Nr. 32/2018 vom 09.08.2018

Und jetzt?

Von Florian Keller

So macht man sich einen Namen. Als Carlo Chatrian vor sechs Jahren als neuer Direktor des Filmfestivals Locarno vorgestellt wurde, fragten sich viele: Carlo wer? Der Mann aus dem Aostatal wirkte damals wie die Antithese zu seinem Vorgänger, dem flamboyanten Pariser Olivier Père: unscheinbar, aber sehr zugänglich, ein seriöser Schaffer. Zuvor war Chatrian für die Retrospektiven zuständig gewesen, jetzt sollte er die internationale Ausstrahlung halten, die das Festival unter Père zurückgewonnen hatte.

Sechs Jahre später wechselt der Italiener nun in die höchste Liga, abgeworben von der Berlinale. Für Berlin bedeutet das eine spektakuläre Wende: Nach fast zwanzig Jahren unter Dieter Kosslick soll mit Chatrian an der Spitze wieder ein cinephiler Geist einkehren. Chatrian wird also auch in Berlin als Antithese seines Vorgängers antreten. Für ihn selber wiederum ist die Berufung der Lohn für die solide Arbeit, die er in Locarno geleistet hat.

Solide, nicht überraschend oder provokant. Man hätte sich die letzten Jahre etwas mehr Wagemut, mehr Lust am Risiko gewünscht. Als Sammelbecken für die abgefahrenen Sachen hat Chatrian zwar eigens die Sektion «Signs of Life» geschaffen. Dafür zeigte seine Auswahl im Hauptprogramm eine Tendenz zum Gleichförmigen, und zwar inhaltlich wie formal. Für die Piazza Grande fehlte Chatrian immer etwas das Flair für intelligente Blockbuster und für die vielfältigen Reize des Genrefilms. Aber auch der internationale Wettbewerb blieb meist frei von Experimenten – ein Film zeugt ja nicht gleich von experimentellem Geist, nur weil er vierzehn Stunden dauert.

Und jetzt? Gerüchten zufolge hatte Festivalpräsident Marco Solari die Nachfolge bereits geregelt, ehe er zurückgepfiffen und zu einem regulären Verfahren gedrängt wurde. Es kursieren auch schon Schweizer Namen: etwa Seraina Rohrer von den Solothurner Filmtagen oder, als Antithese zu Chatrian, Anaïs Emery, die in Neuenburg das Festival des fantastischen Films aufgebaut hat. Noch darf spekuliert werden, Solari wird erst nach der diesjährigen Ausgabe über die Nachfolge informieren. Es muss ja kein bekannter Name sein. Einen Namen kann man sich auch erst in Locarno machen.

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