Nr. 32/2011 vom 11.08.2011

Wie sehen Ihre Pläne für die ­Solothurner­ Filmtage aus?

Seraina Rohrer erlebt am Internationalen Filmfestival in Locarno ein ganz anderes Festivalgefühl als in den letzten Jahren. Im Tessin ist sie Gast, an den nächsten Solothurner Filmtagen wird sie Gastgeberin sein.

Von Silvia Süess (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Seraina Rohrer: «Mein Aufruf an die Filmbranche ist: ‹Make Films, Not War›.»

WOZ: Seraina Rohrer, Sie waren vor zwei Jahren noch Leiterin des Pressebüros am Internationalen Filmfestival in Locarno. Nun kehren Sie erstmals in Ihrer neuen Funktion als Direktorin der Solothurner Filmtage hierher zurück. Was ist anders?
Seraina Rohrer: Es war dieses Jahr am Anfang seltsam, in normalem Tempo über die Piazza gehen zu können und nicht rennen zu müssen. Obwohl ich viele Sitzungen habe, fühle ich mich ziemlich entspannt. Ich bin sogar schon dazu gekommen, Filme zu schauen. Das war in den früheren Jahren nie der Fall. In Solothurn wird es genau umgekehrt sein. Wo ich früher immer Filme schauen und das Festival geniessen konnte, werde ich dann im Stress sein.

Sie haben sich am vergangenen Dienstag offiziell der Branche vorgestellt und ihre Pläne für die Solothurner Filmtage dargelegt. Was haben Sie gesagt?
Ein wichtiger Punkt ist, dass Solothurn weiterhin ein Ort der Debatte sein wird, wobei ich thematische Schwerpunkte setzen möchte. Diskussionen müssen heute stärker angeregt werden. Dann möchte ich die Werkschau stärker kuratieren, im Sinne von «Weniger ist mehr». Ausserdem soll es für Filmemacher, die bereits einen Film in Solothurn gezeigt haben, nicht mehr selbstverständlich sein, dass ihr nächs­tes Projekt auch an den Filmtagen zu sehen sein wird. Diese Änderung rührt daher, dass das Produktionsvolumen stetig steigt. Ich kann nicht allen Filmschaffenden automatisch einen Platz garantieren, da es auch Platz für die Jüngeren braucht. Die Förderung des Nachwuchses ist mir ein ganz grosses Anliegen. Ich möchte ein spezielles Gefäss für die Jungen schaffen. Das Ziel ist, dass Jugendliche ab zwölf Jahren, die sich für Film interessieren, nach Solothurn kommen. Hier können sie sich dann mit Film­schaffenden treffen, sich von ihnen inspirieren lassen und selber Projekte realisieren. Die Verjüngung strebe ich auch in der Kommunikation an: Es gibt eine neue Website, und die Filmtage sollen auch die neuen Medien nutzen.

Wie haben Sie sich der Branche gegenüber zur Filmpolitik geäussert?
Ich bin in einem 68er-Haushalt aufgewachsen, bin also unter demselben politischen Geist gross geworden wie die Solothurner Filmtage, die ja in den sechziger Jahren gegründet worden sind. Bei uns in der Küche hingen immer politische Plakate, eines davon war «Make Love Not War», das hat mich als Pubertierende sehr inspiriert (lacht). Mein Aufruf an die Filmbranche ist: «Make Films, Not War». Die Filmschaffenden sollen ihre Energie fürs Filmemachen investieren.

Dieser Tage wurden die Neuerungen in der Filmförderung auf Bundesebene bekannt gegeben. Die Reformen für die Filmförderkonzepte 2012 bis 2015 sind jedoch gering. So wird noch immer eine Kommission aus Branchenvertretern über die Finanzierung eingereichter Gesuche entscheiden. Bei der Förderung wird finanziell etwas aufgestockt. Was halten Sie von den neuen Konzepten?
Ich finde viele Ansätze darin richtig. Zum Beispiel, dass der Erfolg der Filme stärker als bis anhin belohnt wird, also mehr Geld in die erfolgsabhängige Filmförderung fliesst. Auch dass mehr Geld als bisher in die Projektentwicklung investiert wird, finde ich richtig. Denn bis anhin waren Projekte im Anfangsstadium häufig unterfinanziert. Das wirkt sich dann negativ auf den gesamten Produktionsprozess aus. Die Neuerung, die Kommissionen mit rotierenden Mitgliedern aus der Branche zu besetzen, muss in der Praxis ausprobiert werden.

Mit den rotierenden Kommissionsmitgliedern und einer schärferen Ausstandsregel will der Bund eine Verbandelung der Mitglieder mit den Projekten verhindern.
Das finde ich einen guten Ansatz, denn es ist extrem wichtig, dass die Kommissionsmitglieder auf keine Art und Weise mit den Projekten verbandelt sind, die sie bewerten. Der Bund hat zusammen mit den Verbänden die Förderkonzepte entwickelt, und es ist an der Zeit, dass sie nun in Kraft treten. Mit der Zeit wird sich dann zeigen, ob sie sich bewähren. Förderreglemente sind ja nie in Stein gemeisselt, die Förderpraxis ist ständig im Wandel. Wichtig ist auch, darüber zu diskutieren, welche Kultur der Staat machen und fördern soll und was Kulturpolitik ist. Denn sowohl Bedürfnisse wie auch Begriffe verändern sich laufend.

Welche Erfahrungen nehmen denn Sie von ihrem früheren Job in Locarno mit nach Solothurn?
Vor allem die Erkenntnis, dass die Leute, auf die man sich am meisten freut, dann nicht unbedingt diejenigen sind, die einen am meis­ten überraschen, und umgekehrt. Vor dem Besuch von Bud Spencer im Jahr 2004 hat es mir gegraut. Ich dachte, nichts mit ihm anfangen zu können. Dann habe ich ihn zwei Tage betreut, habe Interviews für ihn koordiniert, und ich hatte eine unglaublich gute Zeit mit ihm. Er ist ein wahnsinnig interessanter Mensch, der mir sehr Eindruck gemacht hat.

Seraina Rohrer (33) hat am 1. August 2011 offiziell ihre neue Stelle als Leiterin der Solothurner Filmtage angetreten. Von 2003 bis 2009 arbeitete Rohrer im Pressebüro des Filmfestivals von Locarno, ab 2006 war sie dessen Leiterin. Rohrer war mehrere Jahre Mitglied der Fachkommission «Fiktion» der Zürcher Filmstiftung.

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