Nr. 35/2018 vom 30.08.2018

Blüten in einer sozialen Wüste

Wie sich eine junge Generation von KünstlerInnen in einem gewalttätigen Land Raum für die eigene Entfaltung schafft.

Von Toni Keppeler, San Salvador

El Salvador, hat US-Präsident Donald Trump einmal gesagt, das sei – zusammen mit Haiti und ein paar afrikanischen Ländern – ein «shithole». Er hatte damit gar nicht so unrecht: Das kleinste Land Zentralamerikas, gerade halb so gross wie die Schweiz, nimmt seit Jahrzehnten auf der Liste der Länder mit den im Verhältnis zur Bevölkerung meisten Morden einen der ersten drei Plätze ein; oft ist es der erste. Auf jeden Mord in der Schweiz kommen bis zu 200 Morde in El Salvador. 90 Prozent der Flüsse und Seen sind verseucht, und doch bezieht der arme Teil der Bevölkerung daraus sein Trinkwasser. 95 Prozent der einst dort stehenden Wälder sind abgeholzt. Das Land ist eine soziale und ökologische Wüste.

Und doch blüht in dieser Wüste seit wenigen Jahren ein kleines, noch zartes Pflänzchen der Kultur. Junge Leute, die alle ein bisschen verrückt sind und glauben, man könne in diesem Land KünstlerIn sein und davon leben – und die meisten schaffen es sogar, irgendwie. Es gibt Schauspielerinnen, Maler, Schriftstellerinnen, Musiker; sogar ein halbes Dutzend FilmemacherInnen. Es gibt unglaubliche Karrieren: Ein junger Mann aus einem Armenviertel unter der blutigen Fuchtel einer Jugendbande ist heute ein lokaler Hip-Hop-Star. Eine ehemals ambulante Händlerin vom Zentralmarkt ist Schauspielerin und war mit ihrer Truppe – alles ehemalige Marktfrauen – schon in Spanien auf Tournee. Sie alle beziehen ihre Themen und Anregungen aus diesem gewalttätigen und heruntergekommenen Umfeld. Und sie rebellieren dagegen. «Wir sind es satt, wie dieses Land ist», sagt die Wandmalerin Malu Saenz. «Wir müssen intervenieren.»

El Salvador war lange auch in kultureller Hinsicht eine Wüste. In den achtziger Jahren wütete ein blutiger Bürgerkrieg, Intellektuelle und KünstlerInnen waren für die Militärs mindestens asozial, wenn nicht gar KommunistInnen, und beides konnte damals tödlich sein. Auch der linken Guerilla waren freie DenkerInnen suspekt. Roque Dalton, der wohl bedeutendste Schriftsteller des Landes, kämpfte im Revolutionären Volksheer (ERP). Er wurde von seinen eigenen Genossen wegen seiner oft sehr eigenen Meinung für einen Spion der USA gehalten und 1975 erschossen. Wer fliehen konnte, floh.

Von Hoffnung und Enttäuschung

Nach dem Friedensvertrag von 1992 kehrten zwar viele KünstlerInnen zurück, aber sie blieben nicht lange. Sie hatten ihre Hoffnung in den zur Partei gewordenen vorigen Guerillaverband FMLN gesetzt. Der Kulturbegriff der RevolutionärInnen aber war eher stalinistisch: Kunst ist Propaganda für die Revolution. Kein Raum für künstlerische Entfaltung. Zurück blieben nur ein paar junge Unentwegte. «Es gab in San Salvador eine Kleinkunstkneipe, es gab eine Rockszene, und es gab Bars, in denen junge Poeten Gedichte vortrugen», erinnert sich Elmer Menjívar, einer der wenigen Kulturjournalisten des Landes. «Aber wir waren Studenten und lebten vom Geld unserer Eltern. Irgendwann mussten wir selbst etwas verdienen.» So verendete auch diese kleine Szene.

Das, sagt Menjívar, sei einer der wesentlichen Unterschiede zu heute: «Man kann jetzt mit Kultur Geld verdienen; nicht viel, aber immerhin.» Vor ein paar Jahren haben internationale Institutionen wie Unicef, Entwicklungsagenturen wie USAid und Hilfswerke wie Oxfam die Kultur als Werkzeug entdeckt. Schauspielerinnen, Maler, Filmemacherinnen und Musiker werden unter Vertrag genommen, um in Problemvierteln Workshops zu leiten – Kultur als Gewaltprävention. Der Rapper Snif, der schon bei mehreren Workshops mitgearbeitet hat, drückt es so aus: «Ein Rapper mehr ist ein Mörder weniger.»

