Nr. 34/2018 vom 23.08.2018

Eine Waffe namens Anstand

Ruedi Widmer über den baldigen Aufstand

Von Ruedi Widmer

Gehe ich in Winterthur auf die Strasse, zum Bahnhof rüber, unter die Leute, begegne ich Hundertschaften von Menschen, alt, jung, gross, klein, dünn, dick, hell, dunkel, schweizerisch, ausländisch, mehr oder weniger alle um das Zusammenleben bemüht. Sie halten einander die Tür auf, geben Ortsunkundigen Auskunft, sie lachen, sie wissen, wie man sich unter Menschen verhält. Ein Haufen anständiger Leute.

Es handelt sich um AnständlerInnen, gefährliche, unheimliche Menschen, die das verdächtige Funkeln der Freundlichkeit in den Augen haben. Oder an den Winterthurer Musikfestwochen: mehrere Tausend Menschen, friedlich, fröhlich. Unglaublich: keine Gewalt, keine sexistischen Übergriffe.

Anstand findet nicht in den Newsrooms der Medien und schon gar nicht auf den Aborten des Internets statt. Anstand wird direkt überliefert von anständigen Menschen, die im gar nicht mal so tiefen Untergrund leben und den Samen des Anstands verstreuen und die ganze Gesellschaft anzustecken drohen. Wer gutmütig ist, erzeugt weitere Gutmütigkeit.

Schulanfang. Kinder und Eltern jeder Couleur und Herkunft und aller Religionen kommen zum ersten Mal ins Klassenzimmer. Sie sitzen da und hören der Lehrerin zu. Zuhören, eine Kunst des Anstands. Zuhören ist im späteren Leben ja eigentlich nicht gefragt. Die neue alternative Elite hört niemandem zu, sondern weiss alles besser. Oder: Alle Eltern schmunzeln über dieselben Kinderworte. Egal ob sie Atheistinnen, Christen oder Musliminnen sind. Das klingt ein bisschen nach «We Are One Family», aber diese Art Bonmots, die heute nur noch an der Street Parade fallen, sind richtiger, als es ihre Banalität vermuten lässt.

In Basel stören sich erwachsene FasnächtlerInnen im Jahr 2018 am Umstand, dass man seit gut vierzig Jahren nicht mehr «Neger» sagt. Was Kinder ohne Umschweife verstehen, wenn man es ihnen erklärt, funktioniert bei vielen Erwachsenen nicht. Klar, manche davon dürften webverseuchte AbendlandfanatikerInnen sein. Das Wort zu benützen, ist ihr Lebenselixier, ihr letzter Haltegriff in einer Gesellschaft, deren Anstand ihnen zutiefst suspekt ist. Rechtsstaat, Kultur, Respekt, Zusammenleben, und zwar unter verschiedenen Menschen – das wirkt am Computerbildschirm in verdunkelten Riehener oder Allschwiler Wohnungen halt apokalyptisch. Es mag für diese Menschen unvorstellbar sein, dass die Mehrheit ihrer Mitmenschen solche Worte nicht benutzen will. Denn Letztere fühlen sich nicht sprachlich eingeschränkt, sondern haben schlichtweg keine Verwendung für dieses Wort.

Das Wirken Donald Trumps und der Griff seiner europäischen und schweizerischen Epigonen und Schmuddelkinder nach der Macht löst eine massive Gegenbewegung aus. Denn Anstand wird zum Aufstand. Jedes Kind hat schon im Kindergartenalter mehr Kinderstube, als sie die neue Elite je erlebt hat. Jedes Kind weiss, dass es nicht lügen darf, sonst bekommt es das zu spüren. Von den anderen. Und so hat es gelernt: Lügen lohnt sich nicht.

Wo Beschimpfung, Lüge, Sexismus, Rassismus, Niedertracht und Gewalt zur Norm werden, mutieren Werte wie Liebe, Respekt, Freundlichkeit und eben Anstand zu Waffen, zu unheimlichen Waffen, die die politische Gegnerschaft nicht versteht und die nur geweckt werden müssen. Schon ein einvernehmliches Gespräch zwischen Menschen verschiedener Kultur, ja zwischen Menschen überhaupt, wird zur Gefahr für den neuen autoritären Hasskult. Unkontrollierbare Freundlichkeit und Menschlichkeit, wie ich sie auf der Strasse, in den Cafés, den Altersheimen, in den Schulen beobachte, ist der Sprengstoff, der das ganze im Bau befindliche Gebäude der Boshaftigkeit dem Erdboden gleichmachen wird. Es macht einen Heidenspass, freundlich zu sein.

Anstand ist brandgefährlich in Zeiten der webgestützten SpiessbürgerInnenrevolte. Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Tag!

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.

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