El Salvador : Blüten in einer sozialen Wüste

Nr.  35 –

Wie sich eine junge Generation von KünstlerInnen in einem gewalttätigen Land Raum für die eigene Entfaltung schafft.

  • Treffpunkt der jungen KünstlerInnen der Stadt: Die Casa Tomada in San Salvador. Fotos: Juan Carlos
  • Snif, 25, Rapper
  • Brenda Vanegas, 35, Filmemacherin
  • Ronald Morán, 46, bildender Künstler
  • Elena Salamanca, 36, Schriftstellerin

El Salvador, hat US-Präsident Donald Trump einmal gesagt, das sei – zusammen mit Haiti und ein paar afrikanischen Ländern – ein «shithole». Er hatte damit gar nicht so unrecht: Das kleinste Land Zentralamerikas, gerade halb so gross wie die Schweiz, nimmt seit Jahrzehnten auf der Liste der Länder mit den im Verhältnis zur Bevölkerung meisten Morden einen der ersten drei Plätze ein; oft ist es der erste. Auf jeden Mord in der Schweiz kommen bis zu 200 Morde in El Salvador. 90 Prozent der Flüsse und Seen sind verseucht, und doch bezieht der arme Teil der Bevölkerung daraus sein Trinkwasser. 95 Prozent der einst dort stehenden Wälder sind abgeholzt. Das Land ist eine soziale und ökologische Wüste.

Und doch blüht in dieser Wüste seit wenigen Jahren ein kleines, noch zartes Pflänzchen der Kultur. Junge Leute, die alle ein bisschen verrückt sind und glauben, man könne in diesem Land KünstlerIn sein und davon leben – und die meisten schaffen es sogar, irgendwie. Es gibt Schauspielerinnen, Maler, Schriftstellerinnen, Musiker; sogar ein halbes Dutzend FilmemacherInnen. Es gibt unglaubliche Karrieren: Ein junger Mann aus einem Armenviertel unter der blutigen Fuchtel einer Jugendbande ist heute ein lokaler Hip-Hop-Star. Eine ehemals ambulante Händlerin vom Zentralmarkt ist Schauspielerin und war mit ihrer Truppe – alles ehemalige Marktfrauen – schon in Spanien auf Tournee. Sie alle beziehen ihre Themen und Anregungen aus diesem gewalttätigen und heruntergekommenen Umfeld. Und sie rebellieren dagegen. «Wir sind es satt, wie dieses Land ist», sagt die Wandmalerin Malu Saenz. «Wir müssen intervenieren.»

El Salvador war lange auch in kultureller Hinsicht eine Wüste. In den achtziger Jahren wütete ein blutiger Bürgerkrieg, Intellektuelle und KünstlerInnen waren für die Militärs mindestens asozial, wenn nicht gar KommunistInnen, und beides konnte damals tödlich sein. Auch der linken Guerilla waren freie DenkerInnen suspekt. Roque Dalton, der wohl bedeutendste Schriftsteller des Landes, kämpfte im Revolutionären Volksheer (ERP). Er wurde von seinen eigenen Genossen wegen seiner oft sehr eigenen Meinung für einen Spion der USA gehalten und 1975 erschossen. Wer fliehen konnte, floh.

Von Hoffnung und Enttäuschung

Nach dem Friedensvertrag von 1992 kehrten zwar viele KünstlerInnen zurück, aber sie blieben nicht lange. Sie hatten ihre Hoffnung in den zur Partei gewordenen vorigen Guerillaverband FMLN gesetzt. Der Kulturbegriff der RevolutionärInnen aber war eher stalinistisch: Kunst ist Propaganda für die Revolution. Kein Raum für künstlerische Entfaltung. Zurück blieben nur ein paar junge Unentwegte. «Es gab in San Salvador eine Kleinkunstkneipe, es gab eine Rockszene, und es gab Bars, in denen junge Poeten Gedichte vortrugen», erinnert sich Elmer Menjívar, einer der wenigen Kulturjournalisten des Landes. «Aber wir waren Studenten und lebten vom Geld unserer Eltern. Irgendwann mussten wir selbst etwas verdienen.» So verendete auch diese kleine Szene.

Das, sagt Menjívar, sei einer der wesentlichen Unterschiede zu heute: «Man kann jetzt mit Kultur Geld verdienen; nicht viel, aber immerhin.» Vor ein paar Jahren haben internationale Institutionen wie Unicef, Entwicklungsagenturen wie USAid und Hilfswerke wie Oxfam die Kultur als Werkzeug entdeckt. Schauspielerinnen, Maler, Filmemacherinnen und Musiker werden unter Vertrag genommen, um in Problemvierteln Workshops zu leiten – Kultur als Gewaltprävention. Der Rapper Snif, der schon bei mehreren Workshops mitgearbeitet hat, drückt es so aus: «Ein Rapper mehr ist ein Mörder weniger.»

