Nr. 15/2018 vom 12.04.2018

«Die Hände und die Nase gehen in verschiedene Richtungen»

Der Tänzer und Choreograf Omar Rajeh gilt als Gründer der zeitgenössischen Tanzszene im Libanon und als Netzwerker zwischen Europa und der arabischen Welt. In seinem aktuellen Stück wird gekocht.

Interview: Maya Künzler

Tänzer und Choreograf Omar Rajeh. Foto: Joerg Letz

WOZ: Das Stück, mit dem Sie am Tanzfestival Steps auftreten, dreht sich ums Essen – zumindest vordergründig. Die vier Tänzer kommen aus Togo, Belgien, Südkorea und Sie selber aus dem Libanon. Ein libanesisch-palästinensisches Ensemble spielt live arabische Musik. Die einzige Frau auf der Bühne ist die Köchin. Was für ein Menü kocht sie?
Omar Rajeh: Ein libanesisches, und wir kochen alle mit. Die Frau ist übrigens meine Mutter. Für mich könnte es vom künstlerischen Standpunkt aus niemand anderes sein. Denn die Figur der Mutter bringt gleich auf den Punkt, worum es mir geht. Sie repräsentiert, woher wir kommen und wohin wir gehen. Und auf einer persönlichen Ebene: Sie steht hinter dem, was ich tue. Das Dreigangmenü beginnt mit einem Salat, genannt Fattusch. Das ist ein typisch libanesisches Gericht, das aus verschiedenen Gemüsen besteht. So wie wir Performer ganz verschiedene Ingredienzen mitbringen.

Was ist die konkrete Idee hinter dem Stück?
Wir leben in einer globalisierten Welt. Die kulturellen Unterschiede zwischen den Menschen sind ein Reichtum. Wenn wir den ablehnen, wird es eng und statisch in unserem Kopf. Das gemeinsame Kochen ist etwas ganz Alltägliches, das alle Menschen kennen. Das Essen ist sinnlich und holt Erinnerungen aus der Kindheit zurück. In meiner Kindheit waren das Zusammensein und das Teilen mit anderen zentral. Wir sind in einem bestimmten Umfeld aufgewachsen und davon geprägt. Doch haben wir immer die Freiheit, zu wählen und eine andere Richtung einzuschlagen. Wie ist unser Bezug zu dem, was wir heute innerhalb des zeitgenössischen Tanzes tun, und zu unserer sozialen sowie kulturellen Herkunft? Das ist der eigentliche Kern des Stücks. «Beytna» ist Arabisch und bedeutet Zuhause.

Ihre drei Mittänzer sind selber auch Choreografen. War das wichtig für Sie?
Das war für mich entscheidend, denn alle haben ihre eigenen Vorstellungen von zeitgenössischem Tanz und von künstlerischer Arbeit. Choreografen aus verschiedenen Orten einzuladen, bedeutete auch, dass jeder andere Kindheitserfahrungen und Traditionen mitbrachte. Vor allem am Anfang stand die Frage im Raum, wie wir miteinander arbeiten sollten. Die gemeinsamen Proben waren extrem spannend. Wir nehmen viele Dinge als gegeben, und dann sind wir auf einmal mit anderen Vorstellungen konfrontiert und stutzen. Koen Augustijnen aus Belgien stellte zum Beispiel fest, dass es in seiner Kultur nichts gebe, das mit dem afrikanischen Tanz in Togo vergleichbar sei.

Man hört immer wieder, der Tanz sei universell und brauche im Vergleich zum Theater keine Sprache. Wie denken Sie über dieses Klischee?
Der Tanz ist definitiv nicht universell. Klar, wenn du jemanden siehst, wie er sich bewegt, wirst du eine bestimmte Bedeutung und gewisse Gefühle ausmachen. Tanz ist aber auch eine logische Struktur, es geht nicht nur um die Form, sondern auch um den Rhythmus sowie darum, wie du diesen komponierst. Das ist wie eine verborgene Ebene einer Sprache, deren innere Struktur. Und die ist immer sehr spezifisch. Als wir «Beytna» im Libanon zeigten, waren die Reaktionen anders als jene in europäischen Städten. Es ist eine Frage von Raum und Zeit. Auch in jeder Schweizer Stadt wird man wohl anders auf das Stück reagieren.

