Nr. 15/2018 vom 12.04.2018

Im Tempo eines Digital Native

Dimitri Rougy bezeichnet sich als politisches Baby. Als keine Partei gegen Sozialdetektive vorgehen wollte, sagte er sich: «Dann tuns halt wir.» Dabei überlässt er nichts dem Zufall.

Von Karin A. Wenger (Text) und 
Florian Bachmann (Foto)

«Ich habe keinen Oligarchen, der mir alle Plakate am Hauptbahnhof kaufen kann»: Dimitri Rougy.

Wenn Dimitri Rougy das iPhone entsperrt, sieht er einen ausgestreckten Mittelfinger. Die Welt ist ungerecht – nur gilt das nicht für alle. Das erlebte er schon als Kind. Das Hintergrundbild erinnert ihn daran, dass er der Welt ab und zu den Mittelfinger zurückzeigen will.

Dienstagmittag, 27. März. Rougy sitzt in Jeans und schwarzem Pulli in der Eingangshalle der Universität Luzern. Eben dachte er noch in einem Seminar über den jüdisch-christlichen Dialog nach. «Ich muss bald weiter», sagt er und öffnet die SBB-App. Er plant eine Aktion, die beste Chancen hat, zu scheitern. Sein Augenwinkel zuckt. Er hat kaum geschlafen. «Was, wenn das zu gross für mich ist? So etwas braucht unglaubliche Dossiersicherheit.» Morgen wird er landesweit Interviews zum Referendum gegen Versicherungsspione geben. Er, der Zwanzigjährige, der sich selber als «politisches Baby» bezeichnet, will die Spielregeln der direkten Demokratie reformieren.

Spielregeln ändern

Politische Kampagnen sind Rougys Metier. Seit zwei Jahren arbeitet er neben dem Studium der Kulturwissenschaften als Selbstständiger und hat viele bekannte Aktionen geplant. Doch bisher agierte er still im Hintergrund. Die Demonstration in Davos gegen Donald Trump organisierte er, und er half mit, für den Frauenmarsch in Zürich zehntausend Menschen zu mobilisieren, um mit pinken Pussy Hats als Reaktion auf Trumps Wahl auf die Strasse zu gehen. Zusammen mit der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) plante er die Aktion, bei der die 86-jährige Louise Schneider die Schweizerische Nationalbank versprayte, um gegen Kriegsgeschäfte zu protestieren. Nach den Attentaten in Paris im November 2015 arrangierte er sozusagen im Alleingang, dass das Bundeshaus in den Farben der Trikolore beleuchtet wurde. Der französische Botschafter schickte ihm eine handgeschriebene Dankeskarte.

Diesmal ist alles anders. Parteien und Organisationen, die er für das Referendum anfragte, winkten ab: politisch und strategisch heikel, kein Geld, keine Zeit. «Ich fand schlicht niemanden, der sein Gesicht herhalten wollte», sagt Dimitri Rougy. Auf Twitter tauschte er sich mit der Autorin Sibylle Berg aus, er telefonierte dem Anwalt Philip Stolkin – und schon hatte sich ein Guerillatrupp formiert. Direkte Demokratie im Tempo eines Digital Native.

Mittwochmittag, 28. März. Rougy und seine Mitstreiter schicken ausgewählten JournalistInnen ein SMS. Von da an vibriert sein iPhone durchgehend. Die Medien berichten landesweit: drei Einzelpersonen, die ein Referendum lancieren wollen. Und dies erst noch auf unkonventionelle Art. Die Unterschriften holen sie statt auf der Strasse direkt im Wohnzimmer bei den Menschen: online auf der Sammelplattform wecollect.ch. «Ich finde den Begriff ‹referendumsfähige Organisation› einen Witz», sagt der Jungpolitiker, «denn alle Bürger, auch Minderheiten, sollten Entscheide des Parlaments anfechten können.» Er glaubt an die digitale Demokratie. 27 Stunden nach dem Start haben sich bereits 5000 Personen eingetragen. «Seid ihr eigentlich irre?», schreibt Rougy auf seinem Facebook-Profil.