Inzwischen gibt es einen Treffpunkt für die noch junge Szene: La Casa Tomada, auf Deutsch: das besetzte Haus. Es ist nicht besetzt, es wurde von der neuen Kulturszene übernommen. Die spanische Botschaft bezahlt einen Teil der Miete, den Rest übernehmen ein Fotostudio, ein Tattoostudio, eine kleine Druckerei, ein Verlag, eine Videoproduktionsgesellschaft und ein Café, die sich dort eingemietet haben. Dazu kommen Einnahmen aus einem kleinen Kino und einem Theatersaal. Dieses Zentrum, sagt Menjívar, habe die Szene explodieren lassen. «Man trifft andere und sieht: Die machen das, was ich auch machen will, und es ist möglich.» Snif schätzt an diesem Treffpunkt das, was er «kollaborative Ökonomie» nennt: «Eine Schauspielerin hat mir beigebracht, wie ich mich besser auf der Bühne bewege», erzählt er. «Malu Saenz hat mir das Cover für meine letzte CD gemacht.»

Auch international sind Austausch und Informationsbeschaffung viel leichter geworden. «Früher hatten wir keine Ahnung, was in anderen Ländern geht», sagt Menjívar. Er hatte das Glück, dass der Rektor der Universität, an der er studierte, ein Abonnement der spanischen Tageszeitung «El País» hatte – eine Seltenheit, die lange nach dem Erscheinungsdatum eintraf. Menjívar durfte sich den Kulturteil ausleihen. «Das war meine einzige Verbindung zur kulturellen Welt.» Heute kann man in El Salvador genauso wie anderswo übers Internet lesen und sich vernetzen.

Und noch etwas hat die Digitalisierung ermöglicht. Die Filmemacherin Brenda Vanegas etwa hat ihre ersten filmischen Experimente mit einer Digitalkamera für 200 US-Dollar gedreht. «Zehn Jahre früher wäre das undenkbar gewesen», sagt sie. «Die Geräte und das Material waren unbezahlbar.»

Der Krieg, eine vage Erinnerung

Das alles sind materielle Voraussetzungen, die das Entstehen der Szene möglich gemacht haben. Viel wichtiger aber ist: Für diese neue Generation von KünstlerInnen ist der Bürgerkrieg Geschichte, allenfalls eine vage Erinnerung. Man muss sich nicht mehr auf die eine oder andere Seite schlagen oder ins Exil gehen, wenn man überleben will. KünstlerInnen sind heute freier. Der Krieg spielt nur deshalb noch immer eine Rolle, weil man sich mit seinen gewalttätigen Hinterlassenschaften herumschlagen muss. Brenda Vanegas sagt: «Ich wurde viel mehr durch die Gewalt in meinem Elternhaus geprägt als durch die Gewalt im Krieg.» Der Vater der Schriftstellerin Elena Salamanca wurde ermordet, als sie neun Jahre alt war. Ein «gewöhnlicher» Mord und einer der vielen, die nie aufgeklärt wurden. Man findet dieses Motiv immer wieder in ihren Erzählungen.

«Man macht nicht mehr Kultur für die Revolution», sagt Menjívar. Die neue Generation bezieht ihre Themen aus dem heutigen El Salvador. Die Truppe der Schauspielerin Magdalena Hernández verarbeitet in ihren Stücken Erfahrungen vom Zentralmarkt: Gewalt, Hehlerware, Probleme mit der Polizei. Die Gruppe hat es damit bis ans Nationaltheater gebracht. «Wir haben dort der Elite einen Teil ihres Landes gezeigt, den sie bis dahin nicht kannte», sagt Hernández. «Wenn das nur einen zum Nachdenken gebracht hat, hat es sich schon gelohnt.»

Gewalt, Migration, Armut, eine repressive Polizei, die schneller schiesst als fragt – die meisten der jungen KünstlerInnen haben das selbst erlebt und begehren dagegen auf. Die meisten unter prekären Bedingungen. Man lebt von einem Monat zum nächsten, aber es geht. «Anderswo würde man sich einfach irgendeiner kulturellen Strömung anschliessen», sagt Menjívar. «Hier muss man sich noch alles selbst erschaffen. Das ist schwer, aber es ist auch spannend.»

Snif, 25, Rapper

«Viele meiner alten Freunde sind heute tot»

Seine Solokarriere begann in Bussen. In jenen bis zu fünfzig Jahre alten Schrottmühlen, die in San Salvador den öffentlichen Personenverkehr abwickeln. Die laut sind und langsam und meist überfüllt und die oft am helllichten Tag und mitten im Verkehrsgewühl überfallen werden. Dort ist Snif aufgetreten, als Rapper, begleitet von Musik aus einem Ghettoblaster. «Da hast du Leute vor dir, die würden nie in ein Hip-Hop-Konzert gehen», sagt er. «Da ist Beifall noch viel mehr wert.» Zwanzig US-Dollar hat er so an schlechten Tagen gemacht, das Doppelte von dem, was eine Fabrikarbeiterin verdient. An richtig guten Tagen waren es fünfzig.

Heute ist Snif der bekannteste Musiker seines Genres in El Salvador, gibt Konzerte, tritt in Fernsehshows auf, gibt Workshops für internationale Organisationen. Er wohnt in einem Mittelklasseviertel. Seine Texte holt er sich immer noch aus Bussen, vom Markt, in von Jugendbanden beherrschten Armenvierteln.

«Ich bin selbst im Ghetto aufgewachsen», sagt er. Er nennt solche Viertel nicht «tugurios», Löcher, oder etwas feiner «barrios marginales», ausgeschlossene Stadtviertel, wie man das in El Salvador im Allgemeinen tut.

Snifs Vater ist Schreiner und Prediger einer evangelikalen Kirche, seine Mutter Buchhalterin. «Wir hatten immer etwas zu essen zu Hause», sagt er. «Viele meiner Freunde hatten das nicht.» Er kann verstehen, dass sie sich einer Jugendbande anschlossen, Schutzgeld erpressten und Morde begingen. «Du hast Markenturnschuhe, du hast eine teure Uhr, du hast eine Waffe. Das ist cool», sagt er. «Aber es ist scheisse. Viele alte Freunde sind heute tot.»

In der Kirche seines Vaters hat Snif zum ersten Mal öffentlich gerappt. «Ich habe von Gott geredet und so.» Daraus ist die erste Hip-Hop-Formation des Landes entstanden, bei der eine Frau mit auf der Bühne stand. Nach drei Jahren flog die Band auseinander. Dann hatte er die Idee mit den Bussen. Er nahm an Rap-Battles teil, einer Art Boxkampf mit Worten, bei denen der Gegner aus dem Stegreif erniedrigt wird. Die meisten hat er gewonnen. «Das habe ich heute nicht mehr nötig.» Erst war er in der Szene bekannt, dann wurden Medien auf ihn aufmerksam, am Ende internationale Hilfswerke. Hin und wieder aber rappt er noch immer in Bussen. «Das ist das Leben, das in meinen Texten vorkommt.»

Sein Name Snif hat übrigens nichts mit Kokain zu tun. Er hat ihn aus einem Comic. Dort war ein weinender Hund zu sehen. In der Sprechblase stand: Snif. «Das hat mir gefallen.»

Brenda Vanegas, 35, Filmemacherin

«Ich habe das selbst durchgemacht»

Es gibt DokumentarfilmerInnen in El Salvador. Aber Spielfilme? Brenda Vanegas ist die Erste seit Jahren, die einen fertiggestellt hat: «Volar», fliegen. Eine nationale Produktion. Mit salvadorianischen Schauspielerinnen, Musikern, Technikerinnen und mit ihr als Regisseurin. Es war nicht einfach. «Wenn wir jedem von uns 1000 Dollar im Monat bezahlt hätten, hätte der Film 400 000 Dollar gekostet», sagt sie. «Wir haben ihn für 115 000 gedreht.» Am Ende war sie abgebrannt, ihr Auto verkauft, ihre Firma für Videoproduktionen bankrott. Aber der Film ist fertig.

