Nr. 08/2018 vom 22.02.2018

Kämpferisch? Ja! Revolutionär? Na ja

Ihre Mitglieder waren gut geschult und organisatorisch gewieft. Doch was hat der Einsatz einer trotzkistischen Kaderpartei wie der RML in der Schweiz bewirkt? Das auf autobiografischen Zeugnissen basierende Projekt «Jahre der Hoffnung» erlaubt eine erste Bilanz.

Von Stefan Howald

Die beste aller Parteien? Mitglieder der Revolutionären Marxistischen Liga 1976 an einer Demo in Bern für eine Amnestie für die politischen Gefangenen in Spanien. Foto: Keystone

Der Name wirkt heute geradezu surreal: Revolutionäre Marxistische Liga (RML). Und das in der Schweiz. Aber die Mitglieder der 1969 entstandenen RML und der späteren Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) heften sich einige Erfolge ans Revers. Sie halfen mit, das Atomkraftwerk Kaiseraugst zu verhindern, sie schleppten die Unterschriftensammlung zur Armeeabschaffungsinitiative der GSoA über die Ziellinie, und die Schweizer Gewerkschaften haben sie kämpferischer und schlagkräftiger gemacht.

110 ehemalige RML-Mitglieder haben jetzt ihre Erfahrungen und nachträglichen Einschätzungen mithilfe von Fragebögen schriftlich festgehalten. Das Projekt unter dem Namen «Jahre der Hoffnung» bietet spannendes politisches und sozialgeschichtliches Material. Welche radikale Politik war (und ist) in der Schweiz möglich und zu welchen Kosten? (Vgl. «Onlinearchiv und Buch» in Anschluss an diesen Text.)

Im Interesse der Partei

Die Ligue marxiste révolutionnaire wurde 1969 von trotzkistischen Linken in Lausanne gegründet, die aus der POP, der welschen orthodox-kommunistischen Partei der Arbeit, ausgeschlossen worden waren. Eine Sektion in Genf entstand im folgenden Jahr; 1971 erfolgte die Expansion als RML nach Zürich, dann in weitere Deutschschweizer Städte. Von da an blieb die RML, anders als etwa die gleichaltrigen Progressiven Organisationen (Poch), gesamtschweizerisch organisiert.

Innerhalb der verschiedenen konkurrierenden Parteien, in die sich die Neue Linke nach 68 in der Schweiz wie anderswo zersplitterte, nahm die RML einen besonderen Platz ein. Einerseits war sie nicht belastet von der Verbindung mit der Sowjetunion und verkoppelte sich auch nicht mit realen Entwicklungen wie die maoistischen K-Gruppen, die in China oder Albanien die Morgenröte der Geschichte erblickten. Andererseits band sie sich an die historisch präzis verortete Theorie und Praxis des Trotzkismus und stellte sich mit ihrem Namen und dem Konzept der permanenten Revolution gegen alle möglichen «Revisionismen» in eine radikale, aktionistische Tradition.

Die nun online verfügbar gemachten Zeitzeugnisse drücken Befindlichkeiten zwischen Sendungsbewusstsein und Ernüchterung aus; eine Veranstaltung in Zürich brachte kürzlich rund 150 Interessierte zusammen, die die Umfrageresultate zum Teil kontrovers diskutierten. Neben dem Grundbedürfnis, sich für eine gerechtere Welt einzusetzen, stand für viele Junge die internationale Solidarität am Anfang des Engagements bei der RML oder deren Jugendorganisation, dem «Maulwurf»: Nationale und soziale Befreiungskämpfe in Vietnam und in Lateinamerika motivierten und beflügelten. Die RML verstand sich dabei als Teil der trotzkistischen Vierten Internationale. Das machte – verkörpert durch Führungsgestalten wie Alain Krivine oder Daniel Bensaïd in Frankreich, Ernest Mandel in Belgien oder Tariq Ali in Britannien – eine Stärke ihrer theoretischen Analysen aus und beförderte grenzübergreifende persönliche Kontakte. Aber als strategisches Konzept hatte die Vierte Internationale im realen Kraftfeld während des Kalten Kriegs immer etwas Nostalgisches, ja Illusionäres.

