Nr. 21/2018 vom 24.05.2018

Warum schreit Mensch Pflanze an?

Künstler* Sabian Baumann erzählt, warum ihn* das Geschlecht der Bäume ärgert, wie die «grosse um_ordnung» in Argentinien begann und warum sie auch in seinen* Bildern steckt.

Von Bettina Dyttrich (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Sabian Baumann: «Mir wäre mir am liebsten, man würde einfach die Genderung abschaffen. Und zwar bei allem: nicht mehr «der Baum», sondern einfach ‹Baum›.»

WOZ: Sabian Baumann, Sie haben darauf bestanden, im WOZ-Interview Künstler* genannt zu werden. Sind Sie also ein Mann mit Sternchen?
Sabian Baumann: (Lacht.) Ich würde sagen, ich bin transqueer – nicht, dass ich ein Mann bin.

Aber auch keine Frau?
Nein. Obwohl die männliche Form nicht optimal ist, finde ich sie doch besser für mich. Noch besser fände ich es, die Sprache und die ganze Gesellschaft wären nicht dermassen auf dieses binäre Geschlechtersystem gebaut. Denn heute werden Leute, die nonbinär empfinden, total zu Aliens. Viele Aussenstehende können noch knapp nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die das Geschlecht, dem sie bei der Geburt zugewiesen wurden, nicht als richtig empfinden. Aber wer sich wie ich als transqueer bezeichnet, keine Hormone nimmt und die ganzen operativen Anpassungen nicht will, wird für fast alle unverständlich. Ich komme aus dem Erklären nicht mehr heraus.

Es gibt ja Länder, in denen es offiziell ein drittes Geschlecht gibt. Fordern Sie das auch für die Schweiz?
Auch drei Geschlechter werden der Sache nicht gerecht. Darum wäre mir am liebsten, man würde einfach die Genderung abschaffen. Und zwar bei allem: nicht mehr «der Baum», sondern einfach «Baum». Warum soll ein Baum «er» sein, die Sonne auf Deutsch «sie», auf Französisch «er»? Total absurd – aber es ist natürlich schwierig, die ganze Sprache umzukrempeln. Ich habe auch etwas gegen Rechtschreibung – was wir an Zeit aufwenden für diese sprachlichen Ausfeilungen! Sprache ist doch ein Hilfsmittel, das ohnehin nie die ganze Realität abbilden kann und sie eben manchmal auch nur dumm vereinfacht.

Aber wir können als Menschen doch nicht ohne Sprache leben.
Ich weiss. Aber wir können sie wenigstens anders handhaben.

Sie hatten die Idee für die «grosse um_ordnung», die politische Kunstaktion, die am 26. Mai auf dem Zürcher Helvetiaplatz stattfindet. Warum diese Aktion?
Das Projekt hat einen weiten Weg hinter sich. 2012 ist in Argentinien die innovativste Gesetzgebung der Welt für Transmenschen in Kraft getreten: Sie können einfach aufs Amt gehen und sagen, sie wollen den Namen und das Geschlecht im Pass ändern. Ohne Therapie und ohne Auflagen. Darüber wollte ich mehr wissen. Darum bin ich mit Fender Schrade, einem Transfreund von mir, nach Argentinien gereist, um Leute zu interviewen. Mich interessierte von Anfang an auch, wie die Kategorie «Geschlecht» mit unserem globalen neoliberalen System zusammenhängt und was eigentlich «artgerecht» für Menschen ist. Ich begann mich zu fragen: Wie kann man alle mitdenken, allen gerecht werden – nicht nur, wenn es um Geschlecht, sondern auch, wenn es um Migration, Alter, Behinderung und vieles mehr geht? Das sind die Ausgangsfragen der «grossen um_ordnung».

Beim Anschauen Ihrer Bilder fällt auf: Auch darin geht es um Umordnung – oder um die Sehnsucht danach.
Es sind nicht immer positive Visionen, auch Bomben, Alltagsdinge, Kunstzitate kommen vor. Aber es ist eine umgeordnete Welt, das stimmt.

Und es kommen viele Wesen vor, von denen man nicht so genau weiss …
… ja, Hybridwesen. Ich glaube, dass wir sowieso Hybridwesen sind. Ich mache einfach etwas sichtbar, das schon da ist. Jedes Selbst besteht aus ganz vielen Teilen der Welt, wie eine Box, die mit allem Möglichen gefüllt ist: Genen, Nahrung, unserer ganzen Sozialisation … Wir denken, wir seien etwas Einheitliches, dabei sind wir ein totales Patchwork in progress.

Manche Ihrer Bilder wirken sehr psychedelisch. «Das Selbst in kosmischer Form» erinnert ans «Sgt. Pepper»-Cover der Beatles. Ist das Absicht?
Ich würde eher sagen, die Bilder wirken surreal – wobei das nichts mit Surrealismus zu tun hat, der nebenbei gesagt ziemlich sexistisch war. Grundsätzlich sind meine Bilder Zitate, gezeichnete Collagen. Man sollte nicht denken, es sei authentisch, nur weil es gezeichnet ist. Das Authentische gibt es nicht.

Auf einer alten Zeichnung von Ihnen schreit ein griesgrämiger Mensch eine Pflanze an: «Ihr seid zu wenig politisch!» Ging es da um die Auseinandersetzungen zwischen der «alten» Frauenbewegung und dem Queerfeminismus?
Nein, das ist einfach ein Typ, der eine Pflanze anschreit, die nichts dafür kann, und so sind wir auch – wir kommen auf die Welt, ohne gefragt zu werden, ob wir das wollen, wir wachsen auf, und dann kommen all die Ansprüche von anderen und später auch von uns selber. Und wenn du die nicht erfüllen kannst, ist das der Horror … Der Künstler John Baldessari hat ein Kunstwerk namens «Teaching a Plant the Alphabet» gemacht. Das geht in diese Richtung – die Absurdität all der Dinge, mit denen wir uns quälen, uns selber und gegenseitig.

Sabian Baumann (56) ist Künstler* in Zürich. Die «grosse um_ordnung», zu der am 26. Mai alle Interessierten eingeladen sind, ist seine* neuste Kollaboration, nach der Veranstaltungsreihe «Erotisch, aber indiskret» 1996, dem Film «Working on It» 2008, dem Ausstellungsformat «An Unhappy Archive» seit 2013 (beides mit der Berliner Künstlerin Karin Michalski) und weiteren Projekten. www.diegrosseumordnung.ch

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