Nr. 47/2018 vom 22.11.2018

Endstation Grenze

Tausende Menschen haben sich voller Hoffnung der MigrantInnenkarawane angeschlossen – von Honduras bis in den Norden Mexikos. Doch vor der US-Grenze warten nur Stacheldraht, Helikopter und SoldatInnen auf sie.

Von Wolf-Dieter Vogel, Tijuana

Eine Dusche am Zaun: Mit der Karawane Angekommene am vergangenen Samstag in der Sportanlage Benito Juárez, Tijuana. Foto: Carlos Garcia Rawlins, Reuters

Keine hundert Meter liegt das Land entfernt, an das Vicente Romero Pimea so grosse Hoffnungen knüpft. Er hat sich ganz nach oben gesetzt, auf die höchste Bank der hölzernen Tribüne der Sportanlage Benito Juárez. Von hier aus kann er über den rostigen, fünf Meter hohen Metallzaun hinwegblicken, der ihn von seinem Ziel trennt. 4000 Kilometer hat der 48-Jährige aus Honduras in den letzten Wochen zurückgelegt, um hierherzugelangen. Er hat tropische Regengüsse unter Plastikplanen ertragen, ist stundenlang bei brütender Hitze marschiert und hat die kalten Nächte überstanden. Jetzt ist er hier, in der nordmexikanischen Stadt Tijuana. Nur noch eine letzte Hürde müsste er überwinden, um in die USA einzureisen. Aber wie?

Vergangenen Mittwoch ist er mit seinem Freund Marvin Josua Fernandez in der Sportanlage Benito Juárez angekommen – gemeinsam mit einer Karawane von vielen weiteren MigrantInnen. Das Gelände im Herzen von Tijuana dient als Auffanglager für die Reisenden. Etwa 2400 Menschen sind hier im Moment untergebracht. Mindestens 3000 weitere sollen in diesen Tagen hinzukommen. Sie alle wollen in die USA. Doch US-Präsident Donald Trump hat klargemacht, dass er das nicht zulassen wird. 5000 SoldatInnen und 2000 ReservistInnen stehen auf der anderen Seite des Zauns bereit. Und als sei das nicht genug, kreist an diesem Nachmittag ständig ein blau-weisser US-Hubschrauber über der Sportanlage. «Gott wird uns helfen», ist Fernandez überzeugt.

Seit dem 13.  Oktober sind Pimea und Fernandez unterwegs. Mit ein paar Hundert weiteren Menschen haben sie sich von der honduranischen Stadt San Pedro Sula aus auf den Weg gemacht. Schon vor Monaten hatten sie überlegt, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. «Es gibt keine Arbeit, wir wussten nicht, wie wir die Familien ernähren sollten», erklärt Pimea, der sich mit einem dunklen Kopftuch vor der Sonne schützt. Sie hatten nicht mehr genug Geld verdient, um das Essen und die Kleidung ihrer Frauen und Kinder finanzieren zu können. Deshalb stand ihr Entschluss schnell fest: «Als wir in den Nachrichten von der Karawane hörten, haben wir uns sofort angeschlossen», erzählt Fernandez.

Der grösste Menschentreck seit je

Vicente Pimea und Marvin Josua Fernandez aus Honduras. Foto: Wolf-Dieter Vogel

Innerhalb weniger Tage ist der Treck auf mehrere Tausend Menschen angewachsen: Frauen und Männer, Kleinkinder und Jugendliche, auch eine Gruppe von Schwulen, Lesben und Transmenschen ist dabei. Mit etwa 7500 Beteiligten ist der Zug zur grössten MigrantInnenkarawane geworden, die je durch diese Region gezogen ist. Vom mexikanischen Süden reisten sie über die Hauptstadt in den Nordwesten des Landes. Immer wieder, so betont Pimea, hätten ihnen BürgerInnen in Mexiko geholfen. «Sie gaben uns etwas zu essen, schenkten uns Wasser und kümmerten sich um medizinische Versorgung.» Ab Mexiko-Stadt hatten UnterstützerInnengruppen Busse organisiert, die die vor Armut und Kriminalität Flüchtenden nach Tijuana brachten. Unterdessen haben sich weitere Karawanen auf den Weg gemacht. Zwei von ihnen sind inzwischen in der Hauptstadt angekommen. Auch sie planen, nach Tijuana weiterzureisen.

Doch auf dem Sportgelände Benito Juárez wird es langsam eng. Kleine Zelte, provisorisch gespannte Plastikplanen und unzählige Matratzen behindern den Durchgang. An allen Zäunen und Gerüsten hängt Wäsche. Immer wieder bilden sich Schlangen, wenn MitarbeiterInnen der Stadtverwaltung gespendete T-Shirts, Hosen oder Decken verteilen. Auf dem Baseballplatz stehen zwanzig Toiletten und ein paar Duschen, die für die tägliche Hygiene von Tausenden reichen müssen. Nur die wenigsten verlassen die Anlage. Manche sitzen vor dem Eingang und schlagen die Zeit tot.