Es geht um Migration. Eine junge Frau verlässt aus Not El Salvador. Sie geht nach Spanien. Sie verdient ihren Lebensunterhalt damit, dass sie eine alte demente Frau betreut. Es ist ein stiller Film. Es gibt nicht viel zu reden. «Volar» ist ein Film über die Einsamkeit von Migrantinnen. Er hat viel mit Vanegas’ Leben zu tun.

Als Vanegas sieben Jahre alt war, haben sich ihre Eltern getrennt. Die Mutter ging in die USA zum Arbeiten, die Tochter wuchs bei einem Onkel auf. Sie machte das Abitur, studierte Kommunikationswissenschaft, arbeitete in einer Videoklitsche für Werbespots. In ihrer Freizeit schrieb sie die ersten kleinen Drehbücher. Als sie 23 war, starb der Onkel. «Erst da wurde mir bewusst, dass die Beziehung zu meiner Mutter aus ein paar Telefonaten bestand und dem Geld, das sie regelmässig schickte», erzählt sie.

Sie ging selbst für eineinhalb Jahre nach New York. «Ich habe in Supermärkten gearbeitet und Spanischunterricht an Schulen gegeben.» Sie sparte, um sich ein Drehbuchstudium in Spanien leisten zu können. In New York entstand die Idee zu «Volar». Sie wollte einen anderen Film über Migration machen, keinen über den gefährlichen Weg in die USA. «Das kennt man.» Was ihr aufgefallen ist: Migranten tun sich meist mit einer Frau zusammen, gründen eine neue Familie und vergessen die zu Hause. Die Migrantinnen aber sind im Kopf immer auch in der Heimat, arbeiten, schicken Geld, sind einsam. «Ich habe das selbst durchgemacht.»

Am Anfang von «Volar» stand ein Stipendium von 25 000 Dollar. «Damit haben wir angefangen.» Immer, wenn das Geld ausging, haben sie und ihr Team in anderen Jobs gearbeitet und neue Geldtöpfe gesucht. So dauerte es drei Jahre. «Am Ende fehlten noch 40 000 Dollar», erzählt sie. «Wir haben es mit Crowdfunding versucht.» Und 60 000 Dollar bekommen. «So konnten wir es uns leisten, ein paar Szenen in Spanien zu drehen.» Und was sie besonders freut: 40 000 der 60 000 Dollar kamen aus El Salvador. Es gibt Interesse.

Ronald Morán, 46, bildender Künstler

«Die haben gesehen: Es ist möglich»

Er ist so etwas wie die Vaterfigur der neuen salvadorianischen Kunstszene. Er war der Erste, der es geschafft hat. Die Jüngeren suchen ihn auf, wenn sie Rat brauchen, wenn es scheint, als gehe es nicht mehr weiter, wenn sich niemand für ihre Kunst interessiert. Vor allem die MalerInnen kommen, denn Ronald Morán ist selbst bildender Künstler. Ihn Maler zu nennen, wäre zu wenig. Er arbeitet genauso mit Fotografie, mit Skulpturen, Collagen und allem, was dazwischen liegt. Auch er hat harte Zeiten hinter sich. Heute ist er der wahrscheinlich bestbezahlte bildende Künstler El Salvadors.

Moráns Atelier liegt gut zwanzig Kilometer ausserhalb der Hauptstadt auf dem Land, in einer stillgelegten Fabrik für Batterien. Hohe, helle Räume ohne direktes Licht. Die anderen Hallen haben jüngere KünstlerInnen für wenig Geld angemietet. Man nennt das Gelände «La Fábrica». Ein Treffpunkt der jungen Szene bildender KünstlerInnen.

«Ich habe 1990 mit der unabhängigen künstlerischen Arbeit angefangen», erzählt Morán. «Natürlich konnte ich nicht davon leben. Ich war froh, wenn hie und da ein Stück von mir ausgestellt wurde.» Er studierte Grafikdesign, dann arbeitete er als Illustrator für Tageszeitungen und Zeitschriften, ein paar Jahre war er auch in einer Kulturbehörde tätig. «Hin und wieder hat sich eine Galerie aus dem Ausland für meine Arbeiten interessiert und manchmal sogar etwas verkauft.» Sein erstes Geld als freier Künstler wurde Morán von einer Galerie aus Costa Rica überwiesen. «In El Salvador hat sich lange keiner für mich interessiert», sagt er. «Hier glaubt man, dass nur gut ist, was aus dem Ausland kommt.»

