Nr. 21/2018 vom 24.05.2018

Wenn das Chaos der Welt erklingt

Handyaufnahmen, per Whatsapp aus der Sahelzone übermittelt: Mit seinem kleinen US-Label Sahel Sounds schickt Christopher Kirkley seit zehn Jahren Musik aus der Wüste in die Welt hinaus.

Von Claudio Landolt

Musik für einen gespenstischen Tanz: Tallawit Timbouctou. Foto: Christopher Kirkley

Vor kurzem poppte es auf, ein digitales Banner auf dem Handybildschirm. Eine Mitteilung von Bandcamp, diesem unendlichen Ozean von Webmusik, der täglich neue Veröffentlichungen in die Gehörgänge der Onlinecommunity spült. «Sahel Sounds just released Takamba WhatsApp 2018 EP by Tallawit Timbouctou», hiess es da. Und über diesen Zeilen ein Plattencover, das aussieht wie ein Whatsapp-Nachrichten-Verlauf zwischen einem dunkelhäutigen Mann mit Tuaregturban und einem Hellhäutigen ohne Haare. Die Audiofiles, die sich die beiden zusenden, werden aufgelockert von einigen Handklatsch-Daumenhoch-Zeigfinger-Emojis.

Frei wählbarer Preis

Sahel Sounds ist ein Musiklabel aus Portland, Oregon. Das ambitionierte Alleinunternehmen ist das Afrokunstuniversum des Mittdreissigers Christopher Kirkley. Nach seiner Collegezeit fällt ihm in Brooklyn eine Platte aus Mali in die Hände. Die Musik berührt ihn so, dass er sich ein Flugticket nach Paris kauft, von da aus per Anhalter nach Marokko reist und dann weiter südlich durch die Sahara trampt – bis nach Mali in die Sahelzone. Im Gepäck: ein kleines digitales Aufnahmegerät und eine Gitarre. Er hält sich fern von den Städten, reist durch die Steppen, lernt Französisch, spielt mit den Einheimischen Gitarre und und hält dabei den Rekorder eingeschaltet. Eineinhalb Jahre bleibt Kirkley in der Sahelzone. Dann reist er zurück in die USA, mit mehreren Gigabytes Tonmaterial im Gepäck. Wenig später gründet er das Plattenlabel Sahel Sounds. Wobei der Begriff zu kurz greift: Sahel Sounds ist nicht nur ein Musiklabel. Auch Videos, Kunst und Handyaufnahmen, in denen traditionelle afrikanische Musik auf Autotune und jamaikanische Bassbeats treffen, finden dank Kirkley den Weg aus dem Sahel ins Netz.

Auf Kirkleys Bandcamp-Seite findet man den Sticker «Weltmusik 2.0», versehen mit einem Smiley. Eine neue Art Weltmusik also? Aber ist dieser Begriff nicht längst diskreditiert? «Weltmusik», das war ursprünglich eine Marketingkategorie, erfunden von Plattenfirmen in London, die sich damit Ende der achtziger Jahre einen neuen Markt schufen. Von «Weltmusik 2.0» spricht aber auch der Berner Musikethnologe und -journalist Thomas Burkhalter vom Musiknetzwerk Norient. Er begreift Weltmusik 2.0 als transnationales Phänomen, zurückzuführen auf die beschleunigten Prozesse der Globalisierung und der Digitalisierung: «Musikerinnen und Musiker aus Afrika, Asien und Lateinamerika verarbeiten Musik und Klangformen mit den Prinzipien von Pop-Avantgarde und jamaikanischer Bass-Culture.» Es ist eine anarchische, junge Bewegung, eine transnationale Hochzeit von alten Ideen (Folklore und Tradition) und neuen Instrumenten und Vertriebskanälen (Computer und Internet). In der Weltmusik 2.0, so Burkhalter, erklinge das Chaos der Welt, die Hektik des Alltags, die Wut über Weltpolitik und Wirtschaft – und die Hoffnung, sich via Musik eine Existenz zu sichern.

Der Preis, den man für die «Takamba WhatsApp EP» von Agali Ag Amoumine und seiner Band Tallawit Timbouctou bezahlt, ist frei wählbar und geht zu hundert Prozent an die Musiker in Timbuktu. Es ist die neuste EP von Sahel Sounds, eine rudimentäre Handyaufnahme von drei Musikern – roh und unbearbeitet. Takamba heisst der psychedelisch-repetitive Musikstil, der in Mali oft auf Hochzeiten gespielt wird und mit einem gespenstischen Tanz einhergeht.

Ein Foto auf der Website von Sahel Sounds gibt Einblick in den Aufnahmeprozess der «Takamba WhatsApp EP»: Drei Musiker sitzen verschleiert auf bunten Tüchern in einem Zimmer in Timbuktu, einer schlägt mit den Händen auf einem getrockneten Kürbis den Takt, die anderen zwei halten kleine, traditionelle Tuareggitarren, sogenannte Tahardents. In den ersten paar Minuten der Aufnahme stellt Sänger Agali in einer Art Spoken-Word-Performance auf Französisch die Band vor. Etwas später wehen Gesangslinien in Berbersprache (Tamaschek) durch die elektrisierenden Afrorhythmen. Stellenweise singt Agali in Englisch: «New York Money! / Thank you, Christopher! / New York Money!» Die Lieder dauern beide mehr als zehn Minuten, bleiben immer hypnotisch, sind nie ausufernd. Mitten im zweiten Lied ertönt kurz eine Türglocke oder ein Handyalarm. Die Produktion ist fernab von perfekt, aber unvergleichlich und unglaublich fesselnd.

Musikethnologische Feldaufnahme

Timbuktu ist die grösste Region in der westafrikanischen Republik Mali. Fast täglich knallt es hier irgendwo, verkleiden sich Terrorgruppen als Uno-Friedensstifter und attackieren Stützpunkte oder nehmen Geiseln. Von Reisen nach Mali rät das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten zurzeit ab. Vor diesem Hintergrund ist die Whatsapp-EP von Agali Ag Amoumine eine ergreifende Form einer musikethnologischen Feldaufnahme: keine Reise in die Gefahrenzone, kein Highend-Aufnahmegerät, kein Field-Recorder, kein Mischpult, kein Equalizer, kein Toningenieur, kein Mastering. Nur eine Handyaufnahme, festgehalten vom Neffen der Musiker, über Whatsapp weitergeleitet an Christopher Kirkley in Portland – und dann per Bandcamp-Feed in die Welt hinaus.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch