Nr. 48/2018 vom 29.11.2018

Konstruktive Gespräche

Michelle Steinbeck lernt etwas über Diskursverschiebung

Von Michelle Steinbeck

Vor kurzem lud sich der «Notizblockman von Chemnitz» (© Ruedi Widmer) an meine Universität auf ein Podium ein und sülzte sich in unsere Herzen. Nach seinem zweistündigen Monolog, der sporadisch unterbrochen wurde von Philosophieprofessor Markus Wild und dem studentischen Initiator der Bewegung «Müssen wir wirklich die Uni tapezieren mit den tausend Gratisexemplaren der ‹Weltwoche›?» (fälschlicherweise oft dargestellt als «Düzgün, der Bücherverbrenner»), klatschten die fröhlichen Händchen wie von selbst. Selbst die kritischsten StudentInnen erhoben sich und taten ihre Freude kund über diese tolle Veranstaltung, in der so vorbildlich «miteinander geredet» worden sei. Daraufhin reckte sich auch mutig ein Mitglied einer selbsternannten Minderheit, das erzählte, wie es sich schlecht fühle, wenn es in der Unibibliothek «ein altes Nein-Plakat zur Durchsetzungsinitiative» sehe. Durch die integrativen Vibes vom Notizblöckliman fühle es sich nun endlich bereit, sich als rechter Student zu outen, und es freue sich auf weitere «konstruktive Gespräche».

Zum Apéro gab es chilenischen Fusel und Erdnüsse. Der Notizblockman badete genüsslich in der aufgeregt wogenden studentischen Menge und war sich, flankiert von einem halben Dutzend Securitys, nicht zu schade, selbst abseits der Bühne seine angebliche intellektuelle Unterlegenheit, die natürlich seine bürgerliche Bodenständigkeit beweisen soll, zu mimen. «Sie sind einfach viel gescheiter als ich», ist einer seiner Lieblingsausrufe auf des Professors geduldig-sachliche Ausführungen, weshalb die «Weltwoche» ein nicht ganz unproblematisches Blatt sei. Strategische Zweideutigkeit? – «Das war nicht so gemeint.» Ankereffekt? – «Das stimmt nicht.» Polarisierung? – «Wir hatten auch mal einen Artikel für Feminismus.» Verantwortung? – «Die übernehme ich. Für meine Familie und meine Angestellten.» Argumentieren hat er nicht nötig; die herkömmliche Taktik zieht. Der Student fühle sich von der «Weltwoche» diskriminiert? Ja, wissen Sie, wem das noch viel mehr passiert? Dem Notizblockman selber! Dem Milizsoldaten gegen die Kriminalisierung von Meinungen! Die Opfer-Täter-Umkehr wird zum Running Gag des Abends; er kann sich ein Kichern nicht verkneifen, wenn er klagt: «Ich werde ständig diffamiert, ständig.» Er kann wohl kaum fassen, wie leicht es ihm hier gemacht wird. Eine dem universitären Kontext angemessene Differenzierung und Definition des Begriffs «Diskriminierung», die ihn als selbsternannten Diskriminierten disqualifiziert hätte, bleibt den ganzen Abend über aus.

So schwenkt er sein Blatt hoch in der Luft und ruft in den Studierendenpulk: «Nehmen Sie sich das als Handwerk! Und hören Sie auf, Bedeutungsebenen reinzuinterpretieren, die da gar nicht sind!» Die Leute lachen. Sein zweiter Dauerbrenner: Markus Wild und allen KritikerInnen vorzuwerfen, dass sie die weltwochschen Suggestionen falsch verstehen würden. «Ich meine das überhaupt nicht so – diese schlimmen Interpretationen entstehen alle ganz in Ihrem Kopf. Denken Sie da mal drüber nach: Vielleicht sind Sie hier der Fremdenfeind?»

Es war tatsächlich eine interessante Veranstaltung. Wir konnten einiges lernen über Diskursverschiebung, rechte Normalisierung und rhetorische Populistentricks wie Verneinung, Umkehrung, Ablenkung durch Schwadronieren. Mit einem konstruktiven Gespräch auf Augenhöhe hatte das aber nichts zu tun.

Michelle Steinbeck ist Autorin und studiert an der Universität Basel Philosophie, Soziologie und andere Ideologien. Besonders gern bei ProfessorInnen, vor denen die «Weltwoche» warnt.

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