Nr. 46/2018 vom 15.11.2018

Im Bann der Felsentherme

Von Franziska Meister

Die Therme Vals ist ein magischer Ort: Ihr sind schon viele verfallen – im Guten wie im Schlechten. Und sie ist der Quell allen Unheils, das in den vergangenen Jahren über das kleine Bündner Bergdorf hereingebrochen ist … Aber deshalb ist Pierre nicht hier (obwohl auch ihn das Unheil noch ereilen wird). Sein Schöpfer Lucas Harari, der mit dreizehn Jahren selbst der Faszination von Peter Zumthors preisgekröntem Bau erlegen ist, schickt den gescheiterten Pariser Architekturstudenten nach Vals, um ebendieser Faszination auf den Grund zu gehen.

Lucas Hararis Stilmittel sind Ligne Claire und Siebdruck in Rot-Blau-Schwarz – verschnörkelt ist einzig die Schrift in seinem beeindruckenden Graphic-Novel-Debüt «Der Magnet». Unverkennbar ist auch die literarische Inspirationsquelle, Paul Austers «Stadt aus Glas» (1985). Bloss dass Pierres Notizbuch nicht rot ist wie bei Auster, sondern schwarz. Darin versucht er, den Grundriss des Thermalbads mit Zeichnungen und Skizzen festzuhalten, doch irgendwie will es ihm nicht gelingen, die Dimensionen des Baus auf Papier zu bannen. Ganz im Gegenteil: Bei seinen Explorationen kommt er sich selbst immer mehr abhanden.

Denn da ist auch noch die Geschichte vom Schlund des Bergs. Die Mär besagt, die Quelle im Zentrum der Therme sei ein Zugang zum Innern des Bergs – und dieser suche sich alle hundert Jahre einen Fremden, locke ihn an und verschlinge ihn. Und was hat es eigentlich mit dem Stein auf sich, der Pierre bei seiner Anreise durchs offene Zugfenster zugeflogen ist? Er spielt, so viel sei verraten, ebenso eine Schlüsselrolle wie Pierres Zippo und, natürlich, das Notizbuch, das plötzlich verschwindet und noch von andern gejagt wird. So entwickelt «Der Magnet» auch visuell einen zunehmenden Sog und fächert gleichzeitig ein Labyrinth aus möglichen Geschichten auf – mit unabsehbarem Ende.

Gespräch mit dem Autor: Donnerstag, 15. November 2018, 19 Uhr, in der Buchhandlung Never Stop Reading, Zürich.

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