Nr. 24/2018 vom 14.06.2018

Adolf Ogi war nicht schuld

Etrit Hasler hat fünf Gründe, wieso die Welt besser ist ohne Sion 2026

Von Etrit Hasler

Das Gejammer in Sportkreisen war absehbar, nachdem die Walliser Bevölkerung am letzten Abstimmungssonntag mit 54 Prozent Nein-Stimmen die Olympiakandidatur für 2026 endgültig beerdigt hatte, aber auch ein bisschen lustig: So kommentierte Jürg Stahl, Präsident von Swiss Olympic und anscheinend Hobbymediziner, die Niederlage: «Das Wallis ist das Herzstück unserer Bewerbung, und wenn das Herz nicht schlägt, lässt sich nichts Erfolgreiches mehr auf die Beine stellen.» Und CVP-Nationalrätin Viola Amherd beklagte die verpasste «Chance für die junge Generation» – sie selber hätte die Durchführung der Spiele ohnehin erst als Rentnerin erlebt.

Und niemand zweifelt daran, dass wir mit Olympischen Spielen im Wallis noch einen ganzen Strauss an zitierbaren Stilblüten zu hören und lesen bekommen hätten. Das ist natürlich schade. Doch vielleicht sollten wir den Fokus auf das Positive legen. Ich helfe mit fünf Gründen gerne auf die Sprünge, weswegen dieses Nein die Welt ein kleines bisschen besser macht:

1. In einem Jahr mit Winterspielen wäre es praktisch unmöglich, Unterkünfte für die schulischen Skilager zu finden. Und wie wir alle wissen: Skilager sind in diesem Land das einzige Menschenrecht, das auch nach Annahme der Selbstbestimmungsinitiative nicht infrage gestellt werden könnte.

2. Analog zu einer alten Zürcher Losung ist es vielleicht Zeit zu sagen: «Das Wallis ist gebaut.» Ganz im Ernst: In keinem anderen Kanton stehen so viele unnötige Lottergebäude herum, wie zum Beispiel die Erdölraffinerie Collombey, die «Erlebnisfestung» Naters («Eine Chance für die junge Generation») oder die «Primarschule Sepp Blatter». Die wenigen unverbauten grünen Flecken, die man im Sommer noch erkennen kann, sind Skipisten. Oder Golfplätze. Anders gesagt: Längerfristig ist es immer die Baubranche, die am meisten von Sportgrossanlässen profitiert. Das Wallis hat diesen Schub «weiss Gott» (um im Walliser Jargon zu bleiben) nicht mehr nötig. Fragen Sie Christian Constantin.

3. Aufgrund der Ablehnung schwimmt der Schweizer Sport geradezu im Geld: Seit 2016 erhält Swiss Olympic 38 Millionen jährlich aus den Schweizer Lotterieeinnahmen. Wenn man der Ja-Kampagne zum Geldspielgesetz («Schweizer Sport. Die beste Werbung für Glücksspiel.») glauben dürfte, werden sich dort nun weitere Millionen aus den Online-Einnahmen anhäufen. Und obendrauf: Von acht Millionen, die Swiss Olympic für die Kandidatur auf die Seite gelegt hatte, sind nur gerade zwei ausgegeben. Da wir davon ausgehen müssen, dass Erfolg im Sport – vorsichtig formuliert – durchaus auch von finanziellen Mitteln abhängt, steht also ein Weltmeistertitel in irgendeiner Disziplin unmittelbar bevor.

4. Endlich darf Adolf Ogi einmal sagen: «Ich war nicht schuld», und wir können das sogar glauben.

5. Die Autoren von «The Decadent Sportsman», Medlar Lucan und Durian Gray, schrieben einst: «Wenn sie nach Anzeichen einer Nation im Niedergang suchen, dann ist es vor allem dieser Tunnelblick, der mit dem Wunsch einhergeht, ein sportliches Grossereignis zu veranstalten.» In diesem Sinne ist auch klar: Wenn die Schweiz wieder einmal bei so einer globalen Hundsverlochete wie den Olympischen Spielen dabei sein soll, dann gibt es nur einen Ort, der sich dafür anbietet. Und zwar meine Heimat, die Ostschweiz. Keine andere Gegend der Schweiz hat eine solche jahrzehntelange Kompetenz darin, Sportanlässe zu organisieren, bei denen es nicht ums Gewinnen, sondern nur ums Dabeisein geht (Heimspiele des FC St. Gallen). Nirgends sonst finden sich grössere ungenutzte Flächen, die keine relevante Rolle im Ökosystem spielen und problemlos überbaut werden könnten mit Sportstadien, Hotels und Handytürmen (das Toggenburg). Falls für eine glaubwürdige Kandidatur noch ein Schurkenstaat mit ins Boot müsste, die Stiftungsmonarchie Liechtenstein wäre sicher sofort dafür zu haben.

Etrit Hasler ist Slampoet, Kolumnist und Kantonsrat in St. Gallen und stellt sich jederzeit zur Verfügung, um mit Jürg Stahl und Viola Amherd 2026 auf Plastiksäcken den St. Galler Freudenberg herunterzuschlitteln.

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