Die RML vertrat ein Avantgardekonzept, und man war Berufsrevolutionär beziehungsweise, eher selten, Berufsrevolutionärin. Berufliche, selbst persönliche Entscheidungen hatten im Interesse der Partei zu erfolgen. Auch Vasco Pedrina, nachmaliger Kopräsident der Gewerkschaft Unia, wurde einst vom Politbüro aufgefordert, seine Bewerbung als Gewerkschaftssekretär zurückzuziehen. Alle Exmitglieder nennen die gute theoretische Schulung und die zähe organisatorische Arbeit als Pluspunkte der RML. Die meisten sehen darin eine unverzichtbare Grundlage für die spätere berufliche und politische Arbeit. Die entsprechende grosse zeitliche Belastung – fünf bis sechs abendliche Sitzungen pro Woche! – wurde in jungen Jahren willig auf sich genommen, stiess aber mit der Zeit an Grenzen. In den Zeitzeugnissen findet sich auch eine Anekdote, wonach Mitglieder einer Zelle eine Nacht lang um den Text eines Flugblatts rangen und dieses frühmorgens produzierten, nur um danach die meisten Exemplare in den Papierkorb zu werfen und auszuschlafen.

Zurück zum «wahren Subjekt»

Um 1975 entpuppte sich aus der strammen Programm- eine flexible Bewegungspartei. Das war strategisch nicht geplant, sondern eine Anpassung an aktuelle Ereignisse. Die entstehende Anti-AKW-Bewegung mit der grossen Besetzung in Kaiseraugst 1975 bot ein neues Feld aktionistischer Politik. Das Engagement wurde von innen wie von aussen kritisch darauf befragt, ob es um die konkrete Sachpolitik oder um die Rekrutierung weiterer Mitglieder und die Vorbereitung für den revolutionären Kampf gehe. 1980, als die Revolution nicht mehr so nahe schien, wurde aus der RML die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP). Die Namensänderung ging einher mit einer Rückbesinnung auf das «wahre Subjekt» der revolutionären Umwälzung, die Arbeiterklasse. Parallel dazu wurde die Parole der «Proletarisierung» ausgegeben: rein in die Fabriken (und ins Gesundheitswesen), Kampf am Arbeitsplatz. Das war im Angesicht der damaligen Jugendbewegung antizyklisch. Wie es dazu kam, wird unterschiedlich beurteilt: von oben, auch von der internationalen Zentrale verordnet, oder von der Basis mitgetragen? In der Westschweiz, wo die Gründungsmitglieder grösseren, schon beinahe gurumässigen Einfluss ausübten, wurde teilweise heftiger diskutiert. Immerhin, die Schweizer Sektion der Vierten Internationale blieb von Fraktionskämpfen und Spaltungen, wie sie etwa in Frankreich vorgeführt wurden, verschont.

Tatsächlich war die RML/SAP dort einfluss- und zum Teil erfolgreich, wo sie sich nicht strikt an ihre politische Generallinie hielt. Neben der Anti-AKW-Bewegung galt das etwa für den antimilitaristischen Kampf, zuerst in Soldatenkomitees, dann bei der Unterstützung der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA). Bereits 1975 hatte sich die RML an kantonalen Wahlen beteiligt, mit verschwindend kleinem Erfolg. Im Rahmen der «Proletarisierung» startete sie 1981 erstmals eine eigene Volksinitiative. Die Lehrwerkstätten-Initiative fuhr mit 81,6 Prozent Nein-Stimmen eine vernichtende Niederlage ein, trug aber zur Diskussion um eine verbesserte Berufsbildung bei.

Als Organisationsmodell hatte sich die SAP allerdings bald überlebt. Die Avantgardepartei zerbröselte ab Mitte der achtziger Jahre allmählich; die Frage, ob man die Partei als Ganzes in ein neues alternativ-grünes Bündnis überführen solle und könne, entzweite das Zentralkomitee. Einen offiziellen Auflösungsbeschluss der SAP gab es nicht; stattdessen entwickelten sich lokale Lösungen, etwa die Sozialistisch Grüne Alternative (SGA) in Zug oder die Integration ins Grüne Bündnis in Bern. Entsprechend erlebten die meisten SAP-Mitglieder keinen radikalen Bruch, sondern einen fliessenden Übergang in ihre weitere Berufs- und Politkarriere.

Ironischerweise zeitigte die «Proletarisierung» statt höherer Militanz an der Basis vorerst den Marsch etlicher AktivistInnen durch die Gewerkschaftsbürokratie. Das ist eine der nachhaltigeren Wirkungen der SAP. Ehemalige Mitglieder haben die Schweizer Gewerkschaftsbewegung wesentlich erneuert, bis hin zur Gründung der Unia als grösste branchenübergreifende Gewerkschaft im Jahr 2004. Die marxistische Schulung half zur Analyse von Machtverhältnissen. Aber trotzkistische Konzepte wie die «permanente Revolution» oder Ernest Mandels Analyse des «Spätkapitalismus» waren längst durch andere Ansätze angereichert beziehungsweise ersetzt. Zudem waren Mitglieder in Gewerkschaftsfunktionen schon früh auf radikaler theoretischer Grundlage zu pragmatischer Politik gezwungen. Kämpferisch, ja – revolutionär, na ja.

Glaubte man je an die Revolution weltweit und in der Schweiz? Die Antworten divergieren heftig: Als ein Mitglied Mitte der siebziger Jahre einen Zeithorizont von sieben Jahren skizzierte, wurde das als reformistischer Pessimismus gescholten. Für andere spielte die weltgeschichtliche Perspektive in der praktischen Arbeit kaum eine Rolle. Peter Sigerist, einst nationaler politischer SAP-Sekretär, später Zentralsekretär beim Gewerkschaftsbund, fasst zusammen: Ihre eigene konkrete «rot-grüne Reformorientierung» hätten sie mehr oder weniger künstlich in die theoretische «Übergangsprogramm»-Logik der Vierten Internationale samt angestrebtem «Systembruch» gegossen.

Verblüffend anachronistisch

Insbesondere zum Thema Feminismus wirken etliche der autobiografischen Rückblicke rosarot gefärbt. Frauenemanzipation? Aber selbstverständlich! Kein Problem! Ungemein anregend und produktiv, auch fürs eigene persönliche Verhalten! Obwohl, in den Leitungsgremien hätte es schon ein wenig mehr Frauen vertragen. Dafür habe man deren Mitarbeit in autonomen Frauenprojekten nicht verhindert. Tatsächlich betonen etliche Frauen ihren Beitrag zur unabhängigen Frauenbewegung. Doch diese Mitarbeit erfolgte eher in Absetzung als wegen der RML/SAP.

Was ebenso auffällt: Man sieht sich, bei aller Selbstkritik, weiterhin als die beste aller damaligen Linksparteien. Mehrfach wird den andern Parteien mangelnde theoretische Kompetenz vorgehalten. Na, danke schön. Als Mitglied einer konkurrenzierenden Hochschulgruppe in den siebziger Jahren habe ich das natürlich ein wenig anders in Erinnerung. Der Avantgardeanspruch der RML scheint auch im Rückblick nicht ganz abgelegt.

Solche autobiografischen Berichte und Selbsteinschätzungen sind wichtig und für eine Schweizer Linkspartei in diesem Umfang einmalig. Aber eine Parteiengeschichte kann nur unter Berücksichtigung der anderen Parteien und Bewegungen geschrieben werden. Will man den Beitrag der RML angemessen würdigen, muss man das Spannungsfeld zwischen der ursprünglichen gemässigten Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst (GAK) und der späteren radikaleren Gewaltfreien Aktion gegen das AKW Kaiseraugst (GAGAK) ausmessen; beim Aufbau grün-alternativer Strukturen und der Grünen wäre der Poch zu gedenken und bei der GSoA das Zusammenspiel mit der Juso und älteren antimilitaristischen Gruppierungen zu analysieren. Aktueller bleibt eine weitere Frage: Haben bestimmte programmatisch-organisatorische Sozialisierungen ein zentralistisches, hierarchisches, stark leistungsbetontes Denken etwa bei der Unia befördert, das gelegentlich zu Missbräuchen, ja einem «Klima der Furcht» (WOZ Nr. 38/16) geführt hat?

In der Schweiz existieren gegenwärtig zwei Gruppen, die sich als trotzkistisch verstehen: die Bewegung für den Sozialismus und Der Funke. Sicherlich: Die Linke braucht jede marxistische Analyse, die sie kriegen kann. Und die Bewegung für den Sozialismus hat anlässlich des Trump-Besuchs in Davos verdankenswerterweise versucht, die globalisierungskritische Bewegung zu beleben. Der Bezug zum Trotzkismus als historisch geprägte Form bleibt dagegen ein verblüffender Anachronismus.

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