Nr. 06/2018 vom 08.02.2018

In der Grauzone

Ende Februar stellt die Uno-Hungerhilfe ihre Aktivitäten in der Ostukraine ein. Und das, obwohl immer mehr Menschen von Unterernährung bedroht sind.

Von Simone Brunner (Text und Foto), Switlodarsk

«Wir schaffen es nicht, allen zu helfen» sagt der Bürgermeister: Eine Bedürftige beantragt auf der Stadtverwaltung von Switlodarsk Hilfsleistungen.

Am Eingang von Switlodarsk steht eine Statue. Prometheus, der Feuerbringer, die Hände zum Himmel gestreckt. Unter den Sowjets wurde der Ort im Donbass als Siedlung rund um ein Wärmekraftwerk gebaut. Switlodarsk ist Ukrainisch und bedeutet «Gabe des Lichts».

Für Tamara Warakina ist es bereits der zweite Winter, den sie im Dunkeln und in der Kälte verbringt. Der Wind pfeift durch die notdürftig geklebten Fenster, die bei Kämpfen zerstört wurden. Manche Fenster sind nur mit Karton abgedeckt, draussen sind es minus neun Grad. «Ich habe kein Geld, um mir neue Fenster zu kaufen», sagt sie. Wenn in der Nacht geschossen wird, kauert sie sich ins Treppenhaus des neunstöckigen Plattenbaus, wo gar keine Fenster mehr sind, die zerbersten könnten. Dort wartet sie, bis die Kämpfe vorbei sind.

Bis vor kurzem war Switlodarsk eine Geisterstadt, zwischen der ukrainischen Armee und den prorussischen Separatisten erbittert umkämpft. Heute wird die Stadt von Kiew kontrolliert. 12 000 Menschen lebten inzwischen wieder hier, sagt Bürgermeister Anatoli Brechunez. Es sind vor allem die alten und armen Menschen, die in ihre Wohnungen zurückgekehrt sind, weil sie keine Mittel und keine Kraft mehr haben, sich woanders eine neue Existenz aufzubauen. Mit einer kargen Pension von 2100 Hrywnja (rund 69 Franken) im Monat kommt die 76-jährige Tamara Warakina nur mit Hilfslieferungen über die Runden. Weil das Brot im Laden zu teuer ist, backt sie selbst. Fleisch kann sie sich schon seit Jahren nicht mehr leisten.

Auf Hilfe angewiesen

Viele Menschen in der sogenannten grauen Zone, dem 500 Kilometer langen Kriegsgebiet, sind auf Hilfslieferungen angewiesen. Seit dem Ausbruch des Kriegs vor vier Jahren sind viele internationale Hilfsorganisationen ins Land gekommen, um die von der Regierung hinterlassenen Versorgungslücken zu füllen. Doch je länger der Konflikt dauert, desto mehr schrauben sie ihr Engagement zurück.

In Kramatorsk, achtzig Kilometer weiter im ukrainisch kontrollierten Landesinneren, sitzt Olena Moniuk an ihrem Schreibtisch. An diesem trüben Donnerstagnachmittag ist es ungewöhnlich still im sogenannten Uno-Haus, in dem sich sonst die MitarbeiterInnen der internationalen Organisationen die Klinke in die Hand geben. Waren zeitweise allein für das World Food Programme (WFP) der Uno knapp sechzig MitarbeiterInnen in der ganzen Ostukraine eingesetzt, ist das Team heute nur noch zu dritt. «Wir sind gerade in der Auslaufphase», sagt Moniuk. Die WFP-Hilfe wird Ende Februar eingestellt, das Büro soll bis April geräumt werden.

Moniuk zählt mehrere Gründe auf, warum die Uno-Hungerhilfe ihre Aktivitäten einstellt. Einerseits liege es am immer restriktiveren Zugang zu den Separatistengebieten, andererseits am strengen Mandat der Uno-Welthungerhilfe, das eigentlich nur für Katastrophenfälle, wie derzeit in Syrien oder im Jemen, vorgesehen ist. Und nicht zuletzt an mangelnden Geldmitteln. «Wir müssen nun mal unter den Bedürftigen die Bedürftigsten auswählen», sagt sie.

Dabei ist laut WFP-Daten die Zahl der Menschen, die in der Ostukraine von Unterernährung bedroht sind, von 600 000 (2016) auf 1,2 Millionen (2017) angestiegen. «Wir schätzen die Lage als sehr kritisch ein», sagt auch Thomas Weiss, Ukrainedirektor der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Vor allem in der grauen Zone seien die wenigsten in der Lage, sich selbst zu versorgen. «Das Problem ist dabei nicht, dass es keine Geschäfte und Märkte gäbe – die gibt es ja», erklärt Weiss. «Aber die Menschen können sich die Lebensmittel nicht mehr leisten.»

Ein eingefrorener Konflikt?

Aber auch die IOM musste zuletzt Mittel kürzen: Wurden im Winter 2016/17 noch 8000 Menschen entlang der Frontlinie mit Geldzahlungen unterstützt, sind es heute nur noch 4000. Laut Weiss reichen die IOM-Mittel noch bis zum Sommer. Ein Paradox: Während sich die humanitäre Lage zuspitze, werde es immer schwieriger, internationale Hilfsgelder für die Ukraine aufzutreiben, weil der Konflikt aus der internationalen Aufmerksamkeit verschwunden sei und immer wieder von einem «eingefrorenen Konflikt» gesprochen werde, sagt Weiss.

Indes wird im Donbass praktisch jeden Tag geschossen. Das Dorf Nowoluhanske etwa wurde im Dezember von Grad-Raketen getroffen. Als die Musiklehrerin Tatjana Smirnowa am Abend nach Hause kam, brannte ihr Haus lichterloh. «Es war wie in einem Horrorfilm», sagt sie. Dort, wo früher das Wohnzimmer war, prangt jetzt ein Loch. Die Zugänge zu den anderen Räumen sind mit schweren Teppichen verhängt, damit die Winterkälte nicht in die anderen Räume kriecht, in denen Smirnowa mit ihrem Mann und ihren drei Kindern noch immer wohnt.

Ob Kiew in der Lage ist, den bedürftigen Menschen im ukrainisch kontrollierten Gebiet zu helfen, ist fraglich. «Die Not ist so gross, dass wir es nicht schaffen, allen zu helfen», sagt der Bürgermeister von Switlodarsk. In der Stadtverwaltung von Nowoluhanske stapeln sich derweil die Papiere der AntragstellerInnen, die materielle Hilfe für ihre Kriegsschäden beantragen. Doch mehr als zehn Prozent der Schadenssumme könne der Staat nicht aufbringen, sagt eine Beamtin. Und das auch nur im besten Fall.

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