Nr. 05/2018 vom 01.02.2018

Radikale Fantasien

Von Daniela Janser

Vielleicht war es die Unbeirrtheit, mit der sie eine fantastische Utopie nach der anderen erschuf, die ihr in unserer zunehmend alternativlosen Welt eine grosse Fangemeinde bescherte. Dabei hatten die abenteuerlichen Visionen der im Alter von 88 Jahren verstorbenen Ursula K. Le Guin von Beginn weg eine ganz eigenwillige Prägung.

1969 gelang der US-Science-Fiction- und Fantasyautorin der Durchbruch mit «Die linke Hand der Dunkelheit». Darin ging es um einen winterlichen Planeten, dessen BewohnerInnen nur bei sexueller Aktivität ein klares Geschlecht annehmen. Ein vom Planet Erde angereistes Männchen hat Mühe damit – auch deshalb, weil sich in einer geschlechtslosen Welt die Macht entlang neuer Achsen formieren muss. Der Roman war eine Genderutopie, lange bevor diese zum heissen Thema wurde.

Fünf Jahre später war Le Guins nächster Bestseller da, «Die Enteigneten», über eine anarchistische Revolution und die folgenreiche Aussiedlung der Aufständischen auf einen abgeschotteten Zwillingsplaneten. Mangels Fantasie (oder weiblicher Vorbilder) wurde Le Guin von Rezensenten oft als «weiblicher Tolkien» betitelt, später zusammen mit Margaret Atwood dem «Ökofeminismus» zugeschlagen.

Über die Jahre wurde Le Guin immer kämpferischer: Was ihre Fantasie schon immer ausgezeichnet hatte, schlug sich nun auch in expliziten politischen Äusserungen nieder. Für eine Neuauflage von «Die linke Hand der Dunkelheit» schrieb sie ein selbstkritisches Nachwort zu vermeintlich geschlechtsneutralen Pronomen. Und als sie 1987 angefragt wurde, für eine neue Science-Fiction-Anthologie das Vorwort zu schreiben, sagte sie mit einem scharfen Brief ab, weil im ganzen Band keine einzige Autorin zu finden war: Diese Geschichtensammlung komme ihr vor wie ein Männerumkleideraum.

Le Guin war neben Philip Roth die einzige Autorin, die bereits zu Lebzeiten in die renommierte Library of America aufgenommen wurde. In den letzten Jahren schrieb sie allerdings hauptsächlich für sich: Literatur als Alltag und Notwendigkeit. Das hinderte sie nicht daran, 2014 aus Anlass einer Preisrede den Niedergang des Verlagswesens anzuprangern, das SchriftstellerInnen «wie Deodorants» vermarkte.

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