einem Schweizer Soldaten, der mit ängstlichem Gesichtsausdruck vor einer düsteren Bergwelt steht. Darunter prangt in grossen Lettern ein Zitat von Adolf Hitler aus dem Jahr 1941: «Die Schweiz ist das widerwärtigste und erbärmlichste Volk.» Das Ölbild stammt aus der Gegenwart, gemalt hat es der Künstler Pascal Möhlmann, der als junger Wilder der Porträtkunst gilt. Das Zitat wiederum ist nur in der indirekten Rede von Hitlers Chefdolmetscher Paul Otto Schmidt überliefert. Was bloss bringt die «Neue Zürcher Zeitung» dazu, mit Hitler Werbung zu machen?

Im Kleingedruckten des Inserats erfährt man, dass es für die Serie «Schweizer Schlüsselmomente» des Historikers Thomas Maissen wirbt. In der aktuellen Ausgabe erläutert er auf knappem Raum, dass die Schweiz im Zweiten Weltkrieg nicht wegen der militärischen Wehrkraft verschont blieb, sondern wegen der wirtschaftlichen Kollaboration mit dem NS-Regime sowie dem strategischen Desinteresse Hitlers an der Schweiz. Peer Teuwsen, Redaktionsleiter von «NZZ Geschichte», rechtfertigt die Verwendung des Zitats im Inserat, das in enger Zusammenarbeit mit Maissen entstanden sei: «Es illustriert die These von Thomas Maissen, dass die Schweizer Geschichtsforschung lange Zeit die Rechnung ‹ohne den Wirt› gemacht hat, dass sie sich also einseitig auf das konzentrierte, was die Schweizer gegen Nazideutschland unternahmen.»

Anders beurteilt Philipp Sarasin, Professor für Neuere Allgemeine Geschichte an der Universität Zürich, das Inserat: «Werbung mit einem Hitler-Zitat ist grundsätzlich zynisch und amoralisch, denn sie befördert die Normalisierung dieses Verbrechers, der mit ihm verbundenen Politik und der in seinem Namen begangenen Menschheitsverbrechen.» Werbung habe immer ein wenig ironisch oder witzig zu sein, in diesem Fall, um beim Schweizer Publikum ein Augenzwinkern zu erzeugen. «In Verbindung mit Hitler ist das aber in keiner Weise zu rechtfertigen. Das Bild des braven Füsiliers lässt zusammen mit dem Zitat längst überwunden geglaubte Mythen wiederaufleben. Es ist unglaublich selbstgefällig und damit auch einfach peinlich. Zum Fremdschämen.»

Die WOZ hat das Inserat, das ihr im Austauschgeschäft angeboten wurde, abgelehnt mit der Begründung, Hitler-Zitate gehörten in historische Abhandlungen und nicht in Inserate.

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