Nr. 07/2018 vom 15.02.2018

Leben Sie gern in einer «alpinen Brache»?

Mex Matzl kann ihrer Mitälplerin weniger Lohn bezahlen, als sie gerne würde – trotz der neuen Biodiversitätsbeiträge, die der Bund für seltene Pflanzen bezahlt. Die Verwilderung der Alpen sieht sie kritisch.

Von Bettina Dyttrich (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Mex Matzl: «Ich fühle mich im Bergell sehr willkommen. Und die Infrastruktur ist erstaunlich: Es gibt drei Bibliotheken im Tal.»

WOZ: Mex Matzl, Sie haben vorletztes Jahr das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos verlassen und die Schneeforschung an den Nagel gehängt. Warum?
Mex Matzl: Ich merkte vor einigen Jahren, dass ich auch in der Freizeit nur noch an Schnee denke. Ich habe dann eine private Umfrage am SLF gestartet: wie viel meine Kolleginnen und Kollegen arbeiten, wie viel Freizeit sie haben und ob sie damit zufrieden sind. Da kam heraus, dass die meisten extrem viel arbeiten. Das wollte ich auf Dauer nicht. Darum bewarb ich mich für eine Stelle im Labor.

Hatten Sie dort mehr Freizeit?
Entscheidend war, dass ich im Sommer freinehmen konnte, um auf die Alp zu gehen. Ich führte Experimente und Messungen durch, aber war nicht mehr direkt in die Forschung involviert. So konnte ich abends nach Hause gehen und hatte den Kopf frei.

Könnten Sie als freischaffende Forscherin arbeiten?
Das ist nicht realistisch. Du brauchst Vernetzung, und irgendjemand muss dich ja bezahlen. Und ich glaube auch nicht, dass man Wissenschaft betreiben und jeden Sommer Pause machen kann. Man verpasst die laufenden Entwicklungen.

Jetzt sind Sie Alppächterin mit einer Mitpächterin und einer Angestellten. Geht das gut – eine Alp mit zwei Chefinnen?
Am Anfang war es nicht einfach. Im ersten Sommer kannten wir alle die Alp noch nicht – da war es einfacher, so zu tun, als wären wir ein Kollektiv. Aber heute wissen meine Mitpächterin und ich halt auch mehr: Wir haben die Kontakte zu den Leuten, denen die Tiere gehören und die den Käse kaufen, und wir kennen das Gebiet. Inzwischen sind wir in die Arbeitgeberinnenrolle hineingewachsen. Wir versuchen immer noch, vieles gemeinsam zu entscheiden. Aber einiges haben wir schon festgelegt: zum Beispiel an welchen Tagen wir Käse ins Tal liefern.

Der Käse gehört Ihnen als Pächterinnen?
Ja. Wir bezahlen den Bauern die Milch und uns die Löhne. Leider können wir nicht so viel zahlen, wie wir gerne wollten. Wir kommen nicht auf den empfohlenen Richtlohn, auch für uns selbst nicht. In den letzten Jahren konnten wir den Angestellten zumindest hinterher noch zwanzig Franken mehr pro Tag zahlen, als wir abgemacht hatten.

Warum erst hinterher?
Wir wissen nie, wie fit die Ziegen sind, wie gut das Futter wächst – beides hängt auch vom Wetter ab –, wie viel Käse wir verkaufen können … Letztes Jahr hatten wir am Tag etwa 200 Liter Milch, im Vorjahr nur 140.

Sie leben nun im Bergell, das wirtschaftlich nicht gerade boomt, Neoliberale sprechen auch von «alpiner Brache» … Ein bewusster Entscheid?
Ja, und ich fühle mich sehr willkommen. Ich habe hier in kurzer Zeit mehr Leute kennen gelernt als in Davos in zehn Jahren. Dass alle alle kennen und viel voneinander wissen, kann natürlich auch unangenehm sein, aber ich geniesse es gerade sehr. Und die Infrastruktur ist erstaunlich: Es gibt drei Bibliotheken im Tal.

Ist die Abwanderung gestoppt?
Genaue Statistiken kenne ich nicht. Ich habe berufsbedingt vor allem mit Bauern und Bäuerinnen zu tun, und da kenne ich mehrere junge Leute, die bald die Höfe von ihren Eltern übernehmen. Sie haben sich sehr bewusst entschieden, im Bergell zu bleiben.

Manche plädieren ja auch aus ökologischen Gründen für eine Verwilderung des Alpenraums. Wie sehen Sie das?
Da denke ich schon mehr von der Landwirtschaft her. Ich finde es sinnvoll, das Kulturland zu erhalten, um Nutzpflanzen anzubauen oder Tiere zu füttern. Vieles, was uns wild erscheint, ist eigentlich Kulturland. Es hat mich immer wieder fasziniert, wenn ich hier oder im Tessin auf der Alp Geissen suchte und das Gefühl hatte: Hier ist es so schroff, hier war noch nie ein Mensch … und dann auf Steinhütten oder in den Fels gehauene Stufen stiess und merkte, wie viel intensiver das Land früher genutzt wurde. Verwildern bedeutet auf den Alpen vor allem, dass Weideflächen zuwachsen. Meistens entstehen dann Monokulturen aus Grünerlen, die alles andere als artenreich sind.

Seit der letzten Agrarreform fliesst mehr Geld in die Berglandwirtschaft. Merken Sie als Alppächterin etwas davon?
Ja, es gibt jetzt Biodiversitätsbeiträge auch auf den Alpen. Ich weiss nicht so recht, was ich davon halten soll. Wer Glück hat, zum Beispiel kalkhaltige Böden, auf denen bestimmte Pflanzen wachsen, bekommt Geld, ohne viel getan zu haben.

Das Erheben der Pflanzenvielfalt ist wohl ziemlich aufwendig?
Ja, da haben Fachleute eine Woche lang die verschiedenen Landschaftsformen festgelegt: Auenlandschaft, Überschwemmungsgebiet, diverse Arten von Mooren, lockerer Wald – und erhoben, was dort wächst. Einige Rahmenbedingungen gibt es schon: Wir müssen die Moore teils abzäunen, hier dürfen keine Pferde weiden, dort müssen wir entbuschen, damit die Weide offen bleibt. Es gehören also schon noch ein paar Arbeitsaufträge dazu.

Mex Margarete Matzl (41) ist Geografin und Älplerin. Sie lebt in Soglio im Bergell und zieht bald in den benachbarten Weiler Montaccio um.

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