Kaum einer wagt sich aus dem Sportzentrum die paar Strassen weiter, in die quirlige Zona Norte von Tijuana, wo Erotikshops, Tabledance-Kneipen und Diskotheken Sex- und PartytouristInnen aus dem jenseits der Grenze gelegenen San Diego anlocken. Auf der anderen Seite des Sportzentrums, hinter dem Baseballplatz, steht der Metallzaun, der den Grenzübertritt verhindert.

Soll er in den USA Asyl beantragen? Pimea ist unschlüssig. Nur die wenigsten haben Chancen auf Erfolg. Wenn überhaupt, so sagen ExpertInnen, dann Frauen und Kinder. Zudem hat Trump ein noch umkämpftes Dekret erlassen, nach dem niemand einen Asylantrag stellen kann, der zuvor illegal eingereist ist. Pimea ist aber auch aus einem anderen Grund zurückhaltend. «Wenn ich Asyl beantrage, werde ich möglicherweise sechs Monate eingesperrt, bevor die Entscheidung fällt», sagt er. «Zu Hause sitzen meine Frau und das Kind. Sie brauchen jetzt Geld.» Also doch einen «coyote», wie die Leute genannt werden, die einen illegal über die Grenze bringen? «Die Schlepper kassieren viel Geld, und dann lassen sie dich in der Wüste sitzen», wirft Ismael Leonardo Gonzalez ein. Der junge Honduraner hat sich zu seinen Landsleuten auf die Tribüne gesellt. Immer wieder schweigen die drei und blicken zum Metallzaun, in die Ferne.

Nationalflaggen und Stacheldraht

Endstation Tijuana? Nein, sagt Irineo Mujica von der Organisation Pueblo Sin Fronteras (Volk ohne Grenzen). Der Aktivist hat die Karawane begleitet, nun steht er am Eingang der Sportanlage und spricht mit ReporterInnen. Mexikos Regierung stehe unter Druck, sagt er. Sie müsse Arbeitsplätze und Bewegungsfreiheit anbieten. Tatsächlich findet später wenige Meter vom Gelände entfernt ein kleiner «Arbeitsmarkt» statt, auf dem UnternehmerInnen Jobs anbieten. Für Cruz Chicas López ist das dennoch eine schlechte Alternative. Die Vierzigjährige ist bereits im Juni mit ihrer sechzehnjährigen Tochter vor der Gewalt in Honduras geflüchtet – gemeinsam haben sie in der Stadt Tapachula gearbeitet. Doch die Behörden haben ihr nie Aufenthaltspapiere ausgestellt. Und überhaupt: «Das mexikanische Geld ist ja auch nicht viel mehr wert als das honduranische.»

Eine Strassenkreuzung von der Anlage entfernt ist mittlerweile eine aufgebrachte Menschenmenge eingetroffen. «Honduraner raus!», brüllen einige von ihnen, schwenken die Nationalfahne und halten Schilder in die Höhe, auf denen «Mexiko zuerst» und «Raus mit den Invasoren!» steht. Eine gut ausgerüstete Polizeieinheit hindert die Meute daran, auf das Gelände vorzudringen. Die etwa 300 GegnerInnen der Karawane haben sich am Morgen in einem anderen Stadtteil versammelt, 100 von ihnen sind schliesslich hierhermarschiert. «Die Migranten sind aggressiv und gewalttätig», ruft eine Frau, und ein Mittfünfziger fügt an: «Wir brauchen nicht noch mehr Kriminelle.» Bereits zuvor hatte der Bürgermeister von Tijuana, Juan Manuel Gastélum, die Stimmung gegen die Menschen auf der Flucht angeheizt. «Das ist ein Haufen Arbeitsscheuer und Drogenabhängiger», sagte er. Die Ruhe und Sicherheit in Tijuana seien gefährdet, erklärte der Vorsteher einer Stadt, in der dieses Jahr schon 2300 Menschen ermordet wurden.

Warum dieser Hass? Vicente Pimea kann das nicht nachvollziehen. Ausgerechnet in Tijuana, einer Grenzstadt, die erst durch die Migration ihre Bedeutung erlangt hat. Wer auf dem Sportgelände Drogen nimmt, wird sofort rausgeworfen. Und nur weil er arbeiten will, ist Pimea hier. Der 48-Jährige ist noch nachdenklicher als am Vortag. Gestern wurde ihm draussen auf der Strasse sein Koffer gestohlen. Alle seine Kleider sind weg, nur ein kleiner Rucksack ist ihm noch geblieben. Auf der anderen Seite der Grenze haben indessen MarinesoldatInnen begonnen, Stacheldraht auf den Metallzaun zu montieren. Was auch immer passiert, eines steht für Pimea ausser Frage: Ein Zurück gibt es nicht. Zu Hause wartet die Familie auf Unterstützung.

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