Nr. 08/2018 vom 22.02.2018

Wäre Ihnen lieber, es gäbe keine Geschlechter?

Auch wenn sie es nicht darauf anlegt – oft verwirrt Mex Matzl Menschen, weil sie sie nicht klar als Frau oder als Mann einordnen können. Heute geht sie entspannt damit um. Sie würde sich über mehr queere Menschen auf dem Land freuen.

Von Bettina Dyttrich (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Mex Matzl: «Ich finde es immer ganz schön, wenn ich die Vorstellungen davon, was männlich oder weiblich ist, durcheinanderbringen kann.»

WOZ: Mex Matzl, Sie bezeichnen sich als queer – wie definieren Sie das Wort?
Mex Matzl: Mit «queer» meine ich Begehrensformen und Genderidentitäten, die von einer zweigeschlechtlichen heterosexuellen Norm abweichen. Identität scheint mir sehr wandelbar und kontextabhängig: Sie existiert nicht für sich, sondern in Bezug auf andere. Heute bin ich extrem froh, kein Bedürfnis nach Eindeutigkeit mehr zu haben. Wenn mich Kinder fragen: «Bist du ein Mann oder eine Frau?», dann antworte ich spontan, häufig auch mit einer Gegenfrage: «Was denkst du denn? Und warum?»

Haben Sie diese Frage oft gehört?
Ja. Auf der Alp merke ich auch, dass sich viele, die vorbeikommen, schwertun, mein Alter einzuschätzen. Manche fragen, ob die Eltern auch da seien – sie halten mich für einen etwa fünfzehnjährigen Jungen. Wenn man über vierzig ist, ist das schon lustig …

Stören Sie solche Fragen nicht?
Lange haben sie mich gestört, aber mittlerweile finde ich, die Leute sollen ruhig fragen, solange sie respektvoll sind. Das ist ja auch eine Möglichkeit, um in Kontakt zu kommen. Meine Lebensqualität ist definitiv grösser, seit ich damit entspannter umgehe.

Wie wollen Sie denn wahrgenommen werden?
Das ist mir tatsächlich ein bisschen egal. Ich finde es immer ganz schön, wenn die Leute kurz an ihrer Wahrnehmung zweifeln und ich die Vorstellungen davon, was männlich oder weiblich ist, durcheinanderbringen kann. Es geht nicht darum, dass ich verwirren will, ich möchte auch nicht möglichst männlich wirken; ich ziehe einfach die Kleider an, in denen ich mich wohlfühle. Ich bin in einer feministischen Frauen-Lesben-Trans-Szene zu Hause. Vielleicht kann ich mich am besten so definieren: über die Leute, mit denen ich mich verbunden fühle.

Wie war das als Kind?
Ich habe schon damals gemerkt, dass Mädchen und Jungen unterschiedlich behandelt werden, und ich hatte keine Lust auf die Mädchenrolle. Ich weiss nicht, ob ich als Junge behandelt werden wollte – ich wollte einfach aus dem ganzen Geschlechterding raus, aber das ging natürlich nicht. Meinen Eltern bin ich sehr dankbar, dass sie nicht versuchten, mich in irgendwelche Rollenbilder zu pressen.

Wäre Ihnen lieber, es gäbe keine Geschlechter?
Nein, so habe ich das nie gesehen. Ich finde Unterschiede spannend. Vielleicht bräuchte es viel mehr Geschlechter. Oder durchlässige Grenzen.

Kürzlich hat SRF den Dokfilm «Das Geschlecht der Seele» gezeigt. Darin definieren einige Transmenschen Männlichkeit und Weiblichkeit sehr klischeehaft. Wie wirkt das auf Sie?
Ich finde es spannend, dass SRF sich so intensiv mit dem Thema Trans auseinandergesetzt hat. Allerdings hätte ich mir ein breiteres Spektrum gewünscht. Es gibt viele Menschen, die sich als trans bezeichnen, aber kein Bedürfnis nach Eindeutigkeit haben. Und sich für eine teilweise – oder auch gar keine – körperliche Veränderung entscheiden. Das soll keine Bewertung sein, es ist einfach individuell sehr unterschiedlich.

Landet man zwangsläufig bei Klischees, wenn man Geschlechtereigenschaften zu definieren versucht?
Ja, vielleicht sollten wir das einfach sein lassen. Und stattdessen versuchen, für das Gegenüber offen zu sein. Das ist halt viel anstrengender, Schubladen ersparen uns jede Menge Interaktion.

Viele queere Menschen ziehen in die Stadt, wo die Chancen grösser sind, andere queere Menschen zu treffen. Vermissen Sie das nicht?
Im Winter reise ich öfter nach Hamburg, Berlin oder Kopenhagen, um Freundinnen zu besuchen. Aber ich lebe gern auf dem Land und würde mich freuen, wenn das mehr queere Menschen tun würden. Alleine oder zu zweit ist es schwierig, an Subkulturen zu basteln …

Die Alp, die Sie gepachtet haben, wird an schönen Sommertagen von Touristinnen und Touristen überrannt. Wie lebt es sich damit?
Einerseits ist es super: Wir können etwa die Hälfte des Käses gleich auf der Alp verkaufen. Aber es kann sehr mühsam sein. Ich verstehe ja schon, wie pittoresk diese Älplerinnen wirken, die ihre Ziegen melken, man würde das wahnsinnig gern fotografieren, aber es ist einfach unhöflich. Manche füttern auch die Ziegen mit ihrem Picknick oder versuchen, sie mit ihren Hunden zu treiben … Ich glaube, viele haben kaum einen Bezug zu Nutztieren.

Nach heutigen Prognosen gibt es bis Ende des Jahrhunderts keine Gletscher mehr in den Alpen, die Schneegrenze steigt immer höher. Was löst das bei Ihnen aus?
Ich vermisse den Schnee jetzt schon – aber das ist mir fast ein bisschen peinlich, meine persönliche Wehmut gegenüber dieser dramatischen Entwicklung. Für die Region macht es mir Angst: Wie kann die Landwirtschaft noch funktionieren, wenn die Schneeschmelze im Frühjahr wegfällt? Gibt es noch genug Trinkwasser? Global ist das Ganze natürlich noch viel beängstigender. Vor allem, wenn man sich vor Augen hält, dass das keine Zukunftsvision ist – wir sind mittendrin.

Mex Margarete Matzl (41) ist Geografin und hat lange in Davos als Schneeforscherin gearbeitet. Heute ist sie Mitpächterin einer Alp im Bergell.

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