Nr. 35/2017 vom 31.08.2017

«Die Fokussierung auf Trump führt in die Irre»

Seit Charlottesville debattieren die USA über die rechtsextreme Szene des Landes. Leonard Zeskind erforscht und bekämpft sie seit gut vierzig Jahren.

Interview: Yves WegelinMail an AutorIn

Versammlung US-amerikanischer Nazis im Madison Square Garden 1939. Foto: Getty

WOZ: Herr Zeskind, zuerst schied der rechte Hetzer Stephen Bannon aus Trumps Regierung, nun musste der Präsident Kritik von seinem eigenen Aussenminister einstecken, weil er den rechtsextremen Aufmarsch in Charlottesville verharmlost hat. Ist der rechte Nationalismus auf dem Rückzug?
Leonard Zeskind: Im Gegenteil! Er ist auf dem Vormarsch. Der Aufmarsch in Charlottesville bedeutet für die weissen Nationalisten einen grossen Sprung nach vorne. Die Fokussierung auf Trump und Bannon führt jedoch in die Irre. Trumps Präsidentschaft ist das Produkt der White Supremacists, die die weisse Vorherrschaft anstreben, nicht deren Ursache.

Wie meinen Sie das?
Nicht Trump hat zum Aufstieg der weissen Nationalisten geführt, die weissen Nationalisten haben Trump zum Sieg verholfen. Ihr Aufstieg ist der Basisarbeit zu verdanken, die die Linke verlernt hat und mit der die Rechtsextremen immer mehr Anhänger rekrutieren. Sie haben überall im Land lokale Gruppierungen gegründet, sie werben in den Colleges, organisieren Versammlungen rund um die Gedenkstatuen der Anführer der Konföderierten Staaten, die im Sezessionskrieg für die Sklaverei gekämpft haben.

Wie gross ist die Szene?
Es gibt kaum verlässliche Zahlen. Wir vom Institute for Research and Education on Human Rights, das ich präsidiere, sind daran, Zahlen zu sammeln, die wir bald publizieren werden. Der harte Kern besteht wohl aus rund 30 000 Mitgliedern.

Sind das abgekapselte Fanatiker oder die Speerspitze einer breiten gesellschaftlichen Bewegung?
Sie geniessen in der übrigen Gesellschaft durchaus Unterstützung – für ihren Kampf um die Konföderiertenflagge oder gegen Einwanderung. Wie gross der Support ist, ist schwer zu sagen. Doch er kommt nicht aus der Republikanischen Partei. Diese Leute hassen die Politik.

Sie haben aber trotzdem Trump gewählt?
Sie haben geholfen, Trump zu wählen.

Die USA gelten als Wiege des Liberalismus. Seit Charlottesville zirkuliert im Netz aber etwa das Bild einer faschistischen Massenkundgebung in New York aus dem Jahr 1939. Haben wir ein falsches Bild von den USA?
Die USA sind ein liberales Land, doch der Faschismus ist Teil ihrer Geschichte. Das wissen ich und andere, die sich dafür interessieren – aber es wird in den USA nicht breit thematisiert.

Wann sind Sie mit der rechtsextremen Szene erstmals in Kontakt gekommen?
Zu Zeiten der Bürgerrechtsbewegung. Doch die heutigen Gruppen sind anders als der Ku-Klux-Klan oder die Citizens’ Councils der White Supremacists der sechziger Jahre. Sie sind nicht mehr konservativ, sondern revolutionär. Früher wollte die Bewegung den Status quo bewahren, heute will sie alles auf den Kopf stellen. Sie will den bestehenden Staat zerstören. Sie will einen Nationalstaat nur für Weisse.

Wann entstand diese neue Art der Bewegung?
In den späten siebziger Jahren. Dazu zählten mehrere Ku-Klux-Klan-Gruppierungen im Süden, sogenannte Posse Comitatus im mittleren Westen, im Norden waren es die Aryan Nations. Es gibt also keinen gemeinsamen Ursprungsort.

Warum in den siebziger Jahren?
Unter anderem wegen des Kollapses der Linken in den sechziger Jahren. Die Linke spaltete sich, formierte kleine marxistisch-leninistische Parteien und zog sich von der Organisation der Massen zurück. Ein weiterer Grund war, dass in den sechziger Jahren die Rassenbarrieren ein Stück weit abgebaut wurden. Auch das führte zu einer Reaktion der weissen Nationalisten.

Was sind heute die wichtigsten Gruppen, die auch in Charlottesville marschierten?
Es gibt unzählige Gruppen, die sich in ihrer strategischen und ideologischen Ausrichtung unterscheiden. Alle haben jedoch das gleiche Ziel: Sie wollen eine Nation nur für Weisse. In Charlottesville gab es drei Aufmärsche: ein erster im Mai von Richard Spencer und seinem National Policy Institute. Er war klein, hat aber das Ganze ins Rollen gebracht. Im Juli marschierten rund sechzig Ku-Klux-Klan-Mitglieder auf, die von den Gegendemonstranten regelrecht weggefegt wurden. Der dritte war der Unite-the-Right-Aufmarsch, an dem viele unterschiedliche Gruppen teilnahmen.

Vor ein paar Jahren redeten alle über die Tea Party. Wie ist die rechtsextreme Bewegung mit ihr verbunden?
Es gibt keine wirkliche Verbindung. Die Tea-Party-Bewegung ist teilweise auseinandergefallen. Einen Teil der Leute findet man in den bewaffneten Milizen der rechtsextremen Bewegung wieder. Sie tragen Tarnuniformen und Sturmgewehre auf den Strassen. Und die US-Gesellschaft ist blöd genug, sie so rumlaufen zu lassen.

Leonard Zeskind (68) ist Präsident des Institute for Research and Education on Human Rights (IREHR) und beschäftigt sich seit über dreissig Jahren mit der rechtsextremen Bewegung der USA. 2009 publizierte er das Buch «Blood and Politics. The History of the White Nationalist Movement from the Margins to the Mainstream».

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