Nr. 03/2018 vom 18.01.2018

Optimismus, es gibt ihn

Ruedi Widmer bringt Licht ins Dunkel des Januar

Von Ruedi Widmer

Schwer liegt die Nebeldecke über dem Mittelland, die nur von der US-Airforce One durchbrochen werden wird, in der der zugleich wichtigste und widerwärtigste Mensch der Erde sitzt («Ich bin die am wenigsten rassistische Person der Welt»). Auf den Strassen unserer Städte liegen meterdick die gedanklichen Absonderlichkeiten der No-Billag-Initiative, eine vorrevolutionäre Dunstglocke verdeckt die Aussicht auf einen Frühling, der seinem Namen gerecht wird. Die eigene Facebook-Bubble ist kaum mehr betretbar, ohne dass man sich das Hirn schmutzig macht mit den Zumutungen der Libertären, Nationalkonservativen und Nazis, die notabene von der eigenen hilflosen linken Facebook-Arbeiterschaft ins Haus geschleppt werden (beispielsweise «Viktor-Orban-Fanclub Deutschland»). Die Junglibertären der FDP sind die vorgespannten Esel, die den Wagen der Nationalkonservativen ziehen. Es ist bleiern im Land. Wenigstens das neue Onlinemagazin «Republik» beschwingt diesen Monat und, ja: Jeder ist «selbst seines Glückes Schmied» (libertärer Zuckerbrieflispruch), das merke ich auch in diesen Tagen.

Man muss sich vergegenwärtigen, es gibt enorm viele Menschen, die sich keine Sorgen über politische und gesellschaftliche Verwerfungen machen. Zum Beispiel jene StudentInnen neben mir im Café, die «Nach einem Kaffee bin ich easy ready!» sagen, danach über die Vorzüge von Kängurufleisch sprechen, weil zwei von ihnen in Australien im Austauschsemester waren, und zu ihrem eigenen, noch in weiter Ferne liegenden Unglück Journalismus studieren wollen («So Leute interviewen und so»). Easy geil, solcher Optimismus ist erbaulich.

Es gibt Menschen, die Gruppenevents gleich online buchen, etwa ein Escape-Game im «Geheimgang 188» in Winterthur («Findet gemeinsam den Weg aus dem Geheimgang – Teambuilding pur!»). Wer in der PR-Welt zu Hause ist («PR wäre auch hart geil», ein weiteres Bonmot der StudentInnen aus dem Café) oder im IT-Bereich oder gar in der Marketingindustrie, der kann in eine glorreiche Zukunft blicken. Immerhin ist die Wirtschaft am Brummen, die Automatisierung wird neuerdings eher überschätzt, man vertreibt die Zeit easy geil mit seinen Kumpels im «Bagger & Quad» («Baggern Sie mit Ihrem Team die Kiesgrube um, meistern Sie den Quad-Parcours im Gelände und geniessen Sie ein feines Barbecue»). Das «Quad-Erlebnis» alleine kostet pro Person nur 150 Franken, mit Bagger und Barbecue ab 230 Franken.

Nur JournalistInnen und Linke klagen, atmen schwer, wimmern und klammern sich an alte Werte, hängen an EU, AHV, SBB, der Kultur, der Volksschule, der Demokratie. Haben um die SRG Angst, nur weil pro Kopf der Schweiz zweimal Baggern mit Grillplausch wegfällt. Das bisschen Geld holt man ohne Probleme mit dem Anbieten von Events wieder rein («Machen Sie mit Ihrem Team selber Fernsehen – wer ist der grösste TV-Star? Mit Spaghettiplausch»). Da rollt der Rubel, da läuft die Hotline heiss. Oder «Glanz & Gloria nur für Rechte», da kommt bestimmt auch «No Billag»- und FDP-Youngster Andri Silberschmidt, der sich letzte Woche sogar am althergebrachten, zwangsfinanzierten «Glanz & Gloria»-Apéro gütlich tat, wie in meiner Jammerbubble zu sehen war.

1968 war es genau umgekehrt, da jammerte das Bürgertum, und die Linke erlaubte sich Frechheiten, die denen der Rechten von heute in keiner Weise nachstehen. Staatsabbau und Ausländerhass sind die langen Haare und die Rockmusik von heute. Wenn man von 1968 nochmals vierzig Jahre zurückgeht, ist man beim Aufstieg des Faschismus. Geht man von heute vierzig Jahre vor, 2058, dann sitzt Andri Silberschmidt im Altersheim vor dem Schweizer Fernsehen, schockiert über den feministisch-gutmenschlichen Weltenlauf.

«Alles auf einmal kommt in Fahrt, geht seinen Gang, nimmt seinen Lauf / und es wird werden, wie es war: Was es auch ist, es hört nicht auf» (Blumfeld, 2003).

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.

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