Ihr künstlerischer Ausdruck ist der zeitgenössische Tanz. Was interessiert Sie daran?
Jedes Stück ist eine direkte Frage in Bezug auf ein bestimmtes Thema; gleichzeitig ist es eine allgemeine Frage, die über meinen persönlichen Bezugspunkt hinausgeht. Meine Neugier treibt mich an, Dingen auf die Spur zu kommen, in meinem Fall durch das Medium des Tanzes. Denn es sind allein unser Körper und unsere Sinne, die uns in der Gegenwart verankern. Mich interessieren die Möglichkeiten des Körpers, und dabei versuche ich, die Grenzen des Alltäglichen zu sprengen. Was, wenn wir unsere körperlichen Grenzen ausreizen? Gleichzeitig stehen wir in einem sozialen und kulturellen Kontext.

Was heisst das für den Körper?
Die Gesellschaft formt unseren Körper. Dieser wiederum formt seinerseits die Gesellschaft. Es ist wie ein Zirkel. In den Proben denke ich den Körper nicht nur als eine Einheit. Im traditionellen oder klassischen Tanz gibt es ein bestimmtes Zentrum im Körper, von dem die Bewegung ausgeht. Genau das versuche ich zu durchbrechen. Für mich ist das Zentrum kein physisches, sondern ein gedankliches. Alles, was wir tun, ist ein Dialog mit den verschiedenen Zentren im Körper. Wir sind nicht die «eine Einheit». Jeder einzelne Knochen ist eine Welt für sich. Die Hände und die Nase gehen in verschiedene Richtungen – stelle ich mir vor.

Sie haben 2004 die Beirut International Platform of Dance initiiert, ein Festival für den zeitgenössischen Tanz. Gibt es in Beirut ein Publikum für zeitgenössischen Tanz?
Inzwischen schon, das Publikum wartet jeweils ungeduldig auf die nächste Ausgabe. Das Festival bringt internationale Gruppen nach Beirut, auch viele Schweizer Gruppen übrigens. Für die lokale Tanzszene ist es eine wichtige Inspirationsquelle geworden. Bis vor kurzem war zeitgenössischer Tanz bei uns nicht existent. Sonst aber ist der Tanz stark in unserer Kultur verankert. So wird auch an Beerdigungen als Ausdruck der Trauer getanzt. Bei uns tanzt man den Dabke, einen libanesischen Volkstanz. In meinen Augen hat er viel mit zeitgenössischem Tanz zu tun, wenigstens dann, wenn die Tänzer improvisieren. Es gibt da eine grosse Freiheit im Rhythmus, das kann wunderschön sein.

Inwieweit stellen Sie Ihre Arbeit in einen politischen Kontext?
Allein der Fakt, dass wir zeitgenössischen Tanz in Beirut machen, ist politisch. Das Festival, das wir jedes Jahr veranstalten, ist definitiv politisch, weil wir gewisse Werte, eine bestimmte Sicht hinsichtlich des Körpers präsentieren; es geht um Sexualität und um Genderfragen. Beirut ist eine offene Stadt. Aber im Libanon leben verschiedene Communitys mit unterschiedlichen Überzeugungen und Glauben. Wer seinen Kopf bedecken möchte, soll es tun können, wer das nicht will, soll es nicht tun. Und da sind wir wieder beim Stück «Beytna» angelangt: Wir müssen die Freiheit haben, zu wählen.

«Beytna» von Omar Rajehs Maqamat Dance Theatre ist im Rahmen des internationalen Tanzfestival Steps am Sonntag, 22., und Montag, 23. April, in Zürich und am Mittwoch, 2. Mai, in Basel zu sehen.