Nr. 51/2017 vom 21.12.2017

Heimliche Lyrik

Viel ist in diesem Jahr über die sinkende Qualität im Journalismus geklagt worden. Der Psychiater Mario Gmür legt nun aber eine Studie vor, die zuversichtlich stimmt.

Von Adrian Riklin

Faktentreue, Leserfreundlichkeit, analytische Schärfe sind Faktoren, anhand derer journalistische Texte bewertet werden. Der Psychiater Mario Gmür hat nun ein weiteres, bislang unterschätztes Qualitätsmerkmal diagnostiziert: Bei seiner Lektüre der NZZ, des «Tages-Anzeigers» sowie der «NZZ am Sonntag» offenbarte sich ihm an gewissen Stellen, wie er sagt, «eine Art von poésie automatique». Worauf er damit begann, jeden Tag nach Passagen zu suchen, die es in sich hatten, «ein Gedicht zu werden».

Mit kongenialer Empfindsamkeit befreite Gmür ausgewählte Passagen aus dem prosaischen Kontext, um ihre schlummernden lyrischen Qualitäten zur Entfaltung zu bringen. Gmürs Methode: Er versetzte die jeweilige Passage durch geeignete Zeilensprünge in einen vertikalen Verlauf, versah sie mit einem poesiegerechten Titel, eliminierte die Interpunktion und führte konsequent Kleinschreibung ein.

Die Beute, die er in einem Jahr – zwischen dem 30. März 2014 und dem 2. April 2015 – machte, ist erstaunlich: 236 Gedichte konnte er so aus ebenso vielen Artikeln herausdestillieren und mehr als 200 JournalistInnen «heimlich in die Galerie der Dichtkunst» heben, so Gmür. Darunter finden sich Kostbarkeiten, die auch in einer offiziellen Lyrikanthologie stehen könnten. Das zeigt schon das erste Beispiel, «an bord», herausgefischt aus einem Text von Michael Furger, aus der «NZZ am Sonntag»:

ob die passagiere 
an bord miterlebten 
wie ihre maschine
niederging oder
ob sie zu diesem zeitpunkt 
bewusstlos 
oder schon tot waren 
weiss man nicht

Allein an diesem Exempel zeigt sich, wie mit dieser Methode aus einer Tagesaktualität zeitlos anmutende Gültigkeit werden kann. Welch luzide Untergründigkeit, die sich, befreit aus der nüchternen Prosa, in diesen Zeilen auftut!

Dass dergestalt selbst ein aus Gründen der Justiziabilität und des Quellenschutzes zur Schablone gewordener Satz lyrischen Atem hauchen kann, offenbart sich in einer unter dem Titel «namen» gesetzten Passage, die einem Text von Christian Brönnimann im «Tages-Anzeiger» entnommen wurde:

die namen sind 
der redaktion bekannt 
es gilt 
die unschuldsvermutung

Auffallend ist, wie oft Sätzen, in denen vom gesellschaftlichen Wandel die Rede ist, lyrische Flügel wachsen können, sobald sie nach Gmürs Methode bearbeitet worden sind. So geschehen in «früher», gekeltert aus einem Text von Jörg Krummenacher in der NZZ:

heute heisst 
der hügel nördlich 
des ortskerns von glarus 
sonnenhügel 
wo einst die richtstätte war 
ist jetzt ein parkplatz 
auf dem areal 
des kantonsspitals

Kaum überraschen dürfte, dass gerade die Sportberichterstattung immer wieder lyrische Ansätze bereithält. So lautet ein Ausschnitt einem Text von Ruth Spitzenpfeil aus der NZZ, von Gmür unter dem Titel «adieu» verewigt:

sarah meier 
sagt dem eislauf 
adieu 
die lücke im spitzensport 
zu schliessen braucht 
zeit 
der nachwuchs lässt 
hoffen

Je mehr Beispiele man sich zu Gemüte führt, desto mehr wird einem ein weiterer Mechanismus bewusst, der durch die Aussetzung und gezielte Zeilenschaltung in Gang kommt: die Produktion von Bedeutungsschwere – dort, wo sie im ursprünglichen Text zuweilen verloren gegangen oder gar nicht erst aufgekommen ist. Das lässt sich vorzugsweise in Passagen lesen, die aus Texten gerettet wurden, die sich mit Lifestyle beschäftigen. Unverhofft erhält eine wohlstandsgesellschaftliche Banalität – wie etwa in «bauch», gewonnen aus einem Text von Bettina Weber aus dem «Tages-Anzeiger»  – existenzialphilosophische Tragweite:

ein bauch lässt sich 
bis zu einem gewissen grad 
kaschieren 
wenn das hemd darüber fällt

Bleibt die Frage, ob sich hinter dem akkuraten Lob der lyrischen Qualität im zeitgenössischen Journalismus nicht auch leise Kritik an der zeitgenössischen Lyrik verbirgt.

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