Das erste Treffen

Ostermontag, 2. April. Das Trio trifft sich ein erstes Mal in Zürich. Auch Guerillatruppen halten Sitzungen ab. Rougy schiesst ein Gruppenselfie, postet es in den sozialen Medien. Am nächsten Tag erscheint das Foto auf Seite 3 in «20 Minuten». Das ist kein Zufall. Die Medienlogik hat er durchschaut. Rougy weiss genau, wie er eine Aktion inszenieren muss, damit JournalistInnen darüber berichten. Er sei auf eine hohe Medienpräsenz angewiesen, sagt er. «Bei meinen Kampagnen habe ich keinen Oligarchen, der mir alle Plakate am Zürcher Hauptbahnhof kaufen kann.» Rougy platziert in seinen Sätzen viele zugespitzte Wörter. «Spione», «Schnüffelgesetz», «bespitzeln». Provokation ist sein Stilmittel. Damit treibt er selber eine immer aggressivere politische Kultur voran, die er eigentlich kritisiert. Er rechtfertigt sich damit, dass es zu viele radikale Probleme gebe, die er nur so auf das politische Parkett bringen könne.

Ein Referendum als Hauruckübung

Donnerstagmittag, 5. April. Das Referendum ist offiziell lanciert. Die Tage zuvor formulierte Rougy den Sammelbogen für die Unterschriften, er gab selber Interviews und koordinierte die Gespräche mit Sibylle Berg und Philip Stolkin. Er musste ein Bankkonto organisieren, damit die UnterstützerInnen die Zehntausenden von versprochenen Franken endlich spenden konnten. Ein Referendum als Hauruckübung birgt Hürden. Rougy ist in solchen Momenten wie ein Hase aus der Duracell-Werbung. Aufgeben könnte er nie. Unfaire Machtverhältnisse oder ungleiche Chancen findet er schlimm. Sein Gerechtigkeitssinn ist ein Erbe aus der Kindheit. «Ich wurde in eine Welt hineingeboren, die in ihren Grundsätzen kaputt ist. Das habe ich früh zu spüren bekommen.»

Er wuchs mit seiner alleinerziehenden Mutter und drei Brüdern in Interlaken auf. Das Geld war immer knapp. Die Schulfreunde trugen jeweils die neusten Turnschuhe, Rougys waren Stammkunden in Secondhandläden. «Man merkt als Kind die Unterschiede, aber den Gesamtzusammenhang erkennt man erst später.» Als Dreizehnjähriger will er handeln. Er tritt der SP bei, fünf Jahre später gründet er mit einer Kollegin das Jugendparlament Berner Oberland und wird kurz darauf in den Grossen Gemeinderat von Interlaken gewählt.

Für einmal gescheitert

Mittwochabend, 5. April. «Ich habe verloren! Ich war einfach nur schlecht.» Rougy spricht lauter als sonst. Er ist in einer Diskussion auf Tele Züri gegen die SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann angetreten. Ihre Argumentationspalette war breiter als die seine. Er fühlt die Verantwortung, eine Bürgerbewegung zu repräsentieren. An diesem Abend ist er gescheitert. Dass seine GegnerInnen mehr als doppelt so alt sind wie er, ist für ihn keine Rechtfertigung. Eigentlich wäre Rougy gerade im französischen Jura. Die Ferien musste er kurzfristig absagen. Freunde, Familie und Freizeit kommen oft zu kurz. Verpasst er etwas? Er überlegt. «Manchmal denke ich schon darüber nach, was ich sonst alles tun könnte.»

«Das ist total absurd!»

Samstagabend, 7. April. Dimitri Rougy schaut sich sein Interview in der «Tagesschau» an. Die SP hat am Nachmittag bestätigt, dass sie das Referendum doch unterstütze. Er ist überrascht, dass die Partei so früh einsteigt. «Ich bin die ganze Zeit so kribbelig. Jeden Abend denke ich mir: Scheisse, was passiert morgen?» Zurzeit wird er oft gefragt, ob er für den Nationalrat kandidieren wolle. Er weiss es nicht. «Ich muss zuerst einmal verstehen, was jetzt gerade alles passiert.» Rougy hält inne, dann platzt es aus ihm heraus: «Eines der Gesichter eines Referendums!» Er lacht. «Das ist total absurd. Dass ich mir einfach so das Recht genommen habe, zu sagen: Wenn es die Parteien nicht tun, dann tuns halt wir.»

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