Inzwischen gibt es einen Treffpunkt für die noch junge Szene: La Casa Tomada, auf Deutsch: das besetzte Haus. Es ist nicht besetzt, es wurde von der neuen Kulturszene übernommen. Die spanische Botschaft bezahlt einen Teil der Miete, den Rest übernehmen ein Fotostudio, ein Tattoostudio, eine kleine Druckerei, ein Verlag, eine Videoproduktionsgesellschaft und ein Café, die sich dort eingemietet haben. Dazu kommen Einnahmen aus einem kleinen Kino und einem Theatersaal. Dieses Zentrum, sagt Menjívar, habe die Szene explodieren lassen. «Man trifft andere und sieht: Die machen das, was ich auch machen will, und es ist möglich.» Snif schätzt an diesem Treffpunkt das, was er «kollaborative Ökonomie» nennt: «Eine Schauspielerin hat mir beigebracht, wie ich mich besser auf der Bühne bewege», erzählt er. «Malu Saenz hat mir das Cover für meine letzte CD gemacht.»

Auch international sind Austausch und Informationsbeschaffung viel leichter geworden. «Früher hatten wir keine Ahnung, was in anderen Ländern geht», sagt Menjívar. Er hatte das Glück, dass der Rektor der Universität, an der er studierte, ein Abonnement der spanischen Tageszeitung «El País» hatte – eine Seltenheit, die lange nach dem Erscheinungsdatum eintraf. Menjívar durfte sich den Kulturteil ausleihen. «Das war meine einzige Verbindung zur kulturellen Welt.» Heute kann man in El Salvador genauso wie anderswo übers Internet lesen und sich vernetzen.

Und noch etwas hat die Digitalisierung ermöglicht. Die Filmemacherin Brenda Vanegas etwa hat ihre ersten filmischen Experimente mit einer Digitalkamera für 200 US-Dollar gedreht. «Zehn Jahre früher wäre das undenkbar gewesen», sagt sie. «Die Geräte und das Material waren unbezahlbar.»

Der Krieg, eine vage Erinnerung

Das alles sind materielle Voraussetzungen, die das Entstehen der Szene möglich gemacht haben. Viel wichtiger aber ist: Für diese neue Generation von KünstlerInnen ist der Bürgerkrieg Geschichte, allenfalls eine vage Erinnerung. Man muss sich nicht mehr auf die eine oder andere Seite schlagen oder ins Exil gehen, wenn man überleben will. KünstlerInnen sind heute freier. Der Krieg spielt nur deshalb noch immer eine Rolle, weil man sich mit seinen gewalttätigen Hinterlassenschaften herumschlagen muss. Brenda Vanegas sagt: «Ich wurde viel mehr durch die Gewalt in meinem Elternhaus geprägt als durch die Gewalt im Krieg.» Der Vater der Schriftstellerin Elena Salamanca wurde ermordet, als sie neun Jahre alt war. Ein «gewöhnlicher» Mord und einer der vielen, die nie aufgeklärt wurden. Man findet dieses Motiv immer wieder in ihren Erzählungen.

«Man macht nicht mehr Kultur für die Revolution», sagt Menjívar. Die neue Generation bezieht ihre Themen aus dem heutigen El Salvador. Die Truppe der Schauspielerin Magdalena Hernández verarbeitet in ihren Stücken Erfahrungen vom Zentralmarkt: Gewalt, Hehlerware, Probleme mit der Polizei. Die Gruppe hat es damit bis ans Nationaltheater gebracht. «Wir haben dort der Elite einen Teil ihres Landes gezeigt, den sie bis dahin nicht kannte», sagt Hernández. «Wenn das nur einen zum Nachdenken gebracht hat, hat es sich schon gelohnt.»

Gewalt, Migration, Armut, eine repressive Polizei, die schneller schiesst als fragt – die meisten der jungen KünstlerInnen haben das selbst erlebt und begehren dagegen auf. Die meisten unter prekären Bedingungen. Man lebt von einem Monat zum nächsten, aber es geht. «Anderswo würde man sich einfach irgendeiner kulturellen Strömung anschliessen», sagt Menjívar. «Hier muss man sich noch alles selbst erschaffen. Das ist schwer, aber es ist auch spannend.»

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