Nr. 46/2018 vom 15.11.2018

Sklaven der Autobahn

Von Susan Boos

Die Truckerromantik ist längst dahin. Dass es aber so schlimm ist, hat nun doch überrascht: Ende vergangener Woche wurden insgesamt vierzig Lkw-Fahrer in Sicherheit gebracht, die für die dänische Firma Kurt Beier gearbeitet hatten. Die Gewerkschaften in Dänemark und Deutschland hatten interveniert. Die einen Fahrer waren im dänischen Padborg, gleich an der deutschen Grenze, stationiert, die anderen in Ense, in der Nähe von Dortmund. Was sie erzählen, erinnert an Menschenhandel und Sklaverei.

Das Fachmagazin «Eurotransport» fasste die Vorwürfe zusammen: Die Fahrer waren unter Vortäuschung falscher Tatsachen auf den Philippinen angeworben worden – man hatte ihnen etwa gute Löhne versprochen. Sie mussten jedoch hohe Summen ausgeben, damit der Anwerber ihnen in Polen scheinlegale Papiere besorgte, wo sie dann aber gar nie arbeiteten. Sie fuhren stattdessen durch die Beneluxländer, Deutschland und Skandinavien. Einige der Philippiner leben seit achtzehn Monaten in ihrem Lkw. «Sie haben keinen anderen Zufluchtsort und verbringen auch ihre langen Wochenendruhezeiten illegalerweise im Lkw», schreibt «Eurotransport». Zudem würden sie zu Mehrarbeit angehalten, die zu Überschreitungen der Lenk- und Ruhezeiten führen.

Viele rumänische, ukrainische oder litauische Lkw-Fahrer arbeiten unter ähnlichen Bedingungen und queren auch die Schweiz (vgl. «Das ganze Leben in der Lkw-Kabine»). Doch für die Philippiner ist die Situation noch verschärfter, weil sie sehr weit weg von zu Hause sind. Eigentlich hätten die Chauffeure Anspruch auf den Mindestlohn, der in dem Land gilt, in dem sie unterwegs sind. In Deutschland wären das etwa 2300 Euro. Die Philippiner bekamen aber nur 500 Euro monatlich, wie «Faire Mobilität», ein Projekt des Deutschen Gewerkschaftsbunds, schreibt.

Europa gehen die billigen Lkw-Fahrer aus. Das ist mit ein Grund, weshalb bereits auf den Philippinen Leute rekrutiert werden. Würde man die Fahrer besser bezahlen und behandeln, wäre der Beruf wieder attraktiver. Und der Gütertransport auf der Schiene könnte preislich mit der Strasse mithalten.

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