So wurde Morán in El Salvador erst wahrgenommen, als er Erfolg im Ausland hatte. Seine Werke werden heute in Costa Rica, Kolumbien und den USA verkauft, und vor allem in Italien. «Ein Salvadorianer und sein Blick auf die Welt sind dort etwas Neues, Frisches.» Sein Netzwerk aus Galerien hat er sich selbst aufgebaut, mit viel Geduld. Erst 2004 hat er den Sprung gewagt, hat seinen letzten Job gekündigt und lebt seither von der Kunst. «Die Jüngeren haben gesehen: Es ist möglich», sagt er. «Auch dieses Land kann eine Plattform sein.» Besuche von GaleristInnen aus dem Ausland in der Fábrica sind keine Seltenheit mehr.

Die jüngeren Künstlerinnen und Künstler hätten es heute leichter und schwerer zugleich, sagt Morán. Leichter, «weil es keine Zensur und keine Verfolgung mehr gibt wie zu Zeiten des Kriegs». Und schwerer, «weil du heute die Regierung mit deinem Werk noch so hart kritisieren kannst. Niemand regt sich darüber auf.»

Elena Salamanca, 36, Schriftstellerin

«Ich weiss, meine Geschichte ist alltäglich»

Schriftsteller haben es schwer in El Salvador, Schriftstellerinnen noch viel schwerer. «Es existieren keine Stipendien wie für Filme oder Malerei», sagt Elena Salamanca. Und die wenigen, die trotzdem schrieben, seien überwiegend Männer. «Als Frau ist man da ziemlich einsam.» Auch sie nennt zwei Männer als Vorbilder: den 2016 verstorbenen Erzähler und Poeten Ricardo Lindo, «weil er der Erste war, der offen schwul war, und weil seine Texte alle Genregrenzen sprengen». Und Roque Dalton, der 1975 von den eigenen Guerillagenossen ermordet wurde und bis heute als bedeutendster zeitgenössischer Schriftsteller El Salvadors gilt. «Mit Roque hatte ich zuerst Probleme, wegen seiner politischen Vereinnahmung und weil alle jungen Dichter sein wollen wie er», sagt sie. «Roque Dalton war ein Säufer und ein Genie. Seine Nachahmer sind allesamt nur Säufer.»

Mit neun Jahren fing Elena Salamanca zu schreiben an, nachdem ihr Vater ermordet worden war. Zunächst waren es nur Gedichte, nie zur Veröffentlichung bestimmt. Direkt über den Tod des Vaters schrieb sie erst 23 Jahre später, nachdem sie von einem Kampfhund angefallen worden war. «Ich lag mehrere Wochen reglos im Spital und hatte viel Zeit zum Nachdenken.» Eigentlich studierte sie Journalismus und arbeitete auch ein paar Jahre für eine Zeitung. Inzwischen hat sie einen Roman veröffentlicht, einen Band mit Erzählungen, zwei Gedichtsammlungen und zwei Bände mit Essays. Derzeit arbeitet sie an zwei weiteren Romanen. Ihre Themen: Schmerz und Trauer. Ihre eigene Geschichte. «Ich weiss, meine Geschichte ist alltäglich», sagt sie. «Gerade deshalb ist sie exemplarisch.» Vom Schreiben leben kann sie nicht.

Derzeit absolviert Elena Salamanca ein Promotionsstipendium. Sie schreibt an einer Arbeit über zentralamerikanische ExilantInnen in Mexiko in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ansonsten nimmt sie, was kommt und bezahlt wird. Zuletzt hat sie eine Ausstellung junger bildender KünstlerInnen im nationalen Kunstmuseum in San Salvador kuratiert. Und sie erledigt regelmässig Auftragsarbeiten für eine Bank: Sie betextet Bildbände zu allen möglichen Themen: über die Flora und Fauna El Salvadors genauso wie über die nationale Malerei des 19. Jahrhunderts. «Das sind Werbegeschenke», sagt sie. «Das kommt nicht einmal in die Buchhandlungen. Aber es wird ordentlich bezahlt.»

Aus dem Verkauf ihrer literarischen Bücher bekommt sie nur dann Tantiemen, wenn es eine zweite Auflage gibt, «und die wird nie gedruckt». Nein, von ihrer Literatur werde sie nie leben können. «Aber ich glaube, dass ich von meinem Denken leben kann.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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