Nr. 32/2018 vom 09.08.2018

Armenien liegt im Toggenburg

Von Kaspar Surber

Der Berg als Sehnsuchtsort: Das Kloster Chor Virap in Armenien mit dem Berg Ararat in der Türkei im Hintergrund. Foto: Eric Nathan, Alamy

Eine Ausstellung über Armenien? Mitten im Toggenburg? Das muss ein Versehen sein, denkt man sich auf dem Weg vom Bahnhof Brunnadern-Neckertal in die Propstei St. Peterzell. Nichts erinnert hier an das Land im Kaukasus. Lieblich plätschert der Fluss, trotz der Hitze sind die Wiesen grün. Wer je in Armenien war, wird es als steinig, staubig und trocken in der Erinnerung haben. Und als Ort der Sehnsucht. Kann man von hier im Neckertal die Wahrzeichen der Region erwandern, den Säntis und die Churfirsten, dürfen die ArmenierInnen ihren heiligen Gipfel Ararat wegen der Grenzsperre zur Türkei nur von Ferne betrachten. Nach einer Stunde dem Necker entlang erreicht man die Propstei St. Peterzell, und plötzlich wird das Toggenburg doch zu Armenien.

«Shifting Cascades» heisst die Ausstellung, die von Kuratorin Angela Kuratli über das Land gestaltet wurde. Sie besteht aus drei ruhigen, genauen Fotoarbeiten von Patrick Cipriani, Till Martin und Sebastian Stadler und einer Fachbibliothek. Schnell meint man, die Ausstellung verstanden zu haben, und staunt dann je länger, je mehr, mit welchem Tiefgang Kuratli und ihr Team Armenien erkunden: dieses Land, das noch immer für die Anerkennung des Völkermords im Ersten Weltkrieg kämpfen muss und zuletzt mit der friedlichen, samtenen Revolution für Schlagzeilen sorgte; dieses Land, das als erstes das Christentum zur Staatsreligion erhob, eine einzigartige Schriftkultur besitzt und in dem das Schachspiel an den Schulen bis heute ein Pflichtfach ist.

Die Geschichte von Armenien werde häufig mit der von Gesteinen verglichen, hält der Bildhauer Christian Hörler in seinem Beitrag fest. Insbesondere der weiche Tuffstein, das verfestigte Auswurfmaterial von Vulkanen, hat die Bauweise geprägt, lässt die Häuser und Kirchen wie aus einem Guss erscheinen. Wer nach dem Besuch in St. Peterzell das Neckertal noch weiter entdecken will, dem sei eine Wanderung von Hemberg zum Ofenloch empfohlen. Hier im Felskessel aus Nagelfluh, auch gerne als Grand Canyon der Ostschweiz bezeichnet, sind spektakuläre Gesteinsformationen zu sehen. Armenien und das Toggenburg finden endlich zusammen.

«Shifting Cascades». Noch bis 15. September 2018 in der Propstei St. Peterzell. www.ereignisse-propstei.ch

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