Nr. 45/2017 vom 09.11.2017

Unbekümmert in die nächste Katastrophe

Der saudische Thronfolger bereitet sich nicht nur auf seine Zukunft als Diktator vor, er probt auch eine neue Strategie gegen den regionalen Widersacher Iran.

Von Markus Spörndli

Vorbilder Xi Jinping und Wladimir Putin: Der saudische Thronfolger Muhammad bin Salman. Foto: Presidency Press Service, Keystone

Am vergangenen Samstag geschah in Riad Erstaunliches: drei Ereignisse, die eher zufällig genau dann in der Hauptstadt Saudi-Arabiens zusammenkamen, die aber eine gefährliche Dynamik entwickelt haben – und leicht auf einen weiteren Krieg im Nahen Osten hinauslaufen könnten. Die Hauptrolle dieser komplexen Geschichte spielt der 32-jährige saudische Kronprinz Muhammad bin Salman, genannt MbS.

Neues Schlachtfeld Libanon?

Alles begann damit, dass der libanesische Premierminister Saad al-Hariri nach Riad gereist war und am Samstag seinen Rücktritt verkündete. Hariri, der bisher im fein austarierten Regierungssystem im Libanon die SunnitInnen repräsentierte, sagte, er fürchte um sein Leben. Und zwar wegen der Hisbollah, der mächtigen schiitischen Miliz, die als Partei auch an der Regierung beteiligt ist; sie steckte möglicherweise bereits hinter der Ermordung von Hariris Vater und Amtsvorgänger vor über zwölf Jahren. Die Hisbollah baue «einen Staat im Staat» auf, sagte Hariri, und das im Auftrag ihres Patrons: des Iran.

Kaum jemand bezweifelt jedoch, dass das saudische Königshaus, das sich als Schutzherr der SunnitInnen in der Region versteht, den Rücktritt des libanesisch-saudischen Doppelbürgers erzwungen hat. So soll wohl der Stellvertreterkrieg in Syrien in der einen oder anderen Form in den Libanon verlagert werden. In Syrien dürfte der Iran dank seines wiedererstarkten Verbündeten Baschir al-Assad ohnehin kaum noch zu verdrängen sein.

Das mögliche Kalkül: Die Hisbollahkämpfer kehren nach ihrem Sieg in Syrien sowieso wieder in den Libanon zurück und gewinnen dort an Macht. Die Probleme des Landes wurden bisher vor allem Hariri angelastet. Ohne ihn könnte die Hisbollah versucht sein, den Rückhalt in der Bevölkerung durch eine erneute Konfrontation mit Israel zu verstärken. Und dann könnte MbS zuschauen, wie die israelische Armee seinen Stellvertreterkrieg ausficht.

Wenige Stunden nach Hariris Rücktrittserklärung fing das saudische Militär eine Rakete ab, die vom Jemen aus in Richtung von Riads Flughafen abgefeuert worden war. Dieses zweite samstägliche Ereignis war natürlich nicht von MbS geplant. Es war nur eine Folge seiner Entscheidung vom März 2015, im zerrütteten südlichen Nachbarland einen indirekten Krieg gegen den Iran anzuzetteln, der bisher über 10 000 Tote gefordert hat.

Doch mittlerweile ist klar, dass die saudische Regierung den Raketenbeschuss nutzt, um den Libanon noch mehr in den Vormachtskampf mit dem Iran hineinzuziehen. «Es war eine iranische Rakete, abgefeuert von der Hisbollah», sagte der Aussenminister am Montag. Tags darauf sprach MbS von einer «direkten militärischen Aggression» des Iran, die «als kriegerischer Akt betrachtet werden» könne.

Gefängnis im Luxushotel

Kurz vor Mitternacht folgte dann der eigentliche Coup des künftigen Königs. Dutzende Prinzen wurden in der Nacht auf Sonntag verhaftet und sitzen nun in einem zum Luxusgefängnis umfunktionierten Nobelhotel fest. Schon zuvor hatten MbS und sein Vater, der greise König Salman, vereinzelt Konkurrenten aus dem Weg geräumt. Samstagnacht geschah das flächendeckend – und zwar unter dem bei führenden Autokraten beliebten Deckmantel der Korruptionsbekämpfung. Schon der russische Präsident Wladimir Putin entledigte sich oppositioneller Oligarchen, indem er ihnen Bestechung vorwarf; zuletzt tat dies auch der starke Mann der Volksrepublik China, Xi Jinping, mit unliebsamen Parteikadern.

Bis Samstag war Saudi-Arabien eine Art Konkordanzmonarchie, in der die verschiedenen Zweige der Königsfamilie in die Machtausübung eingebunden waren. Nun ist das Land auf dem Weg zu einer modernen Diktatur. Mehr Stabilität verspricht das nicht. Nicht für das Königreich selbst, was allein schon am zunehmenden Ärger der Investoren abzulesen ist. Und schon gar nicht für die Region, wie die Dynamik zeigt, die die Ereignisse vom Samstag in kurzer Zeit entwickelt haben.

Einer indes scheint all das wenig zu bekümmern. «Ich habe grosses Vertrauen in König Salman und den Kronprinzen von Saudi-Arabien», twitterte Donald Trump am Dienstagmorgen, «sie wissen genau, was sie tun …» Dass sich der US-Präsident leicht für seine Zwecke instrumentalisieren lassen würde, hatte MbS bestimmt auch schon vorhergesehen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Unbekümmert in die nächste Katastrophe aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr