Nr. 13/2018 vom 29.03.2018

Der King of Schund

Erwin C. Dietrich produzierte einst Sexfilme im Akkord, für Pornos war er zu prüde. Jetzt ist der letzte Tycoon 87-jährig gestorben.

Von Florian Keller

Bis zu zehn Filme pro Jahr: Filmplakat von Georges Morf aus dem Jahr 1971, aus dem Buch «Mädchen, Machos und Moneten» (2006). Foto: © Eppenberger + Stapfer

«Richtige Kunstscheisse!» Der Patron war ausser sich: «Eine richtige Filmhandlung war aus diesem Mist beim besten Willen nicht einmal zu erahnen. Es war eine einzige Katastrophe.» Gedreht hatte den «Mist» ein 32-jähriger Jungfilmer. Sein Name: Xavier Koller. Der künftige Oscar-Preisträger hätte im Tessin einen schnellen Busenfilm drehen sollen. Was Koller stattdessen ablieferte, zielte wohl auf ein existenzialistisches Roadmovie à la Antonioni, mit dem späteren RAF-Mann Christof Wackernagel in einer Hauptrolle.

Ruck, zuck

Erwin C. Dietrich, der Produzent und Auftraggeber, konnte damit nichts anfangen, wie er im Buch «Mädchen, Machos und Moneten» (2006) erzählt. Mit typähnlichem Cast drehte er eilends einige Szenen nach, und aus der «Kunstscheisse» wurde so der Sexfilm «Mädchen, die am Wege liegen» (1976). Die Episode ist exemplarisch für vieles in Dietrichs Wirken – für seinen Kunstverstand, für sein kommerzielles Gespür als Filmunternehmer, vor allem aber für seine Arbeitsweise. Ruck, zuck musste es gehen, was zählte, waren die Schlüsselreize, die das Publikum ins Kino lockten. Da war kein Platz für falsche Rücksichten auf so etwas Lässliches wie künstlerischen Anspruch.

Geboren 1930 in Glarus, aufgewachsen in St. Gallen, sah Dietrich seine ersten Filme beim Fip-Fop-Club von Nestlé, einem Filmclub für Kinder. Nach einer Lehre in der Textilbranche wollte er Schauspieler werden, aber weil er nebenher in Werbefilmen mitspielte, flog er von der Schauspielschule. Seinen ersten Film produzierte er dann, um sich selbst eine Rolle zu verschaffen: «Das Mädchen vom Pfarrhof» (1955), die noch sehr züchtige Verfilmung eines österreichischen Volksstücks. Doch für den Boom der Heimatfilme kam Dietrich zu spät, zurück blieben Schulden. Dafür war er später bei der Lockerung der Sitten ganz vorne mit dabei – nicht aus politischem Ansporn, sondern aus wirtschaftlichem Kalkül. Pornografie war noch verboten, den gesetzlichen Rahmen reizten die Sexfilme aus, die so genannt wurden, obwohl sie gerade keinen Sex zeigten, aber dafür den einen oder anderen nackten Busen.

So wie «Die Nichten der Frau Oberst» (1968), auf dem Papier eine Literaturverfilmung nach Guy de Maupassant. Weil es schneller ging und also billiger war, übernahm Dietrich auch gleich die Regie – und landete seinen ersten Blockbuster. «Die Nichten der Frau Oberst» lief in Deutschland erfolgreicher als «Doktor Schiwago» und der neuste James-Bond-Streifen im gleichen Jahr. Dietrich war saniert und produzierte in seinem Studio in Rümlang fortan im Akkord: bis zu zehn Filme pro Jahr, jeder mit einem Budget von wenig mehr als 100 000 Franken. Und dann und wann gelang ihm dabei sogar ein zeittypisch ikonisches Bild, wie mit der splitternackten Ingrid Steeger auf der Diavolezza. Das war «Ich – ein Groupie» (1970), von Dietrich eigenhändig in fünf Tagen geschnitten, während er gleichzeitig «Die Sex-Abenteuer der drei Musketiere» am Schnittpult fertigstellte.

Actionhelden und Spiessbürger

Dietrichs Filme waren frivol, doch sein Arbeitsethos war zwinglianisch. Exzessiv war nur sein Fleiss, Eskapaden lagen schlicht nicht drin. Den Gerichten blieb er trotzdem suspekt: «Blutjunge Verführerinnen» (1971) wurde damals von der Bundesanwaltschaft beschlagnahmt. «Ach Gott», seufzte Dietrich später in einem Interview, «es war eine unruhige Zeit, und dabei musste man noch arbeiten und dauernd beim Gericht erscheinen.» Vor Gericht musste er sich sogar vorwerfen lassen, dass er in seinen Filmen die Realität verzerre, weil dort oft die Frauen die Initiative ergreifen würden, während es in Wirklichkeit doch umgekehrt sei.

Als dann die Pornografie legalisiert und der Stoff härter wurde, mochte er nicht mehr mitgehen. Für richtige Pornos war Dietrich zu prüde, die fand er «gruusig». Statt weiterhin Exploitationfilme über lesbische Gefängniswärterinnen zu drehen, verdiente er sein Geld fortan mit Actionkrachern und den Spiessbürgerkomödien über Buchhalter Nötzli – und mit den Zürcher Kinos Capitol und später Cinemax (heute Abaton), die er als Schweizer Multiplexpionier eröffnet hatte.

Die offizielle Anerkennung blieb ihm, dem King of Schund, zwar zeitlebens versagt. Das muss ihn gewurmt haben, aber in einem Interview bilanzierte Erwin C. Dietrich sein Schaffen dann doch mit gut schweizerischer Bescheidenheit: «Ich habe hundert Filme produziert, und das in der Zeitspanne eines ganzen Lebens. Das finde ich eigentlich nicht so gewaltig.»

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