Nr. 15/2015 vom 09.04.2015

Waren Sie eine linke Sparpolitikerin?

In den achtziger Jahren ist Therese Frösch an vorderster Front beim Aufbau der Frauenbewegung in Bern mit dabei. Dann macht die radikale Linke rasch politische Karriere. Und baut als Finanzdirektorin der Stadt Bern einen Schuldenberg von 200 Millionen Franken ab.

Von Andreas FagettiMail an AutorIn (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Therese Frösch: «Ich kenne keine Denkangst. Aber meine politische Haltung habe ich nie verraten.»

WOZ: Therese Frösch, Sie kehrten 1978 nach eineinhalb Jahren aus Afrika zurück. Wie muss man sich die gereifte junge Therese Frösch vorstellen?
Therese Frösch: Als Sponti in Bern. Ich war bei jeder Demo dabei, die mir zusagte. Beruflich habe ich zunächst als Sozialarbeiterin beim Christlichen Friedensdienst mit Flüchtlingen gearbeitet und mich daneben in die politische Arbeit gestürzt.

Bern war damals eine stockbürgerliche Stadt.
Das kann man wohl sagen. Aber da war auch ein linker Schmelztiegel aus jungen radikalen Leuten entstanden. Am Falkenhöhenweg war nicht nur der Christliche Friedensdienst untergebracht, sondern auch die AG Dritte Welt, in der sich unter anderen Rudolf Strahm gegen die Multis dieser Welt engagierte. Ich kam mit den Leuten der Revolutionären Marxistischen Liga RML in Kontakt, der späteren Sozialistischen Arbeiterpartei SAP, und mit der Poch. Die waren alle ziemlich militant unterwegs. Ich habe mit Vasco Pedrina und Peter Sigerist in einer WG gelebt.

Liess sich mit diesen linken Splittergruppen Staat machen?
Das waren vielleicht 300, 400 Leute. Doch was diese Leute bewirken konnten, war erstaunlich. Wir haben eine Volksinitiative zustande gebracht, die eidgenössische Lehrwerkstätteninitiative, die eine gesicherte Berufsbildung und Umschulung für alle verlangte. Und in einer bürgerlichen Stadt haben wir schliesslich eine linke Wende herbeigeführt. Auch wenn sich diese Gruppierungen zunächst voneinander abgrenzten.

Waren Sie Trotzkistin?
Ich will es so sagen: Mir hat schon mal gepasst, dass die RML nicht stalinistisch geprägt war. Trotzkis Konzept der permanenten Revolution behagte mir besser. Die Inhalte und das dialektische Denken brachten mir viel. Aber an eine Revolution habe ich nie wirklich geglaubt.

Wie hat das marxistische Denken Ihr politisches Handeln beeinflusst?
Ein «Mü» permanente Revolution haben wir schon geprobt, etwa beim Aufbau der Spitalbewegung. Um die Arbeitsbedingungen des Spitalpersonals zu verbessern, gingen wir auf drei Aktionsebenen vor: Standaktionen, Verhandlungen mit der Direktion und schliesslich Warnstreiks. Das Spitalpersonal war alles andere als aufmüpfig. Aber am Ende haben wir 1989 mit einer Demonstration auf dem Bundesplatz eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen durchgesetzt.

Da waren Sie längst kantonale Gewerkschaftssekretärin des VPOD. Bei ihrer Wahl mussten Sie sich gegen den späteren SP-Nationalrat Peter Vollmer durchsetzen. Wie war das?
Heute kann man sich das kaum mehr vorstellen, aber meine Wahl war ein grosser Erfolg der Frauen. Die Gewerkschaften waren von konservativen Männern dominiert, die Arbeitsplätze in der AKW- und Waffenindustrie verteidigten. Ich habe mich nicht selber aufgestellt. Das war eine kollektive Leistung der VPOD-Frauen. Ich war übrigens bereit, die Stelle mit Peter Vollmer zu teilen. Er ging nicht darauf ein und verlor die Wahl.

Sie sind später für die Grünen in den Nationalrat. Wann sind Sie der Partei beigetreten?
Die SAP und die Poch waren Ende der achtziger Jahre in grossen Schwierigkeiten und versuchten – neben den bürgerlich dominierten Grünen – ein links-grünes Bündnis aufzubauen. 1987 gründeten wir das Grüne Bündnis in der Stadt Bern, etwa die Hälfte der Poch Bern stiess dazu, auch unorganisierte Linke. Mitglied der Grünen Partei Schweiz wurde das Grüne Bündnis allerdings erst im Sommer 2002.

Sie haben danach den Marsch durch die Institution absolviert und wurden 1992 in die Stadtregierung gewählt.
Die Wahl war eine linke Wende. Und das Rot-Grün-Mitte-Bündnis wurde bis heute wiedergewählt. Wir haben die Bürgerlichen, die die Stadt heruntergewirtschaftet hatten, in die Minderheit versetzt. Das gelang, weil sich alle fortschrittlichen Kräfte zusammenschlossen – SP, Grüne Freie Liste, Grünes Bündnis und selbst der Landesring und die EVP. Ich war damals dank meiner Gewerkschaftsarbeit als Kopf der Spitalbewegung und Mitorganisatorin des Frauenstreiktags 1991 eine bekannte Person. Darum hat man mich aufgestellt. Dass ich gewählt würde, damit habe ich nicht gerechnet.

Als radikale Linke waren Sie plötzlich Finanzdirektorin und hatten einige Sparpakete mitzutragen. Daran hätten Sie politisch zerbrechen, also rasch abgewählt werden können.
Es war tatsächlich nicht einfach. Die Bürgerlichen hinterliessen einen Schuldenberg von 200 Millionen Franken. Schliesslich ist der links dominierten Regierung die Sanierung des Stadthaushalts gelungen. Ich kenne keine Denkangst, aber meine politische Haltung habe ich nie verraten. Mit Offenheit und etwas Fantasie gelang es mir und meinen Kolleginnen und Kollegen, die Schulden abzubauen. Als ich 2003 in die Sozialdirektion wechselte, schrieb die Stadt nachhaltig schwarze Zahlen. Heute hat Bern ein Eigenkapital von rund 120 Millionen Franken.

Therese Frösch (63) ist Kopräsidentin der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos). Als Finanzdirektorin der Stadt Bern holte sie in den neunziger Jahren den Zürcher Gastronomen Rudi Bindella als Investor nach Bern und 
irritierte damit die Linke.

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