Nr. 46/2018 vom 15.11.2018

Der Mann, der den Nazis den Donnergott entriss

Die Comiclegende Stan Lee, Autor und Verleger bei Marvel Comics, ist im Alter von 95 Jahren in Los Angeles verstorben. Nachruf auf einen produktiven Selbstdarsteller.

Von Etrit Hasler

Schon mit neunzehn Jahren wurde er vom Korrekturleser zum Chefredaktor befördert: Stan Lee, angeblich Erfinder von 362 Comicfiguren – hier im Jahr 1996. Foto: Evan Hurd, Alamy

Er war das Gesicht von Marvel Comics – und das während fast achtzig Jahren. Und auf die Gefahr hin, seinem überdimensionierten Ego posthum ein letztes Mal zu schmeicheln: Er war das wohl bekannteste Gesicht der gesamten Comicbranche. Die zurückgekämmten grauen Haare, der gut gestutzte Schnauzer, die getönte Sonnenbrille und natürlich dieses breite Grinsen, das er seit den sechziger Jahren ununterbrochen zu tragen schien: Wenn er einen seiner unzähligen Kurzauftritte in einem dieser Superblockbuster hatte, die mittlerweile im Monatsrhythmus in den Kinos landen, wussten selbst die Genrefremdesten: Das ist Stan Lee. Und wir Nerds durften dann korrigieren: Stan «The Man» Lee, bitte schön. «Nuff Said», wie er seine Kolumnen zu beenden pflegte.

Seine Biografie kann jeder Marvel-Fan im Schlaf herunterbeten: Geboren 1922 als Stanley Martin Lieber in New York als Kind jüdischer ImmigrantInnen aus Rumänien, aufgewachsen in der Bronx, landete er mit siebzehn Jahren als Tuscheauffüller und Korrekturleser bei Timely Comics, einem Verlagshaus für Genrecomics und andere Schmuddelliteratur – Horror, Science-Fiction, Romanzen. Schon mit neunzehn Jahren wurde er dort Chefredaktor, eine Position, die er – unterbrochen nur vom Militärdienst im Zweiten Weltkrieg – bis 1972 behalten würde, als der Verlag schon längst seinen Namen zu Marvel Comics geändert hatte. Danach war er Verlagsleiter und ab den achtziger Jahren der Pionier, der die Comics nach Hollywood brachte. Zumindest war er der Erste, der es versuchte.

Hefte im Akkord

Lee war ein Wahnsinniger. Ein Con Man, ein Hochstapler, eine konstant explodierende Bombe an Ideen – manche davon genial, viele davon banal bis unbrauchbar, wie der Korpus an Werken belegt, die er geschaffen hat. Wikipedia weist 362 Comicfiguren als seine geistigen Schöpfungen aus, eine riesige Zahl, die auch Fragen aufwirft. Insbesondere, weil Stan Lee das Business revolutionierte, indem er kein komplettes Drehbuch mehr lieferte, sondern den Produktionsprozess umdrehte: Die Zeichner erstellten ihre Seiten aufgrund eines groben Abrisses von Handlung und Figuren, Lee selber füllte die Zeichnungen mit Dialogen und Beschreibungen auf. Kein Wunder, dass er so bis zu einem Dutzend Hefte pro Monat schreiben konnte. Und kein Wunder auch, verfolgte ihn zeitlebens die Behauptung, er habe sich als Schöpfer von Figuren ausgegeben, die in Wirklichkeit von den Zeichnern erdacht worden waren.

Die Liste dieser Schöpfungen ist allerdings eindrücklich und ein roter Faden nicht von der Hand zu weisen. Die prägendsten Figuren des sogenannten Silbernen Zeitalters der Comics, jener Phase ab 1962, als das totgesagte Genre des Superheldencomics wieder auferstand, stammten von ihm und einem weiteren jüdischen Jungen aus der Bronx, dem Zeichner Jack «King» Kirby: die Fantastic Four, Silver Surfer, Hulk, die X-Men und nicht zuletzt Nick Fury, den man heute in seiner Verkörperung durch Samuel L. Jackson aus den Marvel-Filmen weltweit kennt. Fury war 1963 aus einer Wette zwischen Stan Lee und seinem Verleger Martin Goodman entstanden, dass er und Kirby auch ein Magazin mit dem dümmstmöglichen Titel noch zum Erfolg machen könnten: «Sgt. Fury and his Howling Commandos». Die Serie überlebte 18 Jahre und 167 Hefte.

Wo der Hammer hängt

Jedes Heft verkündete «Stan Lee presents», jedes enthielt «Stan’s Soapbox», eine Kolumne, in der Lee über alles schrieb, was ihm gerade durch den Kopf sprudelte, von Bürointerna bis zur Weltpolitik. Und er mischte sich ein: Die ethnischen Spannungen in den USA und die Ermordung Martin Luther Kings, die Ölkrise und der Widerstand gegen die Atomenergie, die Nixon-Affäre – all das tauchte brühwarm in «Stan’s Soapbox» und in den Comics auf. Zusammen mit Kirby entriss er den Nazis die asgardische Götterwelt und verwandelte Donnergott Thor vom Schutzpatron der Waffen-SS zu einem Kämpfer für Demokratie und Diversität. Und mit Black Panther erschufen die beiden einen der ersten schwarzen Superhelden – wobei die Namenswahl damals so skandalös war, dass die Figur ihren Namen zeitweise ändern musste.

In den achtziger Jahren hatte Lee dann genug vom Tagesgeschäft und zog nach Los Angeles, wo er durch Film- und Fernsehstudios tingelte, um seine Figuren auf die Leinwand zu bringen. Die «Hulk»-Fernsehserie (1978–1982) mit dem Bodybuilder Lou Ferrigno war lange sein erfolgreichstes Filmprojekt – bis Sam Raimis «Spider-Man» (2002) die Multiplexkinos eroberte und so auf lange Sicht auch den Avengers den Weg ebnete, die Marvel Comics in Hollywood endgültig zum Milliardengeschäft machen sollten. Lee durfte das noch erleben – und sich geschmeichelt fühlen. Keine Comic Convention, an die er auch mit über neunzig Jahren nicht eingeladen wurde. Keine Comicverfilmung ohne einen kleinen Gastauftritt von ihm – selbst bei Filmen der Konkurrenz.

Erst vor wenigen Monaten hatte Stan Lee noch seinen letzten Kurzauftritt abgedreht – für den vierten Avengers-Film, der im Sommer 2019 in die Kinos kommen soll. Am Montag, 12. November, starb er in Los Angeles im Alter von 95 Jahren. Nuff Said.

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