Nr. 26/2018 vom 28.06.2018

Aus Wut wird Liebe

Von Caroline Baur

Lola (Fanny Ardant) ist eine hochgewachsene, distinguierte Diva. Oder ein Puma, wie der 27-jährige Sohn Zino (Tewfik Jallab) seinen Vater nennt. Lola sieht man nicht an, dass sie einst ein Mann war, der zudem ein Kind in die Welt gesetzt hatte, bevor sie ihr maskulines Geschlechtsteil gegen Brüste eintauschte. Ein Macho sei sie trotzdem geblieben, spottet ihre neue Lebensgefährtin. Lola ist stur, manisch und interessiert sich am allermeisten für sich selbst: keine guten Voraussetzungen, um die Beziehung zu einem herb enttäuschten Sohn zu restaurieren.

Nadir Moknèches Film «Lola Pater» erzählt die etwas sentimental geratene Geschichte vom Klavierstimmer Zino, der nach dem Tod der heiss geliebten Mutter seinen Vater aufsucht. Frau und Kind hatte dieser früh verlassen, eines Morgens beim Zigarettenholen, so zumindest in einer Version der Familiengeschichte. Zino will bei der ersten Begegnung trotz offensichtlicher Indizien nicht wahrhaben, dass er dem Samen dieser Madame entsprungen sein soll, während Lola es genauso wenig über die Lippen bringt, dass sie weder Schwester noch neue Ehefrau, sondern selbst Vater Farid Chekib ist.

Im Moment der Wahrheit, in dem sich Lola ihrem erwachsenen Kind offenbart, lässt sich dann auch schon der Ausgang des Films vorhersehen: Aus Wut und Ressentiment wird Liebe werden. Und dieser Liebe steht letztendlich keine noch so potente normative Gewalt im Weg.

Trotz der Schwächen im Plot, einiger Klischees zu Transidentitäten und etwas abrupter psychologischer Sprünge in der Entwicklung seiner Figuren zeichnet Moknèche ein warmes Drama mit einer interessanten Besetzung der Lola-Rolle: Anfangs liest man Fanny Ardant kaum als Transfrau. Vergeblich sucht man nach männlich-konnotierten Merkmalen wie grösseren Händen oder einem breiten Rücken. Während sich jedoch die Vater-Sohn-Beziehung intensiviert, wird auch Ardant mehr und mehr zu diesem Vater in hyperfemininer Erscheinung. Diese performt sie derart exzessiv, dass sie es schafft, die Frage nach dem biologischen Geschlecht tatsächlich vorübergehend verschwinden zu